Apper Arm - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen
Zur Ausgabe
Artikel 93 / 121

Entertainer Apper Arm

Der Komiker Helge Schneider hat einen Kriminalroman geschrieben - ein wahrhaft schauderhaftes Werk.
• aus DER SPIEGEL 38/1994
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Es geschieht in einer kalten Novembernacht. Müde von der Arbeit, kommt der Frauenmörder nach Hause und legt die Leiche auf dem Küchenboden ab.

Leider hat er das Herdlicht brennen lassen, so daß Wespen in der Küche sind und an die Leiche wollen. Das duldet der Frauenmörder nicht, er schlägt nach ihnen, eine sticht ihn in den Arm. Der Mann raucht eine letzte Zigarette, dann stirbt er am Wespengift. »Doch keiner soll ihn in den nächsten Wochen finden, auch die Leiche der ermordeten Frau nicht.«

Mit dieser Verheißung bereits auf der ersten Seite macht Helge Schneider allen Spekulationen über den Charakter seines ersten Kriminalromans ein Ende: »Zieh dich aus, du alte Hippe« ist ein ehrliches Buch*. Und es hält das Absurditätsniveau, das sein Anfang verspricht.

Der vom Insekt erlegte Bösewicht kommt darin selbstverständlich nicht weiter vor, was dem Leser, auf der vorletzten Seite, auch gesagt wird. Dazwischen ist ein robusterer Blaubart am Werk, und den jagt niemand anderer als: Kommissar Schneider!

Er heißt mit Vornamen Helge, und 1,13 Millionen Menschen haben ihn schon einmal gesehen: In »Texas«, dem berüchtigten Erfolgswestern seines Schöpfers, wo er es allerdings bei einem ebenso undurchsichtigen wie kurzen Auftritt belassen hatte. Denn Kommissar Schneider hat Wichtigeres zu tun. Er muß den »Zieh dich aus, du alte Hippe«-Fall lösen.

Dabei weiß er nur, daß der Täter »die Frau nackend sehen« wollte und mit einer »aufgesägten Chappidose« hantierte. Kein Wunder, daß der Kommissar gereizt ist: Den einzigen Tatzeugen schlägt er kurzerhand krankenhausreif.

Mit dem unterbezahlten Kriminalisten, der als Gelegenheitskonditor hinzuverdient, ist nicht gut Kirschen essen. Verhafteten tut er mit einem versteckten Messerchen weh, Schwarzfahrern heizt er ein wie Dirty Harry, Fotografen pflegt er »total kaputt« zu schlagen - und wenn ihm der Presserummel gar zu _(* Helge Schneider: »Zieh dich aus, du ) _(alte Hippe«. Verlag Kiepenheuer & ) _(Witsch, Köln; 108 Seiten; 12,80 Mark. ) lästig wird, kann er schon mal »wie ein Zwiebelschneider unter die Anwesenden« dringen und mit einem Skalpell »unorthodox drauflosfetzen«.

Nur seine Frau schlägt Kommissar Schneider nicht. Sie geht immer für ihn ans Telefon, und manchmal kocht sie Leckeres. Dann liebt er sie sogar, aber nur mit Licht aus, damit niemand etwas sieht. Denn Autor Helge Schneider respektiert die eheliche Intimsphäre: »Nur Fickgeräusche sind zu erkennen.«

Spätestens die Eheszene im 6. von 55 Romankapiteln macht Befürchtungen aufrichtiger Schneider-Fans zunichte, der Musikclown aus Mülheim/Ruhr würde seine vor allem auf der Bühne erworbene Reputation als »Abbild einer zunehmend verblödenden Gesellschaft« (Tageszeitung) auf dem Terrain der Hintertreppenliteratur verspielen. Professionell bringt der »Meister der verhedderten Erzählfäden« (Zeitmagazin) den eigenen Kommissar in Verdacht, der die Begattungshandlungen mit »verzerrtem Gesicht« und dem Vokabular des Serienkillers eröffnet: »Zieh dich aus, du alte Hippe!«

Mit Kalkül wird der Spürsinn der Leser irritiert. Es häufen sich die Leichen, der Erfolgsdruck wächst. Auf den Kriminalbeamten Schneider, weil er mit dem Fall nicht weiterkommt; und auf den Kriminalautor Schneider, weil er in seinem Manuskript, das er laut Verlagslektor Helge Malchow »häppchenweise« lieferte, nicht weiterweiß.

Das merkt man. Einmal büßt Zigarrenraucher Schneider beim Benzinnachfüllen im Superstau den rechten Arm ein. Im Präsidium ist die Freude groß »wegen dem appen Arm, jeder will mal anfassen«.

Doch wie soll ein Einarmiger noch mit seinem getunten »Straßenrenner« durch die Stadt krachen und Frauen mit Kinderwagen auf die Stoßstange nehmen können? Der Erzähler verkündet einsichtig: »Zum Glück hat der Kommissar die Sache mit dem appen Arm nur geträumt.«

Nach diesem Sinkflug in den stratosphärischen Unfug sind Kombinationsgabe und Spurenkunde gefordert. Hierin mausert der »Titan des Tiefsinns im Trivialen« (Süddeutsche Zeitung) sich zum Schamanen des Scharfsinns im Schlamassel. In Blickrichtung der aufgerissenen Augen von Leiche Nr. 5, Kinderschwester Gertrud, stößt Kommissar Helge auf ein einzelnes Menschenhaar, das eindeutige Kampfspuren aufweist. Der Schlüssel zur Lösung des Falles: Das Haar kann nur vom Mörder stammen, denn das Opfer ist kahlköpfig.

»Zieh dich aus, du alte Hippe« ist Helge Schneiders zweites Buch. In seiner 1992 bei Kiepenheuer & Witsch erschienenen Autobiographie »Guten Tach. Auf Wiedersehn.« bekennt der »wiedergeborene Sommersprossen-Heintje« (Frankfurter Allgemeine), bereits als Jungmusiker - mit zwölf Stunden Baß-Solo täglich - seinen ersten Menschen »fertig-gemacht« zu haben. In den vergangenen drei Verkaufswochen sind mindestens 70 000 hinzugekommen.

Sie alle haben, nach Angaben des Verlags, die »alte Hippe« nicht ins Regal zurückgestellt. Wie weiter mitgeteilt wird, ist die Nachfrage nach den Filmrechten am »schlimmsten Buch der Welt« (Schneider) zurückhaltend. Schuld daran sind die Gewaltszenen, die selbst das Stammpublikum einschlägiger Streifen nicht tolerieren würde: Ein kleines Mädchen faßt beim Aussteigen aus dem Bus versehentlich sein Bein an. »Ganz klar, daß der Kommissar ihm, so gut es geht, von hinten mit seiner schweren Aktenmappe auf den Kopp haut.« Aua. Y

* Helge Schneider: »Zieh dich aus, du alte Hippe«. VerlagKiepenheuer & Witsch, Köln; 108 Seiten; 12,80 Mark.

Zur Ausgabe
Artikel 93 / 121

Mehr lesen über