Barsche Geste - DER SPIEGEL
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AFFÄREN / KIELING Barsche Geste

• aus DER SPIEGEL 13/1968
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In westlichen Filmen gab er manchmal Typen mit kommunistischem Hautgout: Er war der Freudenhausherr der Polit-Absteige »Pension Clausewitz« und in Hitchcocks »Zerrissenem Vorhang« ein Mann vom DDR-Geheimdienst, der in einem Bratofen verheizt wird. Nun hat der Schauspieler Wolfgang Kieling, 44, die rote Maske mit Leben erfüllt.

Aus Protest gegen den »Verfall des westdeutschen Kulturbetriebs« und aus Protest gegen die Rassen- und Vietnam-Politik der USA fuhr Kieling letzte Woche in das »einzige deutschsprachige Land, von dem ich mit Gewißheit sagen kann, daß es an den Verbrechen der amerikanischen Politik keinen Anteil hat": Um 2.30 Uhr in der Nacht zum Montag wechselte der Schauspieler am Sektorengrenzpunkt »Checkpoint Charile« nach Ost-Berlin über. Vorläufiges Ziel: das Prominentenhotel »Johannishof« an der Friedrichstraße.

Der Grenzgänger führte in seinem Volkswagen seine siebenjährige Tochter Annette sowie Bücher und Schallplatten mit; seine dritte Ehefrau Johanna ("Sie billigt meinen Entschluß"), eine Tochter aus zweiter Ehe, ein Reihenhaus im West-Berliner Stadtteil Zehlendorf und eine ungewöhnliche Theater-, Film- und Fernsehkarriere ließ er zurück.

Der gebürtige Berliner -- als Knabe Filmkind von Lil Dagover und Kristina Söderbaum, 16jährig Regieassistent bei Veit Harlan -- hatte im Westen »alles erreicht, was man als Schauspieler erreichen kann« (Kieling):

* In »Der zerrissene Vorhang«. Redits: Hansjörg Felmy

Nach seiner Rückkehr aus sowjetischer Kriegsgefangenschaft (1950) spielte er an vielen deutschen Bühnen, später in Film und Fernsehen ("Das Haus in der Karpfengasse") meist prominente Bösewichter. Eine staatserhaltende Lichtspiel-Rolle, ein Hauptwachtmeister in »Polizeirevier Davidswache«, trug ihm dann 1965 einen Bundesfilmpreis ein. 1967 überreichte ihm Springers »Hör zu« die »Goldene Kamera«.

An Vollbeschäftigung und Auszeichnungen jedoch konnte »sich der sensible Schauspieler (Selbstcharakteristik: »Wahnsinnig verklemmt") in jüngster Zeit nicht mehr recht freuen. Seit er im Oktober 1967 von München nach West-Berlin umgezogen war, Springers Hauptstadt-Blätter las und wegen seines Bartes auf der Straße »Studentensau« gerufen wurde, erkannte er, »wie in dieser Stadt das Bewußtsein der Menschen manipuliert wird« (so Kieling jetzt). Konsequenz: Im Januar gab der Geschmähte seine »Hör zu«-Trophäe zurück.

Die barsche Geste verschärfte den Konflikt: Fortan fühlte sich Kieling von Kollegen gemieden, neue Fernseh-Angebote blieben aus. Solche »Kulturmanipulation« ekelte den Künstler ähnlich wie die US-Politik.

Um beider Machtanspruch zu entkommen, knüpfte Kieling seit Anfang Februar Kontakte in die DDR, wo er schon in den fünfziger Jahren für die staatliche Filmgesellschaft »Defa« gespielt hatte. Nun ebnete ihm Defa-Regisseur Konrad Wolf den Weg über die Grenze.

Vor dem Umzug übergab Kieling seinen Bundesfilmpreis« eine goldene Spirale, dem West-Berliner »Republikanischen Club« für eine Versteigerung zugunsten des Vietcong. Auch setzte er, angeleitet von »Konkret«-Kolumnistin Ulrike Marie Meinhof und »Club«-Mitglied Klaus Meschkat, eine Erklärung auf, in der er die US-Regierung als die »gefährlichste, kulturfeindlichste, menschenfeindlichste Macht der Gegenwart« bezeichnete. Die eigene Fahrt nach Osten motivierte der Schauspieler in verworrener Logik als Solidarität mit westdeutschen Vietnam-Demonstranten.

Der Schritt über die Sektorengrenze ("Bild wünscht Herrn Kieling gute Reise") war Kieling leichter gemacht worden als den meisten der jährlich rund 5000 Übersiedler von West nach Ost (gegenüber etwa 20 000 in umgekehrter Richtung, darunter 1203 Flüchtlinge im Jahr 1967). Denn dem prominentesten intellektuellen West-Ost-Wanderer seit dem Schriftsteller Peter Hacks, der 1955 in die DDR zog, hatten SED-Funktionäre im voraus das Privileg der Bewegungsfreiheit zugesichert -- er soll jederzeit in die Bundesrepublik fahren dürfen. Kieling: »Im Augenblick habe ich gar kein Verlangen danach.«

Auch für Arbeit war schon gesorgt. Gleich am Dienstag legte Kulturminister Klaus Gysi dem Schauspieler einen Vertrag vor, der ihm Beschäftigung beim Fernsehen, bei der Defa und im Theater verspricht.

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