ba oder kall - DER SPIEGEL
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URSPRACHE ba oder kall

• aus DER SPIEGEL 51/1962
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Im Paradies, so behauptete ein schwedischer Philologe des 17. Jahrhunderts, habe Gott schwedisch, Adam dänisch und die Schlange französisch gesprochen. Türkische Kollegen argumentierten drei Jahrhunderte später, Türkisch sei die Wurzel aller Sprachen; alle Wörter seien von »günes« (dem türkischen Wort für Sonne) abgeleitet worden.

»Wenn es überhaupt etwas gibt, worüber sich die Sprachforscher völlig einig sind«, bekannte vor einigen Jahren der Professor für romanische Sprachen an der Columbia-Universität Mario Pei, »dann die Tatsache, daß das Rätsel vom Ursprung der menschlichen Sprache noch immer ungelöst ist.«

Dieses Mysterium, das Sprachforscher und Philosophen seit Jahrhunderten vergebens zu klären versuchten, glaubt jetzt ein Außenseiter erhellen zu können.

Der 52jährige Übersetzer und Dolmetscher Richard Fester, der behauptet, er »halbe noch nie ein Buch der Fachrichtung Sprachwissenschaft gelesen«, kam in fünfjähriger Forschungsarbeit zu dem Schluß, daß alle Sprachen der Menschheit aus einem Urwortschatz von nur sechs einsilbigen Wörtern entstanden seien, den »Archetypen der menschlichen Sprache«. Das Ergebnis seiner überlegungen erschien unter dem Titel »Sprache der Eiszeit"*.

Die Arbeit des Außenseiters, der die üblichen Arbeitsmethoden der Sprachwissenschaft unbeachtet ließ, wurde von einem renommierten Eiszeit-Experten enthusiastisch unterstützt: Der Mainzer Vorgeschichtsforscher Professor Herbert Kühn machte dem Autor nicht nur »immer von neuem Mut«, sondern steuerte sogar ein lobendes Vorwort bei: »Man möchte den Inhalt dieses Buches für Anmaßung halten, für absurd ... oder auch für Scherz - und doch ist der Weg zur Erforschung jener Sprache, der Ursprache der Menschheit, wie mir scheint, durchaus gangbar.«

Festers Grundthese, alle frühen Menschen hätten über einen gemeinsamen Urwortschatz verfügt, aus dem sich sämtliche Sprachen entwickelt haben, ist freilich nicht neu: Der deutsche Philosoph Gottfried Wilhelm Leibniz vermutete schon vor 250 Jahren, daß alle Sprachen auf eine einzige »Vorsprache« zurückgehen. Und auch Sprachforscher des 20. Jahrhunderts mutmaßten, die biblische Geschichte vom Turmbau zu Babel und von der Strafaktion Gottes gegen die Turmbauer sei, wenn auch nicht wörtlich, so doch sinngemäß richtig«.

Die studierten Experten - soweit sie diese These zu vertreten wagten - vermochten die Theorie jedoch nicht hinreichend zu untermauern. Sie hielten sich an das geschriebene Wort - eine Beschränkung, die ihr Arbeitsfeld zwangsläufig stark einengte.

Denn das gesprochene Wort ist vermutlich 200 000 Jahre älter als die frühesten schriftlichen Überlieferungen. Selbst »das früheste rekonstruierbare Stadium für irgendeine Sprachfamilie«, so formulierte der amerikanische Anthropologe Charles F. Hockett, »zeigt all die Vielfältigkeit und Anpassungsfähigkeit der Sprachen von heute«.

»Der Vergleich geschriebener Wörter allein«, folgerte Fester, »kann daher keine Antwort auf die Fragen nach Alter und Ursprung der menschlichen Sprache wagen.«

Der Amateur schlug gleichsam den umgekehrten Weg ein wie die professionellen Sprachforscher. Er ging vom Urmenschen selbst aus, von Urbegriffen und Urvorstellungen.

Die deutlich erkennbare Tendenz archaischer Sprächen zu einsilbigen Wörtern diente ihm als erster Fingerzeig. Von diesen urtümlichen Sprachen sammelte Fester Wörter, die aus nur einem, zwei oder drei Lauten bestanden. Er machte eine Entdeckung, die er nicht überraschend fand: Die Kurzwörter drückten meist Urerlebnisse des Menschen aus.

Fester: »Was lag näher als der Umstand, daß frühe Sprache vom Menschen ausging, von seinem Körper, von dessen Teilen, Funktionen, Formen, der Dualität Frau/Mann und dem körperlichen Verhalten bei Liebe, Zeugung, Geburt, Aufzucht?«

Ähnlichen körperbezogenen Kurzformen begegnete Fester auch noch auf zwei anderen Gebieten: in der Geographie und in der Religion. Er durchforschte mehr als fünfhundert Landkarten aus allen Teilen der Welt und erkannte, daß indoeuropäische, mongolische polynesische, afrikanische und altamerikanische Gewässer- und Landschaftsnamen unter Verwendung der gleichen Sprach-Archetypen geprägt wurden. Auch die Bezeichnungen aller Sprachen für Gott oder Götter glaubt Fester auf diese Urformen der menschlichen Sprache zurückführen zu können.

Aus einer Sammlung von über fünf Millionen Wörtern extrahierte der Sprachforscher schließlich sechs Urwörter, auf die sich »die Vielfalt unserer sprachlichen Gegenwart ... zurückführen läßt": ba, kall, tal, os, acq und tag;

Während es heute in allen Sprachen für einen Gegenstand oder eine Handlung meist mehrere Wörter gibt, müssen umgekehrt die Urwörter anfänglich eine Vielzahl von Bedeutungen getragen haben. Erst im Lauf der Jahrtausende entstanden neue Formen, teils durch Lautverschiebungen, teils durch Umkehrungen der Archetypen oder auch durch Aneinanderreihung zweier oder mehrerer Urwörter.

Nahezu vier Fünftel des Fester-Buches nehmen Wortuntersuchungen ein, die zum Beweis der Urwort-Theorie dienen sollen. Doch das sei, betont Fester, nur ein Bruchteil seines Materials, denn »das Buch mußte ja lesbar bleiben«. Durch die Jahrtausende und über Kontinente hinweg verfolgte er die Wandlungen, Umkehrungen und Kombinationen der Archetypen. Die Bedeutung Höhle für das Urwort kalt etwa glaubte der Sprachforscher im aztekischen »teo Kalli« (Gotteshaus), dem lateinischen »ecclesia« (Kirche), dem griechischen »kalia« (Wohnstatt), dem arabischen »hawiah« (Höhle) und dem deutschen Wort »Halle« wiedergefunden zu haben.

Dennoch: Trotz fast 200 Seiten solcher Deutungen wird auch in Zukunft, bedauert der Autor, »die Fachwelt ... nicht ganz der gewohnten Wortfehden der Etymologen entraten müssen«. Die Lautverschiebungen und auch die Sinngehalte einzelner Urwörter überschneiden sich derart, daß etwa Wörter wie Volk, Wonne oder Wollust nicht erkennen lassen, ob sie von ba oder kalt abstammen.

Immerhin erschien dem Mainzer Vorgeschichtsforscher Professor Kühn die Arbeit »in ihrer Klarheit ... und ihrer Überzeugungskraft als der wichtige Weg vorwärts, ein Ereignis der Wissenschaft ... wert der tiefsten Beachtung«.

* Richard Fester: »Die Sprache der Eiszeit«. P.A. Herbig Verlagsbuchhandlung, Berlin-Grunewald; 258 Seiten; 24,80 Mark.

** Erstes Buch Mose, 11. Kapitel, Vers 7 und 8: »Wohlauf, lasset uns herniederfahren und Ihre Sprache daselbst verwirren, daß keiner des andern Sprache verstehe! Also zerstreute sie der Herr von dort in alle Länder, daß sie mußten aufhören die Stadt zu bauen.«

Sprachforscher Fester

Im Anfang waren sechs Wörter

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