Antonias Tod - DER SPIEGEL
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HILPERT-PREMIERE Antonias Tod

• aus DER SPIEGEL 30/1959
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Am bisher heißesten Tage dieses Jahres

in Göttingen bot der Intendant des dortigen Deutschen Theaters, Heinz Hilpert, seinem Publikum eine Uraufführung, die den Temperaturen angemessen schien -

ein Schauspiel, dessen eigentliche Handlung angeblich nur wenige Bruchteile einer Sekunde dauerte, oder, wie es im »Vorwort zum Stück« heißt: »Die Handlung spielt sich innerhalb der unmeßbaren Zeitspanne zwischen den zwei Gedanken eines Mannes ab: einem bestimmten Wunsch und seiner Reue über diesen Wunsch.«

Der 49jährige, aus Österreich stammende englische Dramatiker Stephen Wendt glaubt in diesem - trotz der kurzen Grundhandlung immerhin dreiaktigen - Schauspiel »Das unentdeckte Land« das Leben zumindest zweier Menschen - das seines Helden Julian und dessen Verlobter Antonia -

auf diesen einen, kurzen Augenblick hin ausrichten zu können. Bühnenheld Julian hat über seine Verlobte erfahren, daß sie Dirne und Morphinistin gewesen ist, und muß sich nun entscheiden, ob er bei ihr bleiben will oder nicht.

Dem unsicheren und von Natur aus unentschlossenen Bühnenhelden Julian ist jeder Zwang zur Entscheidung jedoch unbequem- so denkt er, es wäre für ihn besser, wenn seine Verlobte tot wäre. Aber schon im nächsten Augenblick bereut er diesen Gedanken.

Der Verfasser des Stücks - seine These:

»Atomzertrümmerung ist keineswegs auf die Wissenschaft beschränkt geblieben« -

huldigt einer dramatischen Theorie, derzufolge die Zeit - sehr frei nach dem Relativitätstheoretiker Einstein - die Funktion einer vierten Dimension hat: »Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft bilden eine Ebene und müssen als homogene Teile des gleichen dramatischen Gewebes betrachtet werden.«

Stephen Wendt möchte die »Zeit als Dimension und nicht als Maßstab für den Ablauf der Geschehnisse« auffassen - er möchte, anders ausgedrückt, erklären, daß nicht etwa ein Geschehnis aus einem anderen resultiert, sondern daß ein Mensch unendlich viele verschiedenartige Erlebnisse hat, die alle zusammen in jedem Augenblick und besonders in den Augenblicken der Entscheidung präsent sind und wirksam werden.

Aus skizzenhaften Szenen und Gesprächsfetzen kann sich der Zuschauer zusammenfügen, welche Erlebnisse aus der Vergangenheit und Gegenwart in jenem Augenblick der Entscheidung auf den zögernden Helden Julian einwirken. Julian ist im Zweiten Weltkrieg Kampfflieger gewesen, während eines Angriffs auf Berlin abgeschossen und mit entstellenden Gesichtsverletzungen in ein Lazarett eingeliefert worden. Durch jahrelange Behandlung zunächst deutscher, später englischer Ärzte und durch mehrere Transplantationen hat Julian zwar ein neues Gesicht bekommen, der lange Krankenhausaufenthalt beraubte ihn aber all seines Selbstvertrauens. Jetzt soll er sich in einem Schweizer Sanatorium erholen.

In diesem Sanatorium hat er Antonia kennengelernt; sie ist die Tochter eines egozentrischen und kaltherzigen Dirigenten und einer einstmals berühmten Geigerin, die vor der seelischen Grausamkeit ihres Gatten in eine vom Morphium hervorgerufene Traumwelt flieht. Tochter Antonia hat die Mutter, deren wirtschaftliche Verhältnisse zerrüttet sind, in das SchweizerSanatorium begleitet und hält dort Kontakt mit dein Rauschgifthändler.

Das keusche Glück der beiden jungen Leute Antonia und Julian, die sich nur langsam und vorsichtig lieben gelernt haben, wird durch einen Kriegskameraden Julians gestört. Der treue Freund ist weit gereist, um Julian über Antonias Vorleben diskret aufzuklären: Der Freund ist Richter und hat vor Zeiten einen Prozeß geführt, in dem Antonia wegen Herumtreiberei und Rauschgifthandels angeklagt war.

Dieser Bericht leitet den einen entscheidenden Moment ein, in dem nach Wendts Theorie nicht nur Vergangenheit und Gegenwart mitsprechen, sondern der auf eine mystische Weise auch in die Zukunft wirkt. Bühnenheld Julian resigniert für einen Augenblick vor der Bedrückung, irgendeinen Entschluß fassen zu müssen:

»Ach, wenn Antonia stürbe, brauchte ich keine Entscheidung zu fällen«, stöhnt er.

Aber schon im nächsten Augenblick bereut er diesen Gedanken. Er macht sich auf den Weg zu seiner Braut, entschlossen, sie trotz ihres Vorlebens zu heiraten. Doch in ihrer Wohnung begegnet er einem geheimnisvollen Herrn, Antonias »einzigem Freund« - dem Tod. Autor Wendt glaubt, Julians - gedanklicher - »Liebesverrat« habe nicht nur das gemeinsame Glück zerstört, sondern auch Antonias Tod unmittelbar bewirkt. Denn: »Liebe ist eine Last, die man für keinen Augenblick abstellen darf.«

Am hitzeschwülen Tage der Premiere hatte Wendt einige Kritiker im Restaurant des Deutschen Theaters gebeten: ,*Lassen Sie es mich nicht entgelten, daß es heute eigentlich zu heiß für mein Stück ist.«

Es war offenbar nicht zu heiß: Die Premierengäste applaudierten dem effektvoll eingerichteten Stück noch immer, als der eiserne Vorhang schon herabgelassen worden war.

Szenenbild »Das unentdeckte Land"*

Mord durch Liebesverrat

* Rosmarie Pruppacher als Antonia, Karl Walter

Diess als Julian.

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