SPRACH-EXPERIMENT Arvschfohm
Von der Schallplatte kommt ein
Zischen, ein Krächzen, ein gewisses Röcheln. Dazwischen lassen andere Laute erkennen, daß es eine menschliche Stimme ist, die sich hier äußert. Ohne daß sie einen Sinn ergeben oder auch nur als Sprache identifizierbar sind, tönen wortähnliche Gebilde wie »wnassagurgulin« oder satzartige Zusammenstellungen wie »Arvschfohm spriescht ruruerich Naiderdaum«. Vereinzelt wird auch Vertrauteres hörbar, etwa »Rotznägel mit Samtverkleidung drauf« oder »Mormoloadenbeschwurer«.
Der Sprecher, der sich dermaßen ungewöhnlich, aber - wie die Platte des längeren zeigt - durchaus flüssig auszudrücken weiß, ist der im rheinischen Bensberg ansässige Schriftsteller Hans Günther Helms, ein junger Mann von bleichem, abgezehrtem Äußeren, der Wert darauf legt, seinen zweiten Vornamen abgekürzt, aber ohne Punkt gedruckt zu sehen: Hans G Helms. Was er vorträgt, sind eigene literarische Erzeugnisse. Die Schallplatte gehört als notwendige Ergänzung zu seinem ersten Buch, das unter dem Titel »Fa:m' Ahniesgwow« (Widmung: »... vor allem für Khris, Moishel und Takuci") soeben in Köln erschienen ist*.
Alle Seiten des Buches sind vom Autor auf der Schreibmaschine geschrieben und dann im Photo-Offset-Verfahren reproduziert worden. Einige zeigen eine graphische Verteilung von Buchstaben und Buchstabengruppen, die zunächst schwere Defekte der Helmsschen Schreibmaschine vermuten lassen, etwa ein hartnäckiges Festhaken der Typen oder ein nicht minder störendes Verrutschen des Papiers. Rätselhafte Absätze wie
ein neihün fein kon Lübür zeck,
knieweich klumpsupvihlmensch TOrt
wasmaßen umblökkt quärärulerisch
apissaut Trainenfluor heidigutt
prölpsel
wechseln mit solchen, die ihren - nicht selten pornographisch anmutenden - Sinn immerhin ahnen lassen, zum Beispiel
stripwhipp tease me nockoff
med gehave; heft diú not soo
Aba Lenchen mahkt wattju vills,
denks Mischelschen. Mixturomus
mus-s-laffen matsch laffen hei
stibettchen Haaremsfrouve in
Hydramouth.
Andere Stellen sind von vergleichsweise einfacher, gelegentlich kalauerhaltiger Deutlichkeit:
Jubelt ihr dumpftollen Völker
gwachs aus Odinns Schoß,
denn euch wird ein Fühler erscheinßen,
junglitziger Parzenphahl, der
euch führen wird durch die stin
kende Judfuhrt ins gelobte Land.
ins Ballhalla, wo euch Wahlkunen
werden blasen den Marsch auf
Ballerleichen und Zirkumchisspeniesen.
Der forsche Verlag DuMont Schauberg, der diese Buchstabenfolgen publiziert, mißt dem Werk revolutionäre literarische Bedeutung zu. Es sei »der erste große Versuch, Sprache aus ihren verschiedenen Aspekten zu komponieren. Laute, Silben, Worte, Slangausdrücke und Phrasen der Umgangssprache sind zu Begriffskomplexen verbunden, die unversehens in scharfe Kritik umschlagen«.
Eine womöglich noch höhere Meinung von seinen Buchstabenklaubereien hat sich der Autor Heins bewahrt: Er sei über den Roman-Revolutionär James Joyce, dessen unvollendetes, sprachexperimentelles »Finnegans Wake« ihn freilich beeinflußt habe, noch hinausgegangen. Weitere Anregungen bezog Helms - außer von seinem literarisch unbekannten mecklenburgischen Großvater - nach eigener flüssiger Aufzählung von Jean Paul, Wilhelm Raabe, Marcel Proust, Franz Kafka, Henry Miller, Theodor W. Adorno, Walter Benjamin, Ernst Bloch und Robert Walser. Soweit die Autoren nicht in der Liste seiner Vorbilder stehen, hält Helms dagegen wenig von anderen Produkten der gegenwärtigen Literatur, das meiste sei »konventionell« oder gar »reaktionär«. Natürlich hat ihm aber seinerzeit Arno Schmidt (SPIEGEL 20/1959), wenngleich ausdrücklich nur der »frühe Arno Schmidt«, gefallen.
Wesentlich wohlwollender dagegen steht Helms einigen musikalischen Avantgardisten gegenüber, und umgekehrt hat der Elektronen-Musikant des Westdeutschen Rundfunks, Gottfried Michael Koenig, an dem Buch von Helms aktiven Anteil genommen. In einem Nachwort, das fast ebenso schwerverständlich ist wie der Text von Helms - Koenig: »Indem die Intention in allen Schichten manifest wird, reflektiert der semantische Gehalt den phonetischen Gestus, wie dieser jenem den emotionalen Kontur verleiht« -, gibt Koenig Erläuterungen und für alle Fälle auch eine allgemeinverständliche Inhaltsangabe des Helms-Buches. Ihr ist zu entnehmen, daß es im wesentlichen um eitlen Studenten namens Michael geht, der eine Studentin namens Helene liebt. Haupt-Schauplätze sind Espresso -Cafe, Universitäts-Mensa und Bett. Elektronen-Koenig räumt immerhin ein, daß der Erzählung »die pubertäre Situation, in der die ersten Entwürfe gediehen sein mögen, auf der Stirn geschrieben steht«.
Die gleiche Story hatte Helms nämlich schon 1952 als Zwanzigjähriger zu einem umfangreichen und vergleichsweise konventionellen Roman mit dem sehnsüchtigen Titel » ... ein kleines bißchen Liebe nur, ein Stückchen warme Haut ...« ausgewalzt, den er vergebens bei deutschen Verlagen anzubringen suchte. Nach abwechslungsreichen Sprachstudien (Helms: »Nicht im akademischen Sinn") montierte er seine pubertäre Studentenromanze in mehrjähriger Arbeit zu dem jetzt vorliegenden Werk »Fa:m' Ahniesgwow« um.
Das vierte Kapitel, das von gesteigerter Unlesbarkeit ist und Buchstabenanordnungen in der Art von Kreuzworträtseln darbietet, will Helms nach dem grammatikalischen Vorbild der Indianersprache Tscheroki gestaltet haben. Jedes Detail seines Buches, einschließlich der Abmessungen des unbedruckten Raums - eine Seite enthält zum Beispiel nur, ein einziges Ausrufungszeichen unten rechts -, sei »semantisch besetzt«, womit gemeint ist, daß es einen Sinn habe.
Den ganzen, zweifellos mühevoll durchgeplanten Wortsalat geben der Autor und sein Koenig zudem als radikale Gesellschaftskritik aus. So soll schon das Titel-Wort »Ahniesgwow«, mit dem »Amigau«, also »das zuerst unmittelbar, dann mittelbar von den Amerikanern besetzte Westdeutschland« (Koenig) gemeint sei, die Bundesrepublik bis ins Mark treffen. Allerdings darf bei »Ahnies« auch an Anis, Anisette und berauschende Getränke schlechthin gedacht werder, wegen dem »h« im Anis sogar an Ahnenforschung und Judenverfolgung, erläutert Helms allen Ernstes.
Der Buchstaben-Schüttler Helms wird im Nachwort von Koenig als verfolgter, aber tapferer Widerstandskämpfer gefeiert: »Dieser Amigau ... ist teils Hintergrund, teils Gegenstand des Werks. Der Autor, direkt und indirekt den Auswirkungen des Faschismus, der auf das sogenannte Dritte Reich ja nicht beschränkt blieb, ausgesetzt, wird nicht müde, ihn - und desgleichen die kapitalistische Gesellschaft - aufs Korn zu nehmen.«
Helms ist darauf gespannt, ob nicht vielleicht das in seinem Buch vorkommende Wort »Prahlvatterkriechunter«
- eine Umschreibung des »Vaterunser« -
kirchliche Proteste auslösen werde. Mit der Vokabel »Lehmgebrecht« habe er hinwiederum den falschen Marxismus der DDR gegeißelt. Inzwischen hat sich der 28jährige Autor aber bereits neuen Zielen zugewandt: Er will jetzt das Theater revolutionieren. Sinniert Hans G Helms: »Genaues weiß ich noch nicht. Aber warum soll man nicht zum Beispiel einen Satz von einem Schauspieler beginnen und dann von einem Morseapparat weiterführen lassen?«
Der Kölner Verlag DuMont Schauberg, der »Fa:m' Ahniesgwow« in einer Auflage von 500 Exemplaren gedruckt hat, erklärt zu Recht, es handele sich um ein Buch, »das in den traditionellen Kategorien der Literatur keinen Platz hat«. Damit es den Lesern nicht verborgen bleibe, erläutert der Verlag, aus diesem Werk spreche »die Ohnmacht der Menschen, die vor Leinwand und Fernsehschirm zur Stummheit verurteilt« seien.
* Hans G Helms: »Fa:m' Ahniesgwow«; in 43 Strukturen, mit einer vom Autor besprochenen Schallplatte (25 cm, 33 1/3 UpM), einem beigelegten Synchronisationsplan (24 - Seiten) und einem Nachwort von Gottfried Michael Koenig; Format 25X25 cm. Umfang 180 Seiten; Verlag M. DuMont Schauberg. Köln; Buch und Schallplatte in Schuber 39 Mark.
Buchstabenklauber Helms
Pubertäre Situation