»Asterix fehlt mir« - DER SPIEGEL
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Comic »Asterix fehlt mir«

• aus DER SPIEGEL 33/1994
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Uderzo, 67, hat zusammen mit dem Texter Rene Goscinny 1959 die Comic-Figur Asterix erfunden; er verfaßt seit Goscinnys Tod im Jahre 1977 auch die Texte für die Abenteuer des legendären Galliers. Im Juni dieses Jahres unterlag Uderzo im Rechtsstreit gegen seinen Ex-Verleger, von dem er die Autorenrechte für die ersten 25 Asterix-Bände zurückverlangt hatte - und verkündete erbost: »Mit Asterix ist endgültig Schluß.«

SPIEGEL: Monsieur Uderzo, können Sie noch reinen Gewissens schlafen?

Uderzo: Ich schlafe ausgezeichnet, ohne jeden Alptraum.

SPIEGEL: Es plagt Sie keine Reue nach all dem öffentlichen Bedauern über Ihren Entschluß, nie mehr einen Asterix-Band zeichnen zu wollen?

Uderzo: Das Pariser Gericht hat mir unglaubliches Unrecht angetan. Hätte ich danach in einer Presseerklärung gejammert »Ich fühle mich ungerecht behandelt«, wer hätte Notiz davon genommen? Also habe ich mit der Faust auf den Tisch gehauen und gebrüllt: »Wenn das so ist, dann ist Schluß mit Asterix.«

SPIEGEL: Es sind die Richter, die den Kämpfer Asterix zur Strecke brachten?

Uderzo: Ich fühle mich bestohlen. Es geht in diesem Streit um das Prinzip des Autorenrechts.

SPIEGEL: Ihre Widersacher werfen Ihnen vor, daß Sie Autorenrecht sagen, in Wirklichkeit aber Geld meinen.

Uderzo: Es geht mir ums Prinzip. Im übrigen habe ich genug verdient, um jederzeit mit der Arbeit aufzuhören.

SPIEGEL: Es heißt, Sie seien dank Asterix, Obelix und Idefix einer der reichsten Männer Frankreichs geworden.

Uderzo: Wenn wir das Steuerzahlen als Maßstab anlegen, dann bin ich wohl einer der reichsten Franzosen.

SPIEGEL: Seit dem Tod Ihres Partners Goscinny haben Sie auch die Texte für die Alben selbst geschrieben. Die Idee, wie Walt Disney Ihre Arbeit an andere zu delegieren und nur noch die Oberaufsicht zu führen, kam Ihnen nie?

Uderzo: Ich bin kein Disney und kein Industrieller. Ich bin ein Handwerker, selbst den Ausdruck Künstler finde ich zu großkotzig. Ich mache meine Arbeit allein. Ich bin keine Seifenfabrik.

SPIEGEL: Asterix auf Camembert-Schachteln, Asterix auf Kinderbettwäsche, Asterix als . . .

Uderzo: Auch beim Geldverdienen gibt es Grenzen. Eine Klopapierfirma, die Asterix auf die Blätter drucken wollte, habe ich abblitzen lassen; Asterix als Werbeträger für alkoholische Getränke oder Tabakwaren: non.

SPIEGEL: Es gibt zwar Asterix-Filme, aber Sie haben die unbezwingbaren Gallier nie für eine TV-Serie freigegeben. Warum die Zurückhaltung?

Uderzo: Gerade mit dem Fernsehen muß man vorsichtig sein; es gibt zu viele abschreckende Beispiele. Zudem erreicht das Fernsehen auf einen Schlag viele Millionen, da brennt eine Gestalt leicht aus.

SPIEGEL: Disney-Figuren wie Mickymaus oder Donald Duck sind trotzdem TV-Dauerbrenner.

Uderzo: Disney bringt immer neue Geschichten mit immer neuen Figuren, er hat eine große Reserve. Wie vorsichtig die Disney-Leute sind, sieht man daran, daß sie ihre großen Filme um eine Figur, »Schneewittchen« oder »Pinocchio«, nie als Kassetten in den Handel gebracht oder ans Fernsehen gegeben haben. Alle fünf oder sechs Jahre bringen sie die Filme neu in die Kinos, und jedesmal sind sie wieder Riesenerfolge.

SPIEGEL: Asterix ist weltweit ein Synonym für den Franzosen schlechthin geworden. Wie sind Sie auf den Namen gekommen?

Uderzo: Als Vorbild diente Vercingetorix, der Revolutionär, der die Gallier zum Aufstand gegen die römischen Besatzer einte. Und dann gab es noch eine ganz praktische Erwägung: Goscinny wollte, daß wir ganz oben in den Comic-Enzyklopädien stünden; dazu brauchte er den Buchstaben A.

SPIEGEL: In Ihren Asterix-Storys gibt es wahrhaft existentielle Szenen wie den endlosen Streit über die Frage, ob Pilze besser als Suppe oder in der Pfanne angerichtet werden: Verkörpert Asterix so etwas wie die französische Nationalseele?

Uderzo: Auch wenn sich Sitten und Gewohnheiten ändern; im Grunde bleiben sich die Menschen immer treu. Den Charakter der Gallier wird man nie ändern, und die Franzosen sind Gallier.

SPIEGEL: Allzeit bereit zum Streit?

Uderzo: Über die permanente gallische Bereitschaft, sich zu zanken, haben schon römische Reporter wie die beiden Plinius berichtet. Die Gallier bestanden aus einer Vielzahl von Volksgruppen, die ständig miteinander rauften, und das erleben wir doch heute noch in unserer Politik: Jeder gründet seine eigene Partei, bei den Europawahlen trat kürzlich eine Partei der Jäger und Angler an - und bald werden wir die Partei der Schmetterlingsfänger und die der Fliesenputzer haben.

SPIEGEL: Trotz aller historischen Kontinuität: Seit Ihrem ersten Asterix-Comic vor fast 35 Jahren hat sich die französische Gesellschaft erheblich verändert. Wollten Sie Ihre Geschichten nie modernisieren?

Uderzo: Nein, nie. Rene Goscinny und ich waren immer gegen modische Trends. Die setzten ein, als es nach 1968 geradezu eine Explosion in der Welt der Comic-Serien gab.

SPIEGEL: Wie das?

Uderzo: In Frankreich herrschte nach dem Krieg, besonders in den fünfziger Jahren, eine oft absurd strenge Zensur für Comics. Junge Mädchen mit Rundungen oder gar Sex-Szenen zu zeichnen war verboten. Die Vorschriften waren so engstirnig, daß zum Beispiel ein Cowboy keine Waffe in der Hand halten durfte. Goscinny mußte seinen außer Asterix wohl berühmtesten Helden, den Cowboy Lucky Luke, die Hand so zur Faust ballen lassen, daß es aussah, als halte der einen Revolver.

SPIEGEL: Ein eifriger Wissenschaftler hat Ihnen kürzlich einen historischen Fehler vorgeworfen. Die Hütten der Gallier 52 vor Christus seien nicht, wie in Ihren Zeichnungen, rund gewesen.

Uderzo: Wie kann man das alles so ernst nehmen? Als ich mich vor 40 Jahren mit der Geschichte der Gallier beschäftigte, behaupteten große Historiker, die Hütten seien rund gewesen. Jetzt heißt es, die Gallier hätten auch keine Schnauzbärte getragen. Das sollen die Wissenschaftler unter sich ausfechten. Von denen lasse ich mir doch nicht meine Figuren kaputtmachen.

SPIEGEL: Leiden Sie unter Asterix-Entzugserscheinungen?

Uderzo: Ja, zeitweise fehlt er mir. Manchmal ertappe ich mich dabei, daß ich zu kritzeln anfange.

SPIEGEL: Könnte es trotz Ihres Schwurs, mit Asterix sei Schluß, doch wieder neue Asterix-Alben geben?

Uderzo: Das hängt von meiner Laune ab, und die wird weitgehend davon bestimmt, was die Richter entscheiden. Aber es ist gut möglich, daß ich eines Tages wieder Lust bekomme und ein neues Asterix-Abenteuer herausbringe. Nur Dummköpfe beharren stur auf einem einmal gefaßten Entschluß. Und ein Dummkopf bin ich nicht. Y

»Die Gallier rauften ständig miteinander - so ist es heute noch«

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