Atheistische Glocken - DER SPIEGEL
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KABARETT Atheistische Glocken

Ohne Anspielungen auf die polnischen Verhältnisse und ohne Parolen über das Westfernsehen kommt politisches Kabarett in Dresden aus - zum Beispiel in der »Herkuleskeule« und im »Cafe Prag«.
• aus DER SPIEGEL 47/1981
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Bei Karl-Eduard wird immer gelacht, zum Beispiel über folgendes: »Karl-Eduard soll eine Verkehrsbuße zahlen und beschwert sich: Aber um diese Zeit war ich nicht auf der Straße, da war ich im Schwarzen Kanal. - Vopo: Und wer hat Sie da gesehen?«

Karl-Eduard ist immer Karl-Eduard von Schnitzler, der Löwenthal von drüben. Die Nummer gehört zu Güntis festem Programm. Günti ist der DDR-Conferencier Herr Krause ("Nennt mich Günti"), ein routinierter Sonnyboy im knallblauen Samtfrack, gastweise Star im stets vollbesetzten Dresdner »Cafe Prag«. Das »Cafe Prag« ist eines jener rührend-biederen Etablissements, die im Westen längst vom Disco-Terror vertrieben worden sind:

Tanz und Variete, Kabarett und Candlelight. Gesellschaftskleidung erbeten. Kein Herr ohne Krawatte, keine Dame ohne figurenfreundliche Abnäher. Kein Ober, der nicht vorschriftsmäßig die Linke auf dem Rücken hielte. Hier wird nicht getanzt, hier wird das Tanzbein geschwungen. Und wenn sich eine mal die Bluse öffnet und ungeniert am Tisch frischmacht, dann trifft sie kein Vorwurf wie einstmals hierzulande im »Brigitte«-Stil: »Das waren doch nicht etwa Sie?«

»Der gelernte DDR-Bürger«, sagt Günti, »braucht zu Beginn jeder Veranstaltung ein Referat: Warum darf wann worüber gelacht werden und wenn nein warum nicht?« Also lachen die Funktionäre in Gesellschaftskleidung herzlich über die Geschichte von dem Funktionär, der seine Beiträge drei Monate im voraus bezahlt. Als Ungelernter kommt man da ganz schön ins Grübeln, was Günti nicht verborgen bleibt. Er schiebt sofort ein paar Schlüpfrigkeiten nach, dürftig und somit garantiert gesamtdeutsch: »Banküberfall. Lieschen legt sich auf den Boden. Tadelt der Abteilungsleiter: Dies ist ein Banküberfall, kein Betriebsausflug.« Und natürlich fehlt ihm nicht die ewige Schote mit dem Französisch, wo es mit der Sprache hapert. Der Kalauer gehört, Ost oder West, zum festen Repertoire aller Conferenciers im wehrmachtsfähigen Alter.

Noch was Scharfes? fragt Günti. Dann kommt, nach einer kurzen Gedenkminute für die »Ehefrauen der Herren der Leipziger Messe«, der stets beklatschte Klassiker aller DDR-Kabarettisten: zwei Männer, stumm im Bruderkuß, das kleine Embrassement auf sozialistisch.

Zwei Männer, stumm im Bruderkuß - damit beginnt die Dresdner »Herkuleskeule«, neben der Leipziger »Pfeffermühle« und der Berliner »Distel« das bekannteste Berufskabarett der DDR, ihr Programm in Sachen Satire: »Bürger, schützt eure Anlagen« - die guten nämlich, die in jedem stecken.

Wenn es denn stimmt, daß das Hauptziel des sozialistischen Kabaretts die Gestaltung des sozialistischen Menschen ist, dann hat die »Herkuleskeule« dieses Plansoll nicht erreicht: Beim allgemeinen S.266 Thema der Nachbarschaft reicht die Vokabel Mitmensch völlig aus.

Wobei vorab festzuhalten ist: Busfahrer, Ost wie West, haben offenbar gleichermaßen die Unart am Leib, angesichts hechelnder Fahrgäste kurz vor dem Endspurt Gas zu geben. Das führt, Ost wie West, erstens zu Unfällen und zweitens zu anrührenden Seid-nettzueinander-Aktionen.

Hier organisiert das »Bild«. Drüben die organisierten Leser. Das bringt die Keulenmänner moralisch auf die Palme und auf die strenge Frage an das allzeit andächtige Publikum: »Sind wir denn schon so verkommen, daß im ''Neuen Deutschland'' enthusiastische Dankeshymnen gedruckt werden, Dank an den Busfahrer, der wartete, bis der blinde Bürger eingestiegen ist? Dank an den Polizisten, der mein Portemonnaie fand und es wieder zurückgegeben hat?« - Eine durchaus gesamtdeutsche Frage.

Wenn es weiter stimmt, daß laut Anweisung des Kulturministeriums Satire im Sozialismus »Waffe ist im ideologischen Kampf gegen das menschenfeindliche System des Imperialismus«, dann liegt auch hier die »Herkuleskeule« glatt daneben: Der Klassenfeind bleibt weithin ungewürdigt.

In Dresden, der Stadt ohne Westfernsehen, kommen kabarettistische Westnummern so gut wie gar nicht vor. Der gelernte DDR-Bürger lacht auch nicht wie der CDU-Funktionär im Westen über den DDR-Funktionär im Osten, was dann in »Bild« als politischer Witz erscheint; der gelernte DDR-Bürger weiß vielmehr, daß sich über heimische Bürokraten viel besser lachen läßt. Es sind schließlich seine.

Dabei sind die Keulenschwinger erzieherisch, wenn auch gelegentlich nicht ohne elitären Anflug. Über das Ensemble-Mitglied Fritz Ehlert heißt es kokett, er lehre mit geduldigem Eifer die Damen in der Garderobe den Unterschied zwischen dem metaphysischen und dem dialektischen Determinismus. »Seitdem werden die Mäntel politisch bewußter aufgehängt.« Na ja.

Aber schön ist die Geschichte von den Stress-Daddys, die »ohne auf die Uhr zu schauen bis nachts am Sozialismus bauen«, was einen traurigen Abgang zur Folge hat, nämlich den des Genossen Paul, »dessen größter Fehler erst viel später als richtungweisend erkannt wurde«.

Oder eine Persiflage auf den ewigen Komplex des kleinen Bruders, der stets in Schlagzeilen jubelt: »Wenn ein Segelflugzeug meldet, daß die DDR aus 200 Metern Höhe noch erkennbar ist, dann läuten allenthalben die atheistischen Glocken!« Frischfröhliches Motto der »Herkuleskeule": »Wir glauben an die Kraft des Lachens in der Arbeiterklasse und agitieren mit Humor. Das nimmt uns der Klassenfeind übel.«

Nun zeigt ein Blick ins »Neue Deutschland«, daß da nicht viel bleibt S.267 zum Übelnehmen, es sei denn, das Blatt wäre je auf der Bühne in die Hände des jüngst verstorbenen »Keulen«-Zugpferdes Hans Glauche geraten, von dem es feinsinnig heißt: »Er ist so berühmt. Er könnte einen Leitartikel des ''ND'' vortragen - die Leute würden sich totlachen.«

Oder anders: Das Licht geht aus, das Piano klimpert, und die Leute leben auf. Die kleine Bühne am Hans-Beimler-Platz, beileibe kein Kulturpalast, schafft sich und ihrer beständigen Gemeinde allabendlich jenes intime Ambiente von Mitwisserschaft, das Kabarett seit jeher vom indiskreten Fernsehen trennt. In diesem Falle heißt das: schlechter Wein, aber gute Pointen.

Laut offiziellem DDR-Kulturverständnis besteht Satire im Sozialismus nicht in Systemkritik an der Staats- und Gesellschaftsordnung. Das bleibt dem Klassenfeind vorbehalten. In der »Herkuleskeule« wird zwar heute schon gelacht über Dinge, die erst morgen offiziell als komisch gelten. Dies jedoch ganz klar in den Grenzen der simplen, aber wirkungsvollen Frage: Nützt uns das? Das Thema Polen kommt nicht vor.

Programmatisch schreibt Manfred Schubert, seit zwanzig Jahren Direktor der »Herkuleskeule«, Stadtverordneter der NDPD, Mitglied der ständigen Kommission Kultur, in der »Kassette 4«, einem DDR-Almanach für Unterhaltungskunst: »Wir haben immer versucht, unsere Zuschauer ... auf Widersprüche im eigenen Handeln hinzuweisen und vielleicht sogar die Bereitschaft zu wecken, diese zu überwinden.«

Für beides ist derzeit wenig Hoffnung. Für die SED ist die polnische »Solidarität« eine Bande von Konterrevolutionären; für so manchen schlichten DDR-Bürger eine Horde von unerwünschten Nachbarn, die früher in die HO-Läden einfiel und jetzt zu Hause Putz macht. So gesehen, kann das Thema Polen in der Tat nur schaden.

S.265Manfred Schubert und Wolfgang Stumph.*

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