KUNST Bahnhof des Chaos
Weltkunst in Köln -- das hätten Lokalpolitiker gern gehabt. Nun müssen sie mit »Westkunst« zufrieden sein.
Dieses Schlagwort, ein ironisches Entgegenkommen, schraubt unbedachte Ansprüche herunter. Es unterstreicht die Binsenwahrheit, daß die gern mit globalem Anspruch auftretende Avantgarde statistisch nur einen schmalen Anteil zur Welt-Kunstproduktion beisteuert. Zugleich erinnert der Slogan aber an jene Nachkriegsphase, in der -- kalter Kunst-Krieg -- abstrakte Bilder der östlichen Tyrannei als Freiheitsbanner entgegengehalten wurden. Und damit sind dann Fragen nach der Zeitgenossenschaft und der Rezeption moderner Kunst überhaupt gestellt.
Solche Verflechtungen also stehen zur Debatte, wenn am Himmelfahrtstag in den Kölner Rheinhallen die »Westkunst« eröffnet wird: eine ebenso ehrgeizige wie umfangreiche Ausstellung (10 000 Quadratmeter, 862 Katalognummern), die als moderne Kunstschau im Vor-Documenta-Jahr 1981 zumindest national konkurrenzlos ist. In einem vom Architekten Oswald M. Ungers eigens entwickelten Binnenraumsystem wird ein aufregendes, in mancher Hinsicht neuartiges Epochenprofil der »Zeitgenössischen Kunst seit 1939« zu inspizieren sein.
( Bis 16. August. Katalog vom ) ( DuMont-Buchverlag; 524 Seiten; 32 (im ) ( Buchhandel 42) Mark. )
Das Stichdatum, ungewohnt für Kunsthistoriker, wird durch das eigenwillige Konzept gesetzt: Das »Westkunst«-Team, auf zwei Jahre engagierte Planer (voran: der vagierende Kunst-Impresario Kasper Koenig und der Münchner Kritiker Laszlo Glozer) sowie Kölner Museumsleute, schlägt eine Perspektive vor, nach der nicht eine kunstinterne Revolution, sondern die Krisenzeit um den Kriegsausbruch entscheidende Weichen gestellt hat.
»Auf dem Rangierbahnhof des Chaos«, bei »Kriegsverdunkelung«, so Glozer als Katalogverfasser, sei den Künstlern ihr Freiheitsanspruch rigoros bestritten worden, hätten sie sich »ungefragt in den Widerstand versetzt« gefunden. Während in Luzern die in Deutschland als »entartet« konfiszierten Bilder versteigert wurden, malte im Londoner Exil Oskar Kokoschka seine Allegorie »Das rote Ei« mit Hitler- und Mussolini-Fratzen sowie der Vision eines brennenden Prag.
Doch eine Parade illustrativ politischer Bilder ist »Westkunst« keineswegs. Wenn, ebenfalls 1939, Pablo Picasso eine räuberische Katze und Paul Klee ein »Zerstörtes Labyrinth« malt, dann sind zeithistorische Deutungen dem Betrachter überlassen. In der Ausstellung hängen die Werke »nicht als Kunst der Zeit«, sondern als »Bilder für die Zeit«.
Mit so feinen Unterscheidungen, auf oft steilen, gewundenen Denkpfaden, umgeht Glozer eingängige Formeln, und die »Westkunst« muß mit unterschiedlichen Gesichtspunkten fertigwerden.
Picassos Katze, heißt es, konnte »nur damals entstehen«, ein Jesus-Bild von Georges Rouault hingegen ist aufgenommen worden, weil der zwar schon länger so malte, aber Ende der 30er Jahre seinen »Durchbruch« hatte. Zwischen klischeehaft-einsinnigen Entwicklungsvorstellungen und gleichgültigem »Allerweltspluralismus« soll die S.228 Ausstellung wie zwischen »Skylla und Charybdis« hindurch. Bilder werden da auf Zeitbezug befragt, sind jedoch nach dem Maßstab ihrer »unverbrauchten Gegenwärtigkeit« ausgewählt worden.
Und diese Qualität bewährt sich in Köln überzeugend. Die »Westkunst«-Macher haben nicht etwa ein ausgeklügeltes Konzept krampfhaft mit Bildbelegen illustriert, sondern sie haben mit Spürsinn und Verhandlungsgeschick Werke ausgeliehen, die zum größten Teil triumphal für sich selber sprechen. Aber nicht Einzelstücke sind aufgereiht, sondern Bildgruppen zusammengefaßt: Picasso unter deutscher Besatzung, Beckmann in Amsterdam, Schwitters in England.
Natürlich, überall war solches Niveau nicht einzuhalten. Mancher Betrachter mag den Schritt beschleunigen, sobald er zu den grellen Bildern kommt, mit denen Rene Magritte zeitweilig aus der Welt seiner paradoxen Bilderrätsel ausbrach. Und die Knie können einem schon weich werden, wenn man auf die nippeshaften Skulpturenmodelle zugeht, die zum Londoner Wettbewerb für ein »Denkmal des unbekannten politischen Gefangenen« (1953) eingereicht worden sind.
Ausnahmsweise belegt hier gerade Mittelmäßiges eine Hauptthese der Schau: Die zwangsweise politisierte Moderne blieb auch nach dem Krieg politisch und kam zu öffentlicher Geltung. Hitler, für den schon 1939 die Kunst unwiderruflich aufgehört hatte, nur das »Gesprächsthema schwindsüchtiger Ästheten zu sein«, behielt recht, wenn auch anders als gedacht. Noch Joseph Beuys, für den die Gesellschaft eine Plastik ist, tut dem Führerwort Genüge.
Durch alle Brüche der letzten Kunst-Jahrzehnte sehen die »Westkunst«-Macher den Künstler stets in der Rolle des betroffenen, betroffen reagierenden und so gewürdigten Zeitgenossen; die »Phase der Unschuld und des Experiments«, die Zeit der klassischen Moderne, sei nicht zurückzuholen. Dazu werden Gemälde, auch Plastiken und wenige Raum-Inszenierungen absichtlich ohne gängige Stil-Etiketten wie »Pop«, »Minimal« oder »Arte Povera« gezeigt.
Doch so ausführlich Glozers Katalogtext für die Zeit um 1939 auf Einzelkünstler und -kunstwerke eingeht, bei Annäherung an die Gegenwart wird er immer karger und verliert sich zwischen Dokumentarzitaten. Bald nach 1968 ist ohnehin, mit Schau und Beschreibung, Schluß.
Denn die historisch konzipierte Übersicht nimmt ihre »Chance zur Besinnung« (Glozer) aus einer »Verunsicherung« der jüngsten Szene. »Ob wir wollen oder nicht«, sieht »Westkunst«-Organisator Koenig sich und Kollegen »auch im konservativen Trend«. Die Ausstellung schlägt, so gesehen, den Bogen von einer »Sauregurkenzeit« (Koenig) zur andern.
Trotzdem bleibt in den Kölner Rheinhallen jedenfalls ein Türchen zum »Heute« hin offen. So nämlich heißt ein Ausstellungsannex (mit separatem Katalog), in dem sich unvermittelt 37 junge Künstler präsentieren. Ursprünglich war dieses Spektrum aufwendiger geplant gewesen, doch die ältere »Westkunst« schluckte den ganzen Etat -- stolze 3 Millionen Mark oder mehr ohne die 3,5 Millionen teure Ausstellungsarchitektur.
In dieser Not konnte die »Westkunst« für »Heute« nur bescheidene Zuschüsse abzweigen, weiteres geht zu Lasten der -- nach Koenigs Liste eingeladenen -- Künstler oder ihrer Händler. Kölner Galeristen machen überdies zum »Westkunst«-Eröffnungstermin reichlich aktuelles Kontrastprogramm in ihren Räumen.
Auch der Westdeutsche Rundfunk hat sich Mühe gegeben und neun Filme zur modernen Kunst produziert. Sie laufen sowohl in der Ausstellung als auch, vom 22. Juni an, in Dritten Fernsehprogrammen (West, Nord und Hessen). Zuletzt, am 23. August, kommt der Professor Bazon Brock und erklärt, daß die Avantgarde von der Tradition, nicht von »Gesellschaftszicken, Kritikerfürsten und Geldkotzern« getragen werde. »Der Glaubwürdigkeit wegen« verkleidet er sich dabei als Künstler Dubuffet und als Sammlerin Peggy Guggenheim.
S.225Bis 16. August. Katalog vom DuMont-Buchverlag; 524 Seiten; 32 (imBuchhandel 42) Mark.*