FILM Aufstand der Gummihühner
Hühner gehören zu den albernsten Tieren auf dieser Welt: ein ruckelnder Kopf auf einem herumschaukelnden Körper, der wiederum von lächerlichen Strichbeinen getragen wird. Hühner hacken aufeinander herum, gackern missgünstig und rennen ständig in Panik davon. Dabei schlagen sie mit ihren Stummelflügeln, obwohl sie doch längst wissen müssten, dass sie nicht fliegen können. Hühner sind eben feige und dumm.
Fast alle Hühner jedenfalls. Auf der Farm von Mr. und Mrs. Tweedy, irgendwo in Nordengland, lebt eine Schar widerspenstiger Hennen in der Eiersklaverei und träumt davon, der Gefangenschaft zu entfliehen, Gras unter den Krallen zu spüren und endlich Küken auszubrüten.
Solche Hühner sind nicht aus Fleisch und Federn, sondern aus Gummi und Plastilin: Der Film »Chicken Run«, der diese Woche mit dem deutschen Untertitel »Hennen rennen« anläuft, erzählt die lustige Geschichte einer Hühnerbefreiungsbewegung - und ist die technisch beste Knetgummi-Animation, die jemals produziert worden ist: Dicke Plastilin-Hennen versuchen den Fettabbau beim Gruppen-Aerobic, landen bei Flugübungen sehr unelegant auf dem Bauch und tanzen federnschwingend unter der Discokugel.
Erfunden und geformt wurden die Heldinnen der Massentierhaltung von den Briten Nick Park, 41, und Peter Lord, 47. Der Knetgummi-Künstler Park ist der Erfinder von »Wallace & Gromit« - dem verschrobenen Bastler und seinem netten Hund. Viermal ist Park in den vergangenen zehn Jahren für einen Oscar in der Kategorie »Animierter Kurzfilm« nominiert worden, darunter für alle drei »Wallace & Gromit«-Filme. Dreimal hat er ihn gewonnen; »A Grand Day Out« ging 1991 nur leer aus, weil ein anderer Park-Film gewann.
»Chicken Run« ist der erste 90-minütige Kinofilm von Aardman Animations, deren Mitinhaber und künstlerische Leiter Park und Lord sind. Die beiden hatten lange gezögert, sich auf einen richtigen Spielfilm einzulassen: Zu gewaltig erschien ihnen der Arbeitsberg. Schließlich wird jedes der 24 Bilder, aus denen eine Filmsekunde besteht, in der so genannten Stop-Motion-Technik einzeln aufgenommen.
Außerdem wollte Park nach zehn Jahren Mann-und-Hund-Kneten endlich andere Wesen formen. Die Idee für neue Stars und deren Geschichte fand sich, als er Hühnerfiguren entwarf und für diese die Story von »Gesprengte Ketten« abwandelte. In John Sturges' Filmklassiker organisieren Steve McQueen, James Garner und Charles Bronson eine Massenflucht aus einem deutschen Kriegsgefangenenlager, bei Park und Lord brechen nun Hühner aus der Sklaverei aus.
Als Drehbuchautor engagierten die Trickfilmer den Hollywood-Komödienschreiber Karey Kirkpatrick. Der stellte zwei Helden ins Zentrum der Handlung. Das britische Junghuhn Ginger und den Rhode Island Red Rooster Rocky, der sich selbstgefällig und eitel über den Kamm streicht, aber am Ende doch so edel ist, wie es nur ein amerikanischer Kinomacho sein kann. Gesprochen wird der Yankee-Hahn im Original von Mel Gibson, der die passende Angeberstimme hat.
Rocky ist auf der Flucht aus einem Wanderzirkus und landet im Lege-Camp, das mit seinen finsteren Baracken an ein Konzentrationslager erinnert. Dort sind die Damen entzückt über den schicken Hahn und zupfen aufgeregt ihre Halstücher zurecht. Doch die Heiterkeit hält nicht lange an. Mrs. Tweedy ist mit den Gewinnen aus dem Eierverkauf nicht zufrieden und hat eine Maschine angeschafft, mit der sie ihre Hühner schnetzeln und in Pasteten füllen will. Schreck-geweitete Hühneraugen sehen einem fürchterlichen Schicksal entgegen. Flucht oder Tod - das sind die Alternativen, sogar das dauerstrickende Einfaltshuhn Babs begreift das.
»Chicken Run«, entstanden in anderthalbjähriger Arbeit und für insgesamt 42 Millionen Dollar koproduziert vom Hollywood-Studio Dreamworks, ist ein perfekter Kinospaß - und wurde in den USA zum Kassenerfolg. Wobei die Zuschauerbegeisterung weniger der Story gilt als den großartig animierten Figuren, die nie so glatt und kalt aussehen wie die Trickhelden aus dem Computer.
Zugleich parodiert der Film berühmte Szenen der Kinogeschichte. Die rasante Fahrt von Ginger und Rocky durch die Pastetenmaschine etwa ist eine Anspielung auf die Flucht in »Indiana Jones und der Tempel des Todes«; der wilde Tanz der Hennen in Baracke 17 erinnert deutlich an »Saturday Night Fever«.
Nebenbei hebt »Chicken Run« das Image des gemeinen Lege- und Suppenhuhns. In den USA nutzen Tierschützer den Erfolg der Gummihennen und demonstrierten vor den Kinos für die Freiheit der Käfighühner. Die Fast-Food-Kette Burger King legte ihren Hamburgern Spielzeughühner bei und lässt in einem Werbespot eine Henne fordern: »Rettet die Hühner - esst einen Whopper!« MARIANNE WELLERSHOFF