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THEOLOGIE Auf Probe

In Wien diskutierten 500 Theologen ein für sie heikles Problem: Es ging um das Verhältnis von Glaube und Toleranz.
• aus DER SPIEGEL 42/1981
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Die rund 350 Zuhörer im Festsaal der Wiener Universität wurden plötzlich munter. Kurz vor Schluß seines fast anderthalbstündigen Vortrags war der Zürcher Professor Gerhard Ebeling, laut »FAZ« »der wohl bedeutendste evangelische Dogmatiker dieser Generation«, zur Sache gekommen.

Angesichts des »Anarchie-Syndroms« müsse er einerseits an »die Kraft hingebungsvoller tolerantia« appellieren, andererseits aber auch die »Verantwortlichen in Politik, Justiz und Polizei ... dazu ermutigen, der Rechtsverletzung und illegalen Gewalt mit allen notwendigen und zulässigen Mitteln entgegenzutreten, unerschrocken und guten Gewissens und doch leidenden Herzens«.

So mutig wie Ebeling -- wenn auch mit einerseits und andererseits -- hat sich kein anderer Referent des IV. Europäischen Theologen-Kongresses vorletzte Woche in die Politik gewagt, obwohl das Thema des Kongresses politische Aussagen geradezu herausgefordert hat.

Fast fünf Tage lang diskutierten etwa 500 in der Mehrzahl evangelische Theologen aus 13 Ländern über »Glaube und Toleranz«, über ein Thema also, S.280 das schon »immer ein Problem für Theologen« gewesen sei, wie es der Münchner Professor Trutz Rendtorff selbstkritisch und anklagend zugleich umschrieb.

Doch sowohl Anlaß wie Ort markierten die Schwierigkeiten dieses Theologen-Meetings. Anlaß für das Generalthema war die 200-Jahr-Feier des Toleranzpatents, mit dem am 13. Oktober 1781 Kaiser Joseph II. auch den nichtkatholischen Christen das Recht der freien Religionsausübung zugestanden hatte -- allerdings mit Einschränkungen.

Daß es für die Protestanten eigentlich nicht viel zu feiern gab, machte der Wiener Historiker Heinrich Lutz in seinem Eröffnungsvortrag deutlich. Denn im Toleranzpatent war ausdrücklich festgehalten worden, daß die katholische Kirche die »dominante Religion« bleibe.

Die Gotteshäuser der Nichtkatholiken durften auch keine Türme, keine Glocken und keine Eingänge von der Straße her haben. Und wer sich erst nach dem 1. Januar 1783 zum Übertritt vom Katholizismus in eine der drei genehmigten Kirchen -- Lutheraner, Reformierte, Griechisch-Orthodoxe -entschloß, mußte sich einer sechswöchigen Probezeit in einem katholischen Pfarrhaus oder einem Kloster unterziehen.

Die Kosten für diese Gehirnwäsche mußten je zur Hälfte der künftige Nicht-Katholik und der katholische Pfarrer tragen, als Strafe dafür, daß er »seine Herde so schlecht zu leiten vermocht hatte« (Lutz).

Auch die von Lutz vorgetragene Motivation für das Toleranzpatent konnte die versammelten Theologen kaum in Feststimmung versetzen. Die josephinische Toleranz- und Kirchenpolitik, so Lutz, habe zur Voraussetzung, »daß der Staat als Sachwalter des 'wahren Wesens des Christentums' die christlichen Gemeinsamkeiten der Kirche insgesamt für das Staatswohl instrumentalisieren könne«.

Schließlich zitierte der Historiker auch noch aus dem Protokoll einer Beratung der ungarischen Hofkanzlei vom Frühjahr 1782, in dem es heißt: »Denn der Clerus aller Religionspartheyen ist intolerant, wenn ihn nicht der über Vorurteile erhobene, wahrhaft christlich denkende Monarch im Zaume hält.«

Das Urteil gilt, wie der Kongreß deutlich machte, in zweifacher Hinsicht auch für die Gegenwart, wenn an Stelle des Monarchen der Staat gesetzt wird. So hatte die Wissenschaftliche Gesellschaft für Theologie (Vorsitzender: Rendtorff), die gemeinsam mit der Evangelisch-Theologischen Fakultät der Universität Wien den Kongreß veranstaltete, die Donau-Metropole als neutralen Boden gewählt, um Theologen aus den Ostblockstaaten die Teilnahme zu ermöglichen.

In der Tat konnte die Kongreßleitung 20 Theologen aus der DDR und den osteuropäischen Ländern registrieren, aber der Versuch, sie auch als Referenten zu gewinnen, scheiterte an der staatlichen Intoleranz in diesen Ländern. Eindrucksvoller konnte Ebelings sophistische These, daß die Toleranz ihre Grenze an der Intoleranz habe, nicht bewiesen werden.

Freilich, auch die Grenze christlicher Toleranz zeigte sich auf dem Wiener Kongreß. Zwar gab es eine Reihe gutgemeinter Duldungs-Appelle etwa gegenüber den Gastarbeitern. So forderte der Erlanger Religionspädagoge Johannes Lähnemann, das Monopol des christlichen Religionsunterrichts aufzugeben und auch islamischen Religionsunterricht in den Schulen einzuführen.

Denn, so Lähnemann, »ohne die Entwicklung eines schulischen Religionsunterrichts ... wird die muslimische Seite kaum in der Lage sein, in die Gesprächs- und Begegnungssituation hineinzuwachsen, vor die sie in der Bundesrepublik Deutschland gestellt ist«. Doch welchen konkreten Beitrag christliche Toleranz leisten könnte, blieb unklar.

Wie schwer es Theologen mit der Toleranz haben, demonstrierte Dogmatiker Ebeling. So stellte er zwar fest: »Vergegenwärtigt man sich den weiten Spielraum, der heute dem Pfarrer dafür gelassen wird, was er sagt, womit er experimentiert und wie er persönlich lebt, so wird man über Mangel an Toleranz schwerlich klagen können.« Doch er müsse fragen: »Ist es aber echte Toleranz und nicht vielfach ein Gemisch aus Verlegenheit und Schlamperei?« Die Frage blieb unbeantwortet.

»Es grenzt schon an Masochismus«, so ein Kongreßteilnehmer, »wenn Theologen sich mit der Toleranz einlassen.«

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