Aus der Walachei - DER SPIEGEL
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Theater Aus der Walachei

Ein Geheimtip wird zum Festival-Ereignis: Das Nationaltheater aus dem rumänischen Craiova gastiert in Wien und München.
• aus DER SPIEGEL 24/1993
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König Ubu, der größenwahnsinnige Spießer, Thronräuber und Staatsterrorist, hat im Lauf seiner fast 100jährigen Theaterkarriere vielerlei Inkarnationen erlebt, karnevalistisch grobklotzige wie artifiziell hochgezwirbelte.

Doch vielleicht war er nie so sehr der richtige Held im richtigen Augenblick wie anno 1990 in Rumänien: Da erkannte, so scheint es, das Publikum im Gelächter über den blutrünstigen Hanswurst auf der Bühne, welches wirkliche Ungeheuer so lange über das Land geherrscht hatte. Noch das Lachen war ein Akt der Befreiung von ihm.

Die großmäulige Mutter Ubu trat zwar unvermeidlich mit einer Handtasche auf, wie das die First Lady Elena getan hatte, doch dargestellt wurde sie von einem stämmigen Bariton. Äußere Ähnlichkeit war nicht nötig, um in den Ubus die Ceausescus zur Kenntlichkeit deformiert zu entdecken - im Gegenteil, sagt der Regisseur, man habe platte Analogien vermieden, um sich die Lust am Spiel offenzuhalten.

Bei einem Publikum, das lange darauf trainiert war, einen durch die Zensur geschmuggelten Hintersinn zu erraten, ja, das vielleicht sogar vor allem ins Theater kam, um eine verheimlichte Wahrheit ausgesprochen zu hören, wurde im Jahr nach Ceausescus Sturz Alfred Jarrys Groteske »König Ubu« im Nationaltheater von Craiova zur Offenbarung. Im richtigen Augenblick war der richtige Mann zur Stelle, um das Stück dazu zu machen.

Er heißt Silviu Purcarete, ist 42 und hat - unter einem Regime, das dem Theater als Repräsentationskultur huldigte, die interessantesten Theatermacher aber ins Exil trieb - seine Regietalente offenbar entwickelt, ohne unangenehm aufzufallen.

Der »König Ubu« hat ihn in die internationale Prominenz katapultiert: 1991 war die Aufführung bei den Festspielen in Edinburgh zu Gast, auch beim Festival »Theaterformen« in Braunschweig, seither mancherorts von Jerusalem bis Tokio, und diese Woche ist sie in München zu sehen, als eines der Haupt-Schaustücke beim »Theater der Welt": Es sei, so die Münchner Festivalmacherin Renate Klett, »sensationelles Theater mit Weltniveau. Und das in der tiefsten rumänischen Provinz«.

»Welttheater« ist es geworden, weil der Regisseur dieses verquere, aus einem Pennälerscherz erwachsene Schlüsselstück der Moderne eben nicht zum Ceausescu-Kabarett getrimmt, sondern in seiner krausen Üppigkeit hat aufblühen lassen. »Ich kann mir nicht helfen, aber ich liebe Ubu«, sagt Purcarete, ein massiger, schnauzbärtiger Gemütsmensch: »Er ist ein Ungeheuer, aber er ist auch ein Kind.« Da Jarrys Königsdrama auch die Parodie eines Shakespeareschen ist, hat Purcarete als Theater im Theater Szenen aus »Macbeth« in seine »Ubu«-Version eingebaut: ein Gipfeltreffen für zwei Horrorpaare. Da die Aufführung durch ihren komödiantischen Schwung überrumpeln sollte, hat er den Blutrausch im Walzertakt choreographiert. Vor allem aber hat er bewirkt, daß ein Provinzensemble aufspielt, als sei es eine Spitzentruppe.

Über Craiova, Industriezentrum im Südwesten der Walachei mit einer Viertelmillion Einwohner, ist zu hören, daß es von landesüblicher Tristesse und Verqualmtheit sei, als rare Sehenswürdigkeit jedoch ein riesiges Theater vorzuweisen habe: ein Betonding aus den siebziger Jahren, eines der Nationaltheater Rumäniens.

Daß die Zuschüsse nicht mehr fließen wie einst, versteht sich, da rundum außer der Armut kaum etwas wächst. Daß es der Truppe in Craiova aber doch besser als mancher anderen geht, verdankt sie dem internationalen Applaus (zuletzt beim »Festival of the Americas« in Montreal), den Gastspielhonoraren in harter Währung, alles in allem Purcarete, dem Zauberer.

Seine jüngste Produktion mit der Craiova-Truppe, von den Wiener Festwochen mitfinanziert, erlebte ihre Premiere vergangene Woche in Wien: eine »Phaedra«, aus den antiken Stücken von Euripides und Seneca zusammengeschnitten, zeigt den Bonvivant Purcarete als mondsüchtigen Mythenträumer.

Er entdeckt im Drama der Stiefmutter, die am Verlangen nach ihrem Stiefsohn zerbricht, den Anti-Ödipus, die Familienzerstörungsmaschine, die von sehr zwielichtigen Göttinnen betrieben wird, und er macht - mit einer Schar junger Frauen, die mit Schlapphut und Krückstock den Chor der lüsternen Greise bilden - aus dem Rachedrama einen berückend schönen, archaisch fremdartigen Theater-Tranceakt.

Schon den »König Ubu« wollte Purcarete nicht nur als Farce, auch als »Mysterienspiel« verstehen, und auf halbem Weg zur »Phaedra«, die den Schauder der Tragödie erzwingen will, hat er im Frühjahr 1992 in Craiova »Titus Andronicus« inszeniert, Shakespeares finsterstes, blutigstes Machtspektakel. Beim Münchner »Theater der Welt« steht es, plausibel, nach dem »Ubu« auf dem Programm: Zum Lachen ist da nichts mehr, auch wenn der Superschurke Aaron als Teufelsgeiger den Takt angibt.

Purcarete rahmt die Historie, als wäre sie ein Kindermärchen, das ein kleiner Junge bei Kerzenschein in einem Buch liest, doch er betont ihre Gegenwärtigkeit, indem er Krieg und politischen Machtkampf auf Fernsehschirmen als Medienspektakel erscheinen läßt: Mord, Vergewaltigung, Verstümmelung, Menschenfresserei treiben das Rad der Geschichte voran, die Wiederkehr der Barbarei ist ihr Thema.

Mag das Stück alt sein und die Truppe aus der »tiefsten« Provinz: Was sie so dringlich und eindringlich erzählen, ist Weltgegenwart.

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