Auf Eiern - DER SPIEGEL
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TANGO Auf Eiern

Jugendliche besuchen Tango-Kurse, die Berlinale zeigt Tango-Filme, Tango-Musiker gehen auf Tournee - der argentinische Tanz ist wieder »in«. *
• aus DER SPIEGEL 8/1984
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Die junge Frau im Hamburger Cafe »Schöne Aussichten« ist reichlich groß und ihr ausgewachsener Körper in einen Frack gezwängt. Der Jüngling, der sich an ihren Leib schmiegt, ist einen Kopf kleiner. Er steckt in einem eleganten dunklen Second-hand-Anzug und hat die Haare mit Hilfe von Pomade glatt nach hinten aufs Haupt geklatscht.

Die körperliche Plumpheit der beiden ist fast restlos aufgehoben in der Schwerelosigkeit ihrer fließenden Bewegungen, denn sie tanzen Tango. Ihre Fähigkeiten sind der Kategorie »fortgeschritten« zuzurechnen: Sie schreiten graziös übers dicht gefüllte Parkett und vermeiden mit Geschick, daß sich ihre ineinander geschlungenen Beine bei den häufigen Drehungen heillos verknoten.

Vom Podium, das mit Stubenpalmen gesäumt ist, erklingt das rhythmische Wehklagen des Bandoneons. Schroffe Akkorde, treibend aus der ausdrucksstarken Ziehharmonika gequetscht, wechseln mit melancholisch entrückten Melodien und beschwören das echte Tango-Gefühl.

Wie an diesem späten Abend in dem Cafe im Hamburger Botanischen Garten ist seit einiger Zeit immer häufiger in Deutschland »Tango-Time": Ein harter Kern Jugendlicher und nicht mehr ganz junger Menschen ist dem argentinischen Tanz verfallen und den Wehmuts-Klängen authentischer Tango-Musik, die Welten von den deutschen Verballhornungen eines Alfred Hause entfernt sind.

Die Suche nach einer neuen Variante der Erotik ist beim Tango angelangt, und eine der vielen nostalgischen Expeditionen in die Vergangenheit ist vorgestoßen zur Jahrhundertwende nach Buenos Aires und Montevideo, wo der Musikstil und der Tanz als schöne Sumpfblüten in den Vorstadt-Slums desillusionierter Einwanderer entstanden sind.

Andrang herrschte im Berliner Cafe »Einstein«, als im vergangenen November das argentinische Spitzen-Orchester »Sexteto Mayor« zum Tango aufspielte. Im Berliner »Loft«, sonst Heimstatt der Pop-Avantgarde, und im »Quasimodo«, einem Jazz- und Rockladen, werden dem Tango regelmäßig Abende freigemacht, um die wachsende Nachfrage zu befriedigen.

Nicht Gerhard Wendlands »Tanze mit mir in den Morgen, tanze mit mir in das Glück«, sondern Carlos Gardels »Por una cabeza« ist angesagt bei den neuen deutschen Tango-Jüngern, ein Song des Tango-Superstars aus Buenos Aires, der 1935 in Kolumbien tödlich mit dem Flugzeug verunglückte und in Argentinien heute noch als Mythos so populär ist wie zur Zeit seiner triumphalen Beerdigung, bei der mehrere hunderttausend Fans auf den Beinen waren und sich über den Verlust des Idols die Augen ausweinten.

»Por una cabeza« ist der von Gardel gesungene Monolog eines Vorstadt-Bonvivants, der soeben Haus und Hof verzockt hat, als er sein Vermögen auf einen einzigen Pferdekopf setzte.

Aber der Verlust von Geld wurde selten, der Verlust treuloser Frauen dafür erheblich häufiger in Tango-Liedern beklagt - in den Einwanderer-Gettos von Buenos Aires gab es Männerüberschuß, und Geld war weniger vorhanden. Wie der Jazz in den Puffs von New Orleans wurde auch der Tango in der

halbseidenen Anarchie des Ganoven- und Bordell-Milieus am Rio de la Plata geboren. Das hat ihm zu seiner coolen Schärfe verholfen. _(Eine umfassende Materialien-Sammlung in ) _(dem Band »Melancholie der Vorstadt: ) _(Tango«. Verlag Frölich & Kaufmann, ) _(Berlin; 264 Seiten; 48 Mark. )

Von dieser Subkultur-Lebenshaltung, einer Mischung aus No-Future-Nihilismus und einer fatalistischen Amüsiersucht, sind Rudimente auch noch in den Filmen mit Carlos Gardel zu spüren, die in dieser Woche, neben anderen zum Thema Tango, auf den Berliner Filmfestspielen gezeigt werden.

Im Ganoven-Drama »Tango-Bar« von 1934, in dem die Männer meist einen Gangster-Hut auf den Pomade-Köpfen tragen, spielt Gardel einen Argentinier, der nach Wettverlusten auf der Rennbahn sein Glück als Besitzer eines Tango-Schuppens im spanischen Barcelona neu versucht. Das Idol Gardel bietet, als Schauspieler und Sänger, viel mehr als fettigen Gigolo-Charme oder komische Valentino-Attitüden - er ist ein Typ fast vom Zuschnitt eines Bogart, ein unbekümmerter, im Zwielicht der Tango-Kaschemmen aufgewachsener Bohemien.

Das Paket von Tango-Filmen, die auf der Berlinale laufen, gehört zu den Anzeichen einer neuen deutschen Tango-Welle. Bei einem der immer häufiger frequentierten Tango-Kurse, beispielsweise im Hamburger Tanz-Institut »Good Vibrations«, nennen Alexandra Prusa und David Höner ein Essential der Übung: Man möge beachten, daß Bauch und Oberschenkel beim Tango-Schreiten immer eng aneinanderliegen. Die Vorführungen des tangobesessenen Showpaars aus der Schweiz stehen dabei im Total-Kontrast zu den Bemühungen der jungen Aficionados, die den Spruch »wie auf Eiern gehen« mit neuer Bedeutung füllen.

»Die Frau läßt sich führen, arbeitet aber mit«, instruiert der Vortänzer Höner die lernbegierigen Tango-Eleven. Wie beim noch grassierenden »Carmen«-Fieber schaffen sich im Tango auch lange verleugnete Macho-Gefühle ein Ventil, während sich die Damen in die Verruchtheit einer Femme fatale träumen dürfen.

»Ich bin froh, endlich einmal wieder die Turnschuhe von den Füßen zu kriegen«, erklärt ein junger Frankfurter Tango-Anhänger seine Hinwendung zum argentinischen Tanzvergnügen. Der Tango hat seine Liebhaber in vielen Ecken: Die schrille Großstadt-Boheme ist den kompromißlosen, authentischen Klängen aus Südamerika ebenso zugetan wie struppimäßige Latzhosenträger. Die Evangelische Studentengemeinde in Frankfurt soll, so wird kolportiert, sehnsüchtig nach Tango-Lehrern Ausschau halten.

Das neue Interesse an unverfälschter Tango-Musik wird in den kommenden Monaten gut mit Tourneen bedient. Astor Piazzolla, der Bandoneon-Altmeister des sogenannten Neuen Tango, gastiert vom 16. März bis zum 8. Mai mit der Italo-Puppe Milva in der Bundesrepublik, der uruguayische Bandoneon-Spieler Luis Di Matteo ist im März und April auf Tournee, und im April kommen, im Rahmen eines »Festival Tango Argentino«, das Sexteto Mayor und die Bandoneon-Virtuosen Juan Jose Mosalini und Dino Saluzzi nach Deutschland.

Unterdessen arbeitet in Hamburg der Jung-Musiker Martin Grunwaldt, Mitglied der New-Wave-Gruppe »Große Freiheit«, an einer Synthese von Disco-Musik und Tango, sozusagen an der Entdeckung eines Kolumbus-Eis.

Wie so viele, hat auch Grunwaldt die Begegnung mit dem Tango in lyrische Räusche versetzt: »Wie ein bestrumpftes Frauenbein, der Unwiderstehlichkeit des mit dem Fernsehturm schmusenden Vollmonds ähnlich«, schwärmt er, »berührt Tangomusik einen sentimentalen Nerv in uns. Geil!«

Eine umfassende Materialien-Sammlung in dem Band »Melancholie derVorstadt: Tango«. Verlag Frölich & Kaufmann, Berlin; 264 Seiten; 48Mark.

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