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Erziehung Auf Abruf

Amerikanische Wissenschaftler erforschten die Zukunft des programmierten Lernens. Fazit: Es kommt langsam, aber es kommt.
• aus DER SPIEGEL 33/1972
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Wieviel Bildung eine Gesellschaft sich am Ende wird leisten können, diese Frage quält Politiker wie Hochschulpianer. seit der Bildungsnotstand ausgerufen wurde.

Aber nicht nur mit Numerus clausus und Verkürzen der Studiendauer, meinen nun amerikanische Wissenschaftler, wird diesem Problem künftig zu begegnen sein, sondern auch -- gleichsam vom anderen Ende her -- mit einer Rationalisierung des Lernens.

Die Aussicht auf Lernmaschinen. vom elektronischen Sprachlabor bis zum vollprogrammierten Frage-Antwort-Kurs zwischen Schüler und Computer, hatte schon Mitte der sechziger Jahre die Pädagogen teils in Angst. teils in Begeisterung versetzt. Doch merklich war in den letzten Jahren der anfängliche Optimismus einer nur mehr gedämpften Erwartung gewichen.

Die amerikanische Carnegie Commission on Higher Education in Berkeley (US-Staat Kalifornien) hat nun den bis lang wohl umfangreichsten Bericht über die Lehr-Technologie der Zukunft veröffentlicht. Fazit der Carnegie-Studie: Zwar werde die neue Technologie nicht so rasch in Schulstuben und Hörsäle einziehen, wie es die Befürworter einst hofften, doch der »programmierte Unterricht mit Videokassetten, Kabelfern sehen und anderen elektronischen Hilfsmitteln wird kommen«. Sicher sei aber auch, daß die neuen Lehrmittel herkömmlichen Unterricht nicht völlig ersetzen und anfangs relativ teuer sein würden.

Trotz aller Schwierigkeiten bei der Einführung des vollelektronischen Unterrichts prophezeien die US-Wissenschaftler, daß innerhalb der nächsten 30 Jahre beispielsweise die elektronischen Lehrmittel

* für rund 20 Prozent des Lehrens und Lernens an den Universitäten und

* für etwa 80 Prozent des Selbstunterrichts außerhalb von Hörsälen und Seminaren eingesetzt würden.

Die erforderliche »hardware« -- also etwa Computer-, Video- und Vervielfältigungstechnik -- sei schon jetzt genug fortgeschritten, um die neuen Lehr-Technologien zu verwirklichen.

Engpässe hingegen gebe es vorläufig bei der »software«, den Programmen. So habe die Computer-Industrie zwar schon mehr als 100 Lehrprogramme entwickelt. Sie seien aber qualitativ noch unzureichend. »Lediglich ein halbes Dutzend«. so die Carnegie-Studie. könne an Universitäten tatsächlich eingesetzt werden.

Überrascht waren die US-Wissenschaftler gleichwohl, als sie den Vormarsch der Bildungstechnik in einigen außeramerikanischen Ländern untersuchten:

* In Japan strahlt schon seit knapp zwei Jahren die »University of the Air« werktäglich von frühmorgens bis in die Nachtstunden Vorlesungen und Anleitungen für Experimente über Radio- und Fernsehkanäle aus. Bei vier Jahren Studiendauer müssen die Studenten insgesamt 124 Zwischenprüfungen ablegen, ehe sie das Abschlußzeugnis erhalten.

* In England haben sich bislang 25 000 Studenten an der ebenfalls drahtlosen »Open University« eingeschrieben. Ihnen werden über Radio und Fernsehen insgesamt 300 verschiedene Kurse angeboten -- die meisten davon mit gedruckten Begleittexten.

Das Experiment in England verlief so erfolgreich, daß Kanada das britische Modell kopieren will. In den USA soll die drahtlose Uni zunächst lokal getestet werden.

Eher zögernd, zu diesem Eindruck gelangten die Carnegie-Forscher, startete dagegen das Radio- und TV-Bildungsprogramm in der Bundesrepublik. Wohl hatten sich im Jahre 1967, als der Bayerische Rundfunk erstmals sein »Telekolleg« eröffnete, insgesamt 14 445 Interessenten eingeschrieben. Aber bis 1969 hatten nur knapp 3000 Fernstudenten die Prufungen erfolgreich abgeschlossen -- nach 460 TV-Sendungen. 144 Hausarbeiten, 27 schriftlichen Prüfungsarbeiten und 59 Tagen Schulbesuch.

Das Funk-Kolleg der »Quadriga«. ein Gemeinschaftsunternehmen des Hessischen, Saarländischen, Süddeutschen Rundfunks sowie des Südwestfunks, zeige zwar »ermutigende Ansätze«. Doch vorerst stammen die Teilnehmer an der Tele-Uni noch vorzugsweise aus den »großstadtnahen Grünzonen«, wie Professor Gerd Kadelbach vom Hessischen Rundfunk jüngst analysierte. Im »unterprivilegierten flachen Land« habe das Telekolleg noch nicht Fuß fassen können.

Die amerikanischen Bildungsforscher immerhin haben konkrete Vorstellungen, wie die neuen Lehr- und Lerntechnologien verwirklicht werden könnten. Danach, so die Empfehlung der Wissenschaftler, sollten in den USA (mit jeweils drei Jahren Abstand) insgesamt sieben sogenannte Kooperationszentren für Lerntechnologie eingerichtet werden.

Jedes dieser Bildungszentren soll in vier Einheiten gegliedert werden: einen Produktionszweig für Planung, Aufbereiten und Herstellen des Lehrmaterials in Form von Tonband- und TV-Kassetten sowie Filmen:

-- einen Verteilerbereich, der die »software an Studenten außerhalb der Universität versendet, sowie Bildungspläne erarbeitet;

einen Computerzweig als elektronische Zentrale der Tele-Uni, der zudem die Managementaufgaben übernehmen soll:

* einen Bibliotheks- und Informationsbereich, in dem sämtliche Lehrmittel katalogisiert und auf Abruf bereitgehalten werden.

Die Errichtung der Informationszentrale, Herzstück des Lernzentrums' ist nach Ansicht der US-Forscher das schwierigste Problem der künftigen Groß-Universitäten. Schon heute stehen etwa in der Harvard-Bibliothek mehr als acht Millionen Publikationen. Und der »weltweite Ausstoß an Gedrucktem«, so der Bibliotheks-Direktor des Massachusetts Institute of Technology, Kenneth A. Cox, »steigt jährlich um acht bis zehn Prozent«. 1968 beispielsweise erschienen 400 000 neue Bücher. 200 000 Fachzeitschriften und noch einmal die gleiche Anzahl von Einzel-Forschungsberichten.

Die schwellende Informationsflut sei mithin, wie die Carnegie-Forscher anführen, nur durch konsequente Miniaturisierung zu bewältigen. Schon Ende der achtziger Jahre, so schätzen die Wissenschaftler, wurden 50 Prozent aller Bücher und Fachmagazine, die jetzt noch die Bibliotheken in gebundener Form und als dickleibige Sammelbände füllen, nur auf Mikrofilm vorrätig sein. Geeignete Lesegeräte hätte dann jeder Student zu Hause.

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