FESTSPIELE Aufstieg in den Abgrund
Daß Hitler hier hof hielt und seine Schranzen braunes Staatstheater inszenieren ließ, daß auch »jetzt im Parkett vermutlich wieder Leute sitzen werden, die dem Dritten Reich noch anhängen oder nachtrauern« -- es ficht ihn nicht an. Für ihn ist Bayreuth nur »ein Opernhaus, wo alles viel, viel besser klingt als irgendwo sonst auf der Welt«.
Wenn der israelische Dirigent, Pianist, Kammermusiker, Liedbegleiter, Orchesterchef, Chorgründer und Fernsehstar Daniel Barenboim, 38, am kommenden Samstag mit dem von Jean-Pierre Ponnelle neu inszenierten Liebesspiel »Tristan und Isolde« die Richard-Wagner-Festspiele eröffnen wird, fühlt er sich »völlig unbelastet« von der fatalen Vergangenheit der fränkischen Gralsburg.
»Natürlich« sei Wagner »ein großer Antisemit« gewesen, »aber das waren andere Komponisten wie Chopin und Mussorgski leider auch viel zu oft«. Und daß Hitler Wagner »für seine politischen Wahnvorstellungen« interpretiert habe, hindere ihn »nicht eine einzige Minute, Wagner zu verehren«.
Sicher, er versteht und respektiert, daß »wenigstens ein Viertel meiner Landsleute schreckliche Assoziationen mit diesen Klängen« verbindet, weshalb das Gesamtwerk des Bayreuthers in Israel denn ja auch immer noch in Acht und Bann steht, weder im Radio gespielt wird noch vom Israel Philharmonic Orchestra, dem Barenboim häufig vorsteht.
Aber er selbst, der in Argentinien geborene Sohn russischstämmiger Juden, habe »die leidvollen Erfahrungen nicht durchgemacht« und daher keinen Anlaß, »politische Zensur in der Musik zu akzeptieren«.
Souverän nimmt er hin, daß viele Juden -- »vor allem die eigentlich heimatlosen in Amerika« -- ihm den Hang zu Wagner und den Drang nach Bayreuth »bestimmt verübeln werden«. Doch beim Aufstieg in den »mystischen Abgrund« des Festspielhauses hat er sich freigemacht von allem ideologischen Ballast.
Ende der sechziger Jahre hatte er sich erstmals auf dem Grünen Hügel umgehört und umgesehen. Damals schon wurde der Festspielleiter und Komponisten-Enkel Wolfgang Wagner bei ihm vorstellig. Aber Barenboim, seinerzeit noch Newcomer am Pult, winkte ab.
Letzten Sommer, mit reichlich Kritiker-Lob über seinen Berliner »Tristan« und dem Bayreuth-Vertrag in der Tasche, war er dann bei »Siegfried« zu Gast und »höchst beeindruckt« gewesen von diesem Stück »Nibelungen-Ring« unter dem »hochverehrten Freund« Pierre Boulez.
Nun endlich hält er selbst Einzug in Walhall, und das ist »etwas ganz Besonderes« und »ungeheuer Wichtiges« selbst in der Laufbahn dieses verwöhnten Musik-Multis:
Als Pianist hat Daniel Barenboim heute praktisch die gesamte gängige Literatur von Bach bis Messiaen sicher im Griff und schon mehr Schallplatten im Katalog als Maurizio Pollini und Arturo Benedetti Michelangeli zusammen.
Als Dirigent hat er heute praktisch die gesamte gängige Literatur von Bach bis Messiaen fest in der Hand und schon mehr Schallplatten im Katalog als Erich und Carlos Kleiber zusammen.
Live oder in stereophoner Konserve kann der (nach Karajan und Solti) Chefdirigent des französischen Renommier-»Orchestre de Paris« inzwischen haben, was er will: die Berliner, Wiener, New Yorker Philharmoniker, die Carnegie Hall in New York genauso rappelvoll wie die Bonner Beethovenhalle; Stargeigern wie Itzhak Perlman oder Pinchas Zukerman sekundiert er ebenso gern am Klavier wie dem Bariton Dietrich Fischer-Dieskau.
Mit Bienenfleiß, feinem musikalischem Feeling, solidem Handwerk und »reichlich viel Chuzpe«, wie der Violinist Isaac Stern bemerkte, schöpft Barenboim seine Goldgrube im internationalen Musikgeschäft aus.
Solange er nur Klavier spielte, war der britische Plattentrust EMI dankbarer Abnehmer. Als der Pianist, S.135 vom großen Vorbild Furtwängler angeregt, auch noch zum Taktstock griff, bot sich die Deutsche Grammophon Gesellschaft an. Außerdem rotiert Barenboim noch auf CBS und RCA.
Doch solch schwunghafter Handel hat selbst an diesem musikantischen Kraftpaket Zeichen von Abnutzung hinterlassen: in kürzester Zeit die Orchesterwerke von Berlioz komplett, von Debussy komplett, alle Symphonien von Schumann, alle von Bruckner, jede Menge Klavierstücke von Franz Lizst, allein sechs neue LP zum Bayreuth-Debüt -- da ist kein Flop drunter, nichts unterm Strich, aber auch kein Super-Wurf für die brühmte einsame Insel. Das clever gemanagte Ein-Mann-Unternehmen Barenboim liefert durchweg musikalisch gehobene Mittelklasse.
Mitten in diesen Schaffensdrang platzt nun das Bayreuther »Schlüsselerlebnis«, auf das er sich »jahrelang vorbereitet« hat: »''Tristan'' kann man nicht einfach so hinlegen, nachdem man die Partitur durchgesehen hat.« »Ganz ruhig«, gelöst aus der Hektik eines überfüllten Terminkalenders und »in idealer Abstimmung mit Ponnelle« hat er den »Tristan« einstudiert und entschlackt. »Für mich«, sagt er, »ist der erste Akt reine Kammermusik« und das ganze Werk »ein einziges Wunder«.
Vielleicht mit Nachwirkung. Denn schon lange munkelt die Branche, daß die Berliner Philharmoniker den polyglotten Israeli gern als Nachfolger Karajans sähen, der aber von diesem Thronfolger wenig wissen wolle. »Seit Jahren keinerlei Kontakte« habe es zwischen Karajan und ihm gegeben, versichert Barenboim. Ein Bayreuth-Triumph könnte auch das ändern.
S.134Mit Jean-Pierre Ponnelle, Johanna Meier und Rene Kollo.*