Walter R. Fuchs über H. von Ditfurth: "Kinder des Weltalls" ARZNEI GEGEN DÄNIKENITIS
Man sollte eigentlich meinen, daß die exakten Naturwissenschaften ausreichen müßten, um uns allen ein solides »Weltverständnis' zu vermitteln. Schon die ersten Physiker auf diesem Planeten hegten solch trügerische Hoffnung: Die ionischen Naturphilosophen erklärten die Natur und ihre Geschehnisse außerhalb der Märchenstunde, verzichteten auf Götter und mythologisches Viehzeug und meinten damit Homer der Lüge zu überführen. Der Erfolg ist hinreichend bekannt: Wer kennt heute schon Anaximander? (Der Märchenonkel Homer erscheint dagegen wie der »Weiße Riese' persönlich.)
Märchenbücher sind halt weit müheloser zu lesen als Physikbücher. Und die Vertreter der exakten Zunft regen nicht zum Träumen an. Im Gegenteil: Sie »ersetzen Märchen, die auf Wunschträumen basieren, durch allgemeine evidente Gesetze« (Bertrand Russell). Das gefällt den meisten Leuten aber gar nicht, gerade dann nicht, wenn von ihrer Existenz die Rede ist, vom Werden und Vergehen der Welt, in der sie leben. Märchen und Mythen schmeicheln den Menschen; naturwissenschaftliche Erkenntnisse tun das höchst selten: Daß »die Bibel doch recht hat«, paßt den meisten weitaus besser Ins Konzept als die Entdeckung ihrer genetischen Verwandtschaft zum Schimpansen. Und selbst wenn Erich von Däniken den Engeln Raumanzüge verpaßt und den Homo sapiens zum extraterrestrischen Besatzungskind macht, kann man immer noch träumen: von der Rückkehr der göttergleichen Väter in Fliegenden Untertassen ...
In dieser Hinsicht könnte Ditfurths Buch eine Art kalter Umschlag für manchen durch die »Dänikenitis« heißgelaufenen Denkerkopf sein: Der 290seitige Rezeptblock des Psychiaters, engagierten »Interfakultiven« auf naturwissenschaftlichem Terrain und Medienexperten (von der Zeitschrift bis hin zur Television) Ist prall gefüllt mit entsprechenden Antibiotika gegen allerlei Erreger der Phantasieüberhitzung.
Der segensreiche Löffel des Dr. von Ditfurth bietet dabei keineswegs bittere Arznei: Für einen deutschen Professor ist seine Schreibe ungemein erfrischend, fast »Asimovsch« (Isaac Asimov, amerikanischer Wissenschafts- und Science-fiction-Autor; d. Red.). Wer nach seiner plastischen Verständniswerbung für die biologische Stammesgeschichte ("Evolutionsmotor": zufällige Mutation plus Selektion durch zweckmäßigste Reakthin auf die Umwelt) noch immer Dänikens kohabitierende Invasoren von der Wega braucht, dde ihre Fehlleistungen per Sintflut ersäufen, um mit der Vielfalt des Lebens auf diesem Planeten einschließlich Homo faber klarzukommen, dem werden sich die Denkpfade naturwissenschaftlicher Überlegungen wohl niemals öffnen.
Ansonsten wird leicht klar, daß ein plausibler naturwissenschaftlicher Erklärungsmechanismus für unsere Existenz auf die extraterrestrischen Zuchtbullen von Märchenonkel Däniken gut und gern verzichten kann. Ditfurths »Kinder des Weltalls« stehen in anderer Beziehung zu den Geistirnen, zu den Phänomenen des nahen und fernen Raums. Da entpuppt sich zum Beispiel selbst die Spiralstruktur unserer Milchstraße als unabdingbare Voraussetzung des Lebens: Die Magnetfelder dieses gigantischen Generators konzentrieren den ionisierten Wasserstoff, den Grundbaustein für die Fabrikation der Elemente, aus denen Generationen von Sternen bestehen, zu denen auch unsere Sonne zählt -- bis an die Grenzen der Galaxie reichen also die Wurzeln unserer Existenz.
All diese Tatsachen, neue und »klassische« Erkenntnisse von Kosmologie, Astrophysik und Biologie, von evolutionären Mechanismen zu elektromagnetischen Turbulenzen, werden von Ditfurth geschickt zum Netzplan unserer Existenz verkettet. Das liest sich zum Teil zwar fast »romanhaft« packend; »ein »Roman unserer Existenz«, so der etwas vage Untertitel des Buches, ist es dennoch nicht geworden. Mein höchst subjektiver Eindruck: Eine geschickte Montage aus Ditfurthschen Aufsätzen, redigiert und moderiert von Ditfurth. Wobei eigentlich nur die Ansage ("Moderne Wissenschaft beweist: Das Weltall hat uns hervorgebracht -- das Weltall erhält uns am Leben") und die Absage nicht besonders originell sind: »Er ist unser Weltraum
Wir sind seine Geschöpfe. Das kann uns Vertrauen geben, auch wenn wir zugestehen müssen, daß es niemanden gibt, der un's sagen könnte, wohin die Reise geht.«
Wozu ich wiederum nur subjektiv vermerken kann: Die Einsicht, daß ich ein Geschöpf des Weltraums bin, stimmt mich genausowenig vertrauensvoll wie die Versicherung, daß ich eine unsterbliche Seele hätte. Die »unermeßliche, kosmische Vergangenheit des Menschen« hilft mir nicht allzuviel bei der Bewältigung von Problemen, die sich mi »Menschen-Zoo« (Desmond Morris) unserer modernen Industriegesellschaft stellen,
Aber an dieser Art von Lebenshilfe wird dem Naturwissenschaftler von Ditfurth vermutlich wenig gelegen sein. Worum es ihm geht? »Wir sind heute, ohne uns dessen schon recht bewußt geworden zu sein, Zeitgenossen einer entscheidenden Wandlung des menschlichen Weltverständnisses.« Womit ich wieder beim Anfang meiner Betrachtung wäre, beim Optimismus der ersten Physiker -- der nächste Märchenonkel kommt bestimmt.