SKY ART
Die Ehrengäste aus dem Ausland waren beeindruckt. Riesige Feuer - einige unten am Wasser, andere oben auf den Bergen, scheinbar vom Himmel strahlend - erleuchteten flackernd die nächtliche Kulisse rund um den Tegernsee.
Die aufwendige Kokelei hatte der Gastgeber angeordnet: Bayern-König Maximilian I. Joseph wollte seinen Besuchern eine Freude machen. Rußlands Zar Alexander I. und Österreichs Kaiser Franz I. fühlten sich geschmeichelt ob so viel flammender Aufmerksamkeit.
Noch pompöser verlief eine See-Fete, die der Bajuwaren-Adel 45 Jahre später ausrichten ließ. Am 6. Juli 1867, dem Vorabend zum 72. Geburtstag von Prinz Carl von Bayern, mußten die Untertanen insgesamt 90 Freudenfeuer zündeln. Diverse Blaskapellen und Männerchöre
in Kompaniestärke huldigten der Hoheit, und auf Hunderten von illuminierten Schiffen jauchzten die Gratulanten, als zum Abschluß des Festes ein Brillantfeuerwerk abgebrannt wurde und am Himmel über dem See ein deutlich erkennbares »C« (für Carl) aufleuchtete. Der Prinz und sein Volk wußten nicht, daß sie Zeugen der ersten »Sky Art«-Show der Welt geworden waren.
In diesem Sommer wollen die Tegernseer an das Imponiergehabe ihrer früheren Monarchen wieder anknüpfen, vom Singsang am Boden bis zur Himmelskunst. Die ganz große Sause, so der Plan der Einheimischen, sollte in der Hochsaison steigen, wenn Zehntausende von Touristen die Fremdenzimmer rund um den See bevölkern.
Letzte Woche war es soweit: Am Freitagabend pilgerten Zehntausende von Schaulustigen zu dem Moränenstausee in den Bayerischen Alpen, als Augenzeugen einer »Weltpremiere«, so Hans Sollacher vom Kuramt in Rottach-Egern: »Barocke Tradition und futuristisches Szenario.«
Inszeniert wurde dieses »Schauspiel einmaliger Art« von dem Münchner Dirigenten und Komponisten Eberhard Schoener. »Der deutsche Andre Heller« (Vorankündigung) hatte sich vorgenommen, rund um den Tegernsee das ganze »Tal zum Klingen zu bringen«.
Dabei halfen ihm die auf einer Bergwiese oberhalb des Sees installierten Verstärker und Lautsprecher (Gesamtleistung: 60 000 Watt), vergleichbar jener Ausrüstung, die von den Rolling Stones bei Freiluftkonzerten bevorzugt wird. Sie hämmerten Schoeners elektronische Synthesizer-Orgien (Titel: »Sky Music") hinab ins Tal.
Eine Szene des mehrfach geprobten Freiluft-Stücks bekamen die Zuschauer indes nicht zu sehen. Denn ursprünglich wollte Schoener im ersten der beiden jeweils einstündigen Performance-Teile auf der (für Donnerstag angesetzten, aber wegen heftiger Regenfälle kurzfristig verschobenen) Veranstaltung in regelmäßigen Abständen Tauben aufsteigen lassen.
Die insgesamt 2300 Vögel, alle mit einer zierlichen, jeweils unterschiedlich gestimmten Blechpfeife um den Hals, sollten, während sie sich für den Heimflug orientieren, in rund 100 Meter Höhe mehrere Male über den See kreisen und dabei, ausgelöst vom durch die Pfeifen gepreßten Luftstrom, einen seltsam schwirrenden Ton erzeugen. »Wie eine Himmelsorgel - magisch, mystisch, nicht zu orten, frei«, erinnert sich Schoener an seine Eindrücke aus mehreren Flugtests. Am Freitagabend kamen die Taubentöne - eine Idee, die Schoener aus Bali importierte - nur vom Tonband, elektronisch verstärkt und im ganzen Tal zu hören.
Völlig lautlos dagegen segelten Drachenflieger vom 1722 Meter hohen Wallberg aus hinunter zum See, scheinbar getragen von Schoeners elektronischer Klangwolke, einer eigenwilligen Mixtur aus Rock und Klassik, sowie den Flöten und Schlaginstrumenten des argentinischen Musikers Dario Domingues.
Die Ouvertüre zum zweiten Part der Tegernsee-Oper bekamen die Ufergäste am Freitag ebenfalls nur teilweise mit. Denn die geplante Originalaufführung fand - das Orchester aus München war für diesen Termin fest engagiert - bereits am (verregneten) Vorabend statt: Maestro Schoener warf den Regenschirm weg und griff zum Taktstock.
Mitten im See, auf einem schwimmenden Ponton, baute er sich vor dem durchnäßten Orchester auf und dirigierte, wie passend, Händels Wassermusik. Die 28 Philharmoniker legten sich dennoch ebenso ins Zeug wie die halbe Hundertschaft von Sporttauchern, die, quer über den See kraulend, schließlich wasserfeste Magnesiumfackeln zündete.
Am Freitag fehlten die meisten Fackelschwimmer, und der Orchestereinsatz wurde, wie die Taubenmusik, vom Band zugespielt. Schoener improvisierte, machte unbeirrt weiter, als verlaufe alles nach Plan. Er variierte, wieder live, Händels Wassermusik-Thema auf dem Synthesizer, dann blitzten die Laser auf. Ein Scanner flackerte vom Wallberg herunter, ein anderer Laser zuckte im Rhythmus der Musik flach über das Wasser, warf lineare grüne Strahlen in den Himmel, fächerförmig und zitternd. Ein Scheinwerfer suchte nach der 30 Meter hohen Wasserfontäne, einem freiwilligen Beitrag der einheimischen Feuerwehr. Schoeners sphärische Sound-Gewitter dröhnten noch einmal durch die Nacht, ein Feuerwerk zum Finale - mehr als eine halbe Million Mark waren verpufft, verhallt, verflogen. »Dieses Projekt«, schwärmte Schoener trotz aller Probleme, »kommt dem barocken Gedanken nahe, Kunst für alle zu sein.«
Das multimediale Spektakel in Bayern war das jüngste Großereignis einer Kunstform, deren Macher ihre Arbeit als »Sky Art« gewürdigt wissen wollen. Schon seit mehr als 20 Jahren mögen sich viele Künstler, vor allem in den USA, nicht mehr mit der stillen Arbeit im Atelier begnügen. Gleichsam als Leinwand-Ersatz entdeckten sie den Luftraum, bemächtigten sich des Himmels als Bühne und Ausstellungsforum.
Damit versuchen sie einen jahrtausendealten Traum zu verwirklichen. Schon von jeher hatte die Menschen _(Zur Einweihung des Eiffelturms 1889. )
nichts so sehr fasziniert wie Himmelsschauspiele, inszeniert von Naturgewalten. Ob schaudernd oder entzückt - viele können den Blick nicht abwenden, wenn Gewitterfronten donnernd die Nacht erhellen, wenn Sternschnuppen im All verglühen oder wenn Stürme Wolkenwände vor sich hertreiben.
Um die Natur womöglich noch zu übertreffen, kommen die Sky-Artisten auf die absonderlichsten Einfälle. Keine Eingebung, kaum ein Phantasiegespinst ist ihnen zu ausgefallen, um damit Furore zu machen - am Himmel: *___Der deutsche (am Massachusetts Institute of Technology ____"Umweltkunst« lehrende) Otto Piene zeichnete riesige ____Laser-Bilder »in die unteren Schichten der Atmosphäre«, ____führte bereits mehrfach seine Sky Opera »Icarus« auf ____und läßt mit Vorliebe heliumgefüllte Ballonskulpturen ____aufsteigen (darunter auch den fünffarbigen ____"Olympia-Regenbogen« zur Schlußfeier der XX. ____Olympischen Spiele 1972 in München). *___Der bulgarische Verpackungsfetischist Christo, der seit ____Jahren vergebens darum fleht, das Reichstagsgebäude in ____Berlin einwickeln zu dürfen, ließ in Minneapolis 270 ____Kubikmeter Luft in verschnürter, durchsichtiger ____Polyesterhülle von einem Helikopter in den Himmel ____liften. *___Die amerikanische Cellistin Charlotte Moorman ließ ____sich, samt Instrument, von einem Spezialballon in die ____Höhe tragen und strich, am Himmel schwebend, Klangwerke ____ihrer Lieblingskomponisten John Cage, Joseph Beuys und ____Karlheinz Stockhausen. *___Der spanische Drachenbauer Jose Maria Yturralde ____verblüfft Zuschauer in aller Welt mit seinen ____"fliegenden geometrischen Plastiken«, kunstvoll ____gefertigten kastenförmigen Riesendrachen, die nicht ____selten so aussehen, als besäßen sie ähnlich gute ____Flugeigenschaften wie der Kölner Dom oder eine ____Diesellokomotive der Bundesbahn.
Welche Anziehungskraft Sky-Art-Aufführungen besitzen, zeigen die Besucherzahlen, die manchen Manager in der Fußball-Bundesliga neidisch machen könnten. Als der Wiener Allround-Artist Andre Heller im Juni 1983 seine flammenden (teilweise durchnäßten) Feuerwerksorgien im Hafen von Lissabon aufführte ("Teatro de Fogo"), stritten sich fast 900 000 Menschen um die besten Plätze. Als der Pyromantiker am ersten Juli-Samstag neuerlich, diesmal in Berlin, ein zwei Millionen Mark teures »Feuertheater« zelebrierte, lockte er damit fast 500 000 Interessenten an, darunter 60 000 auswärtige Besucher; allein die Luftfahrtgesellschaft Pan American mußte 28 zusätzliche Flüge nach Tegel einsetzen.
Sei es aus Sensationshunger, aus purer Freude über die (zudem oft kostenlose)
Kunstausstellung am Himmel oder aber einfach aus Neugier - an Zuschauern herrscht bei Luftkunststückchen kein Mangel, weder in New York noch in Tokio, nicht in Essen oder Kassel.
Im kalifornischen Santa Barbara wundert sich längst niemand mehr, daß zum alljährlichen Festival des örtlichen Museums mehr als eine halbe Million Menschen anreisen, vor allem, um die aus bis zu 6000 Ballons bestehenden Flugskulpturen des amerikanischen Bildhauers Ron Garrison zu bestaunen. Und als sich Mitte Juni mehr als einhundert europäische Drachenbauer zum »Festival ''84« am Strand von Scheveningen in Holland trafen, bekamen manche der rund 300 000 Zuschauer Genickstarre, weil sie unablässig die phantasievollen Kreationen am Himmel verfolgten: doppelt geflügelte Kastenkonstruktionen oder kunstvoll montierte Tetraederdrachen, wie sie der Schotte Alexander Graham Bell schon 1902 erstmals gebaut hatte, 26 Jahre nachdem er das erste brauchbare Telephon erfand.
»Der Himmel ist die größte Leinwand, die es je gab«, konstatiert der in Boston lebende Otto Piene, einer der Pioniere der Sky Art. »Er ist für jeden da und für jeden schön.«
Davon ist auch Andre Heller überzeugt. Der Feuerwerker, oder wie er sich selbst sieht: »Gesamt-Kunstwerker«, will dennoch künftig Blick und Gedanken vom Himmel abwenden und sich bodenständigen Aktivitäten widmen. Allenfalls noch ein paar Zeppeline, nach seinen Plänen umgerüstet zu feuerspeienden Riesendrachen, will er vielleicht durch die Lüfte schippern lassen.
In München will er einen Irrgarten »mit brennenden Wasserfällen und schwebenden Magneten, die aussehen wie Steine« inszenieren, ein Labyrinth, »in dem es Spaß macht, sich immer mehr zu verirren«. Anschließend, so steht es im gedanklichen Terminkalender des rastlosen Massenfabrikanten absurder Ideen, sollen Sponsoren gesucht werden für einen durch die Lande reisenden Vergnügungspark mit antiken Holzkarussells und sonstigen Attraktionen aus der Frühzeit der Schaustellerei.
Für die Gestaltung dieses »Luna-Luna-Parks« möchte Heller am liebsten angesehene Künstler gewinnen. »Vielleicht«, phantasiert er, »ein Panoptikum von Roy Lichtenstein, eine Schießbude von Günther Uecker oder eine Geisterbahn von Peter Zadek.«
Die Kunst am Himmel, so der Wiener, »sollen jetzt andere machen, mein Know-how stelle ich gern zur Verfügung«. Die meisten der engagierten Sky-Artisten werden es kaum benötigen. Zwar mangelt es ihnen mitunter am Geld, aber kaum jemals an Einfällen.
So arbeitet beispielsweise der Düsseldorfer Laser-Spezialist Horst Baumann, der im Juni mit linearen Strahlen über dem Main das neue Frankfurter Filmmuseum einweihen half, an seinem bislang bedeutendsten Vorhaben: »der größten Laser-Performance, die je auf europäischem Boden stattgefunden hat«.
Die Uraufführung ist für den 18. August am Ufer des Berliner Wannsees geplant. An diesem Abend (und an fünf weiteren Terminen im August) sollen Baumanns Lichtkanonen, etwa zu Kompositionen von Händel, Bach und Vivaldi, gewaltige Farbspektren in die Luft schleudern.
Auf einer 400 Quadratmeter großen Projektionsfläche sollen, gleichsam »wie auf einem Hochzeitsschleier aus Tüll« (Baumann), verschiedene, jeweils zu den Musikthemen passende Bilder erzeugt werden, etwa Forellen zu Händels barocker Wassermusik oder das unvermeidliche »Yellow Submarine« zu dem gleichnamigen Beatles-Bestseller. Dieser »Wannseetraum«, finanziell abgesichert durch eine Ausfallbürgschaft des Berliner Senats, soll an allen sechs Abenden zusammen mehr als 150 000 Zuschauer anlocken.
Während in Berlin noch geprobt wird, träumt Baumann längst vom nächsten Sky-Art-Projekt. In einer wolkenlosen Nacht im Oktober will der Laserkanonier »von England aus eine Sky Bridge über den Ärmelkanal nach Frankreich« schießen. Baumann: »Da kommen wir spielend rüber.«
Noch viel gigantischer sind die Dimensionen, in die zwei von Baumanns Himmelskunst-Kollegen schon bald vorstoßen wollen. Der Amerikaner Joe Davis bemüht sich, bislang allerdings vergebens, um eine Flugbuchung für das Space Shuttle. Derart in den Himmel geschossen, will er im Weltraum eine »künstliche Aurora« verbreiten, die weithin auf der Erde sichtbar sein soll.
Das erste Denkmal auf dem Mars möchte der israelische Künstler Ezra Orion bauen. In einer Art bildhauerischem Akt will er, mit Impulsen von der Erdstation aus, den Greifarm einer Marssonde so geschickt steuern, daß mehrere Marssteine aufeinandergetürmt werden.
Der Kalifornier Tom Van Sant beobachtet derlei Pläne mit besonderem Interesse. Er hat den Sprung ins All bereits geschafft, wenn auch eher in umgekehrter Richtung. Sein himmlisches Kunstwerk in der Mojave-Wüste unweit von Los Angeles, bestehend aus 90 quadratischen Spiegeln, jeder mit einer Kantenlänge von 60 Zentimetern und jeweils im Abstand von 200 Metern installiert, kann nämlich nur von extraterrestrischen Kunstliebhabern, sollte es sie geben, begutachtet werden.
Erdbewohnern wird das Kunsterlebnis erst mit einem teuren Trick ermöglicht: Der Nasa-Satellit »Landsat 2« photographierte, aus 900 Kilometer Höhe, das Werk Van Sants. Das Bild zeigte, was der Künstler schaffen wollte: ein gigantisches Auge, ins Weltall glotzend.
Zur Einweihung des Eiffelturms 1889.