SCHAUSPIELER »Auch Mönche trinken Bier«
SPIEGEL: Herr Lauterbach, im Januar haben Sie einen anglikanischen Geistlichen gespielt, Ende des Jahres sind Sie in der Rolle eines Mönchs zu sehen*. Wollen Sie im Fernsehen eine Art Seligsprechung erreichen, nachdem Sie früher vor allem als böser Bube Schlagzeilen gemacht haben?
Lauterbach: Ich habe keine Ambitionen, ins Kloster zu gehen, nachdem ich jetzt zweimal einen Geistlichen gespielt habe. So wenig, wie ich Frauen für mich arbeiten lassen wollte, bloß weil ich zweimal hintereinander einen Zuhälter dargestellt hatte. Wir bekommen in unserem Beruf Rollenangebote, und ich versuche, das möglichst breit zu fächern, was nicht immer gelingt.
SPIEGEL: Es fällt aber auf, dass die Hinwendung zum hochwürdigen Rollenfach mit Änderungen in Ihrem Privatleben zusammenfällt. Sie haben geheiratet, Sie sind Vater einer kleinen Tochter, Sie gehen behutsamer mit Alkohol um.
Lauterbach: Sicher assoziieren die Produzenten irgendetwas im Unterbewusstsein. Aber was heißt hochwürdig? In einem Film war ich mehr Streetworker als Geistlicher - ein patenter Mann, der gegen Aids kämpft.
SPIEGEL: Und jetzt tragen Sie die Mönchskutte. Haben Sie eine innere Beziehung zum Klosterleben?
Lauterbach: Ich habe an einer Messe teilgenommen, an einem gemeinsamen Abendessen mit den Mönchen im Kloster Andechs, wo wir aber dann nicht gedreht haben.
SPIEGEL: Waren Sie beeindruckt?
Lauterbach: Mönche werden genauso mit weltlichen Dingen konfrontiert wie normale Menschen. Die streiten sich da wie die Kesselflicker, telefonieren mit dem Handy, trinken ihr Bier.
SPIEGEL: Im neuen Film, in dem Sie unter der Regie von Bernd Fischerauer spielen, ist ein Pater ein Zocker.
Lauterbach: Ein Mönch hat uns nach der Pressevorführung bescheinigt, er habe den Film zweimal angeguckt und selten etwas gesehen, was in der Kombination von Fiktion und Glaubwürdigkeit so nahe an der Wirklichkeit dran sei wie »Im Namen des Herrn«. Das fand ich eigentlich ganz schön.
SPIEGEL: Geben Sie den Mönch auch deshalb so überzeugend, weil jene Männertypen, die Sie früher verkörpert haben, im wirklichen Leben allmählich aussterben?
Lauterbach: Man darf nicht vergessen, dass mit zunehmendem Alter auch die Fächer wechseln. Vom jugendlichen Liebhaber bin ich mittlerweile deutlich entfernt. Auch der Draufgänger wird zunehmend unglaubwürdiger. Deshalb sehe ich mich nach anderen Sparten um.
SPIEGEL: Trifft man in Deutschland denn noch echte Machos, von Dieter Bohlen einmal abgesehen?
Lauterbach: Ich würde den Dieter jetzt nicht als echten Macho bezeichnen. Der Begriff wird ja so inflationär benutzt, dass man gar nicht mehr weiß, was ein Macho ist.
SPIEGEL: Aber das war jahrelang die Rolle Ihres Lebens. Jetzt holen die Frauen auf.
Lauterbach: Die Frauen sind ja über die Jahrhunderte so was von unterdrückt worden - je nach Kulturbereich -, dass es kein Wunder ist, wenn sie sich jetzt freistrampeln und dabei die Männer überholen. Das kann man bei jedem Scheidungstermin beobachten.
SPIEGEL: Auch die Fernsehunterhaltung reagiert auf die Emanzipation. Es gibt immer mehr TV-Kommissarinnen.
Lauterbach: Als ich in den neunziger Jahren den Polizisten »Faust« gespielt habe und einen der »Eurocops«, habe ich vorgeschlagen: Warum nicht mal eine Kommissarin? Inzwischen machen das alle Sender. Das finde ich total übertrieben. Wenn ich diese ganzen Schulterhalfter über den Brüsten sehe oder die großen Waffen in den Damenhandtaschen, habe ich ein Problem.
SPIEGEL: Krimi-Helden, die durch eine Scheibe springen oder mit einem Verdächtigen in der Kneipe versacken, sind in der Tat selten geworden.
Lauterbach: Und wenn es doch einer tut, kriegt er von seiner Assistentin eins übergebraten.
SPIEGEL: Was verkauft sich eigentlich in der Boulevardpresse besser, der Saulus oder der Paulus Lauterbach?
Lauterbach: Der Saulus natürlich. Ich bin zwar kein Medienexperte, aber ich habe immerhin schon mal einen gespielt.
SPIEGEL: Den Verleger Axel Springer.
Lauterbach: Genau. Sagen wir mal so: Die Schlagzeilen waren jedenfalls größer ...
SPIEGEL: ... als Sie noch jede Nacht um die Häuser gezogen sind.
Lauterbach: Selbst einem seriösen Blatt wie Ihrem ist ja bekannt, dass die schlechtere Nachricht immer die bessere ist. Die Medien neigen zur Schwarz-Weiß-Malerei. Ich habe weder so extrem gelebt, wie immer behauptet wurde, noch bin ich jetzt zum Shaolin-Mönch geworden.
SPIEGEL: Es heißt, Sie schreiben an Ihrer Autobiografie. Wollen Sie die Deutungshoheit über Ihr Leben zurückgewinnen? Sie wären nicht der Erste.
Lauterbach: Mit anderen Biografien wird es wenig zu tun haben, schon weil ich jeden Satz selbst schreibe. Ich tue das vor allem für meine Kinder und deren Kinder. Ob es eines Tages veröffentlicht wird, ist eine andere Frage.
INTERVIEW: NIKOLAUS VON FESTENBERG,
MARTIN WOLF
* »Im Namen des Herrn«. 29. und 30. Dezember, jeweils 20.15Uhr, ARD.