Bad New World - DER SPIEGEL
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BÜCHER Bad New World

Fritjof Capra: »Wendezeit. Bausteine für ein neues Weltbild«. Scherz Verlag, Bern, München, Wien; 512 Seiten; 39,80 Mark. *
• aus DER SPIEGEL 33/1983
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Das Buch mache »alle Anstalten, ein Kultbuch zu werden«, schrieb die »Süddeutsche Zeitung«, und in der Tat besteht die Gefahr, daß es das wird.

Einem solchen Werk kann eine Rezension eigentlich nicht genügen, eher vielleicht eine Besprechung, »eine«, laut Brockhaus von 1895, »mit der Magie verwandte Art von abergläubischen Handlungen, die in Anwendung gebracht werden, um die Fortdauer nachträglich wirkender oder gefahrdrohender Zustände aufzuhalten«. Das Verfahren wird auch heute noch, vorzugsweise zur Beseitigung von Warzen, angewendet.

Doch auch dabei gibt es ein Problem: Das angehende Kultbuch enthält so viele Verwünschungs- und Segensformeln, daß Legionen weiser Frauen und Männer es schwer hätten zu konkurrieren. Aber schließlich geht es ja in diesem Buch um »einen Wendepunkt für unseren Planeten in seiner Gesamtheit«, und wer will, kann das einfach übergehen.

Der Autor, Fritjof Capra, 44, ist Physiker. Er lehrt an der University of California in Berkeley. Es beglücke ihn, verriet Capra der »Abendzeitung«, daß »seine Prominenz es ihm ermöglicht, mit Denkern von Rang ins Gespräch zu kommen«. Auch mit Herbert Marcuse, dem 1979 verstorbenen Philosophen der Frankfurter Schule, habe er »seine Ideen diskutiert«. Das merkt man.

Neben seiner Lehrtätigkeit und seinen Forschungen am Lawrence Berkeley Laboratory beschäftigt sich Capra »mit dem Verhältnis zwischen moderner Physik und Philosophie beziehungsweise östlichen Weisheitslehren«. Carl Friedrich von Weizsäcker dürfte da wohl sein Vorbild sein. Man kann es nur vermuten, denn in der Capra-Bibliographie fehlen die Werke des Physikers, Philosophen, Friedensforschers und Anhängers östlicher Meditation Weizsäcker.

Doch angesichts dessen, was Capra auf rund 500 Seiten vorträgt, ist das nebensächlich, befinden wir uns doch »inmitten einer tiefgreifenden, weltweiten Krise«. Es droht »der Untergang des Abendlandes« (Oswald Spengler), ach was, der gesamten Menschheit. Das Pentagon macht den »gewaltigsten militärischen Kraftakt der Geschichte«; die betriebenen und geplanten Atomkraftwerke »sind zu einer großen Gefahr für unser Wohlbefinden geworden«; Überbevölkerung und Industrialisierung »haben auf verschiedenartige Weise zu einer ernsthaften Verschlechterung der natürlichen Umwelt beigetragen«; und außerdem sind auch noch »Inflation, massive Arbeitslosigkeit sowie eine übermäßig schlechte Verteilung von Einkommen und Wohlstand zu Strukturproblemen der meisten nationalen Volkswirtschaften geworden«.

Capras Bad New World, dieses Ninive im Kosmos, dessen Untergang beschlossen zu sein scheint, macht angst. Ein Prophet Jona muß her, der uns zu einem »neuen Bewußtsein« (Marcuse) verhilft. Vielleicht gibt es für die Welt noch ein Happy-End wie damals für Ninive: »Als aber Gott ihr Tun sah, wie sie sich bekehrten von ihrem bösen Wege, reute ihn das Übel, das er ihnen angekündigt hatte, und tat's nicht.«

Also spricht der Prophet Capra: »Kulturelle Umwälzungen dieser Größenordnung lassen sich nicht verhindern. Man sollte sich ihnen nicht entgegenstellen, sondern sie im Gegenteil als einzigen Ausweg aus Agonie, Zusammenbruch oder Mumifizierung begrüßen. Um uns auf den bevorstehenden großen Übergang vorzubereiten, müssen wir die wichtigsten Prämissen und Werte unserer Kultur tiefgreifend überprüfen, jene Begriffsmodelle ablehnen, die ihre Nützlichkeit überlebt haben, und einige Werte wiederbeleben, die in früheren Perioden unserer Kulturgeschichte beiseite geschoben wurden. Ein derart tiefgreifender Wandel der Mentalität unserer abendländischen Kultur muß natürlich begleitet sein von einer ebenso tiefgreifenden Änderung der meisten gesellschaftlichen Beziehungen und Formen gesellschaftlicher Organisation.«

Nach diesen tiefergreifenden Sätzen sollte jeder wissen, wo es lang geht. Doch zunächst muß die Frage geklärt werden, wer die Menschheit vom rechten Weg abgebracht hat. Wer, was ist schuld an der drohenden Katastrophe?

Capra hat sie erkannt, die Schuldigen am gegenwärtigen Dilemma: Descartes, Galilei, Newton et omnes peccatores, die das mechanistische Weltbild erfunden haben. Zwar haben sie das Gute gewollt, aber das Böse geschaffen, weil »die Überbetonung der wissenschaftlichen Methode und des rationalen, analytischen Denkens zu Verhaltensweisen geführt hat, die zutiefst antiökologisch sind«.

Dieses mechanistische Weltbild beherrsche noch immer Medizin, Psychologie und Volkswirtschaft. Descartes' »strikte Trennung« von Res cogitans und Res extensa, von Geist und Körper habe die Ärzte veranlaßt, »sich auf die Körpermaschine zu konzentrieren und die psychologischen, gesellschaftlichen und umweltmäßigen Aspekte der Erkrankung zu vernachlässigen«.

Nicht weniger verhängnisvoll sei der Einfluß des mechanistischen Weltbildes auf die Psychologie. Das zeige sich besonders deutlich am Behaviorismus, der für Capra »die Newtonsche Psychologie par excellence« ist. Aber auch Freuds Psychoanalyse, seine »streng rationale und mechanistische Auffassung« versperre die Sicht auf »die Gesamtheit des psychischen Lebens«.

Besonders fatal findet Capra die Auswirkungen des mechanistischen Weltbildes auf die Ökonomie. Sowohl kapitalistische als kommunistische Wirtschaftstheorien seien »weiterhin tief im kartesianischen Paradigma verwurzelt«. Ihr Wachstumsfetischismus mache sie blind dafür, »daß es in einer endlichen Umwelt ein dynamisches Gleichgewicht zwischen Wachstum und Niedergang geben muß«.

Nachdem Capra wie ein Abraham a Santa Clara das satanische Wirken des mechanistischen Weltbildes in der Gegenwart gezeigt hat, folgt die »Stunde der Besinnung« ("Weltwoche"), »die neue Sicht der Wirklichkeit« (Capra).

Um sie zu erlangen, muß man zunächst erkennen, »daß alle Phänomene - physikalische, biologische, psychische, gesellschaftliche und kulturelle - grundsätzlich miteinander verbunden und voneinander abhängig sind«. Daraus folgt, daß wir jedem mechanistischen, die Wirklichkeit in Einzelteile zerlegenden Denken abschwören müssen.

Erst dann ist die Menschheit fähig, Capras Botschaft vom »Systemdenken«, von einer »anderen Wahrnehmung der Welt«, zum Heile des Planeten Erde zu nutzen. Systemdenken heißt: »komplex statt linear, in Netzen und Bögen statt in Zielgeraden und den Kurven der Statistik«. Nur durch dieses neue Denken läßt sich »die verlorene Spiritualität sowie das ökologische Bewußtsein zurückgewinnen«.

Was gegenwärtig nur in seltenen Augenblicken - »wenn man beim Tennisspielen den perfekten Ball schlägt oder beim Skifahren die perfekte Spur findet, inmitten eines sexuellen Orgasmus ... oder in tiefer Meditation« - erfahrbar ist, »in Resonanz mit dem ganzen Universum zu sein«, muß in der Zukunft alle menschlichen Bereiche beherrschen.

Ein einzig Volk von Mystikern muß die Menschheit werden und den »rhythmischen Strukturen« der Wirklichkeit folgen - »Fluktuationen, Schwingungen, Vibrationen, Wellen«.

Der Anfang für den »Übergang zum Sonnenzeitalter« ist schon gemacht. Die gesellschaftlichen Bewegungen der sechziger und siebziger Jahre künden den Wandel an. Alternative und Grüne, Antiautoritäre und Feministinnen - sie sind für das neue Denken besonders wichtig - begegnen »den neuen Herausforderungen mit Einfallsreichtum und wachsendem Selbstvertrauen«. Die herrschenden gesellschaftlichen Institutionen, den Niedergang vor Augen - klammern sich verzweifelt an überholte Ideen.

Das Ärgerliche an Capras Buch ist, daß er Wirklichkeit und Traumwelt mit demagogischem Eifer vermengt. Gerade die Komplexität der Wirklichkeit, die Capra immer wieder hervorhebt, hätte ihn eigentlich daran hindern müssen, in den Irrtum zu verfallen, alles Heil von einem neuen Denken zu erwarten. Die »andere Wahrnehmung der Welt« mit ihrem antimechanistischen Drall kann der Komplexität auch nicht gerecht werden. Das neue Denken wird durch seine radikalen Propheten a la Capra zum ideologischen Hammer, der alle und alles über einen Leisten schlägt.

Seinem »Habitus nach«, schrieb die »Weltwoche«, könnte Capra »auch über Tennis oder Formel-1-Erfahrungen sprechen«. Vielleicht wäre das besser.

Helmut Gumnior

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