KUNSTMARKT Apokalypse Ludwig
Als Einkäufer von Kunst en gros ist er berühmt. Verkaufen aber, damit schmückte sich der Aachener Schokolade-Industrielle Peter Ludwig bislang, sei seine Sache keineswegs. Jetzt hat er die Regel verletzt, und das gleich richtig.
In »einer der größten Operationen, die es je auf dem Kunstmarkt gegeben hat« (Ludwig), trennte sich der Sammler von einem besonders wertvollen Teil seiner riesigen Kunstkollektion: 144 illustrierte Handschriften und Handschriftenfragmente, überwiegend aus dem Mittelalter, gehören seit letzter Woche dem Paul Getty Museum in Malibu (Kalifornien) und sind auch bereits dort. Zu Gerüchten, das äußerst zahlungsfähige Institut habe dafür 100 bis 150 Millionen Mark berappt, schweigt Ludwig.
Klar ist, daß der Verkäufer mit seiner Transaktion auf allerlei Undank reagiert, den er - zumindest in seiner Sicht - einstecken mußte, seit er vor drei Jahren eine »Stiftung Ludwig« mit Teilnahme von Bund, Nordrhein-Westfalen und der Stadt Köln vorgeschlagen hatte. Er sei »beschimpft« und »begeifert« worden, »gefeilscht« hätten die Partner, statt das von seiner Seite angebotene Stiftungsgut, so die Handschriftensammlung, auch nur zu besichtigen.
Allerdings: Gerade mit diesem Konvolut waren jedenfalls Fachleute genau vertraut. Das Kölner Schnütgen-Museum hatte es komplett für eine vierbändige Prachtpublikation bearbeitet - etwa von Malereien des heimischen »Veronika-Meisters« bis zu einer englischen, noch nach dem Vorbesitzer benannten Apokalypse, die - so 1980 ein Rezensent - aktueller »Apokalypse Ludwig« heißen sollte.
Daß die Forscher, die ihr Werk jetzt als spezifizierte Angebotsliste für Malibu benutzt sehen müssen, mit ihrer Arbeit Hoffnungen verbanden, die Handschriften auf Dauer ins Haus zu bekommen, gibt auch Ludwig zu. Aber Hoffnungen erfüllten sich nun mal nicht immer.
Der Sammler, seinerseits enttäuscht, registriert, in der Öffentlichkeit sei »die Wertschätzung von Kunst gering«, doch die »von Geld unendlich hoch«. Seine Nutzanwendung daraus soll abgewandelten Stifterplänen zugute kommen: Nach dem Verkauf fühlt Ludwig sich als »ein viel interessanterer Partner«.
Der Erlös nämlich geht in eine flugs gegründete »Ludwig-Stiftung für Kunst und internationale Verständigung GmbH«. Die soll wieder Kunst kaufen, Ausstellungen und Veröffentlichungen finanzieren sowie Stipendien vergeben. Bei möglicher Zusammenarbeit mit öffentlichen Partnern hätte sie dank eigener Barmittel eine starke Position.
Erst einmal aber sind die Getty-Millionen anzulegen. Umsichtig denkt Ludwig dabei kulturpolitische und geschäftliche Zwecke zu verbinden: Die neue Stiftung soll bei der Aachener Monheim AG, deren Mitinhaber und Aufsichtsratsvorsitzender Ludwig ist, einsteigen und dort, nach einer Kapitalerhöhung, vielleicht ein Viertel der Anteile halten.
Die Firma habe das zwar nicht gerade »dramatisch nötig«. Aber schließlich und generell sei es bei 99 Prozent der deutschen Unternehmen »wünschenswert«, das Kapital zu erhöhen.