Bart oder Brille - DER SPIEGEL
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FERNSEHEN Bart oder Brille

Verbissen und mit immer neuen Millionen-Angeboten kämpfen ARD/ZDF und der Privatsender RTL plus um die Übertragungsrechte für die Fußball-Bundesliga. *
• aus DER SPIEGEL 17/1988
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Falls die Revolution in Deutschland, lange Zeit für unmöglich gehalten, doch noch stattfindet, dann kann es am Samstag, dem 23. Juli 1988, passieren.

An diesem Tag werden um 18 Uhr über sechs Millionen Fernsehapparate eingeschaltet. Die Zuschauer werden das Erste Programm in der gewohnten Sicherheit wählen, daß Heribert Faßbender »Guten Abend allerseits« sagt und dann das Publikum zum Start in die neue Fußball-Bundesliga-Saison einlädt.

Doch wenn nicht noch ein kleines Wunder geschieht, wird Onkel Heribert mit dem eisgrauen Bart nicht da sein: Die Psyche der Nation wird in eine Erdspalte fallen. Denn die Bundesliga wird nicht mehr da sein, wo sie seit Jahren hingehört: Samstags, um sechs, im Ersten.

Statt dessen wird eine Stunde später, um 19 Uhr, auf dem privaten Fernsehkanal RTL plus ein etwas pummeliger,

fröhlich lächelnder Brillenträger namens Ulrich Potofski die lieben Zuschauer zu zwei Stunden Bundesliga-Fußball einladen. Vier Bundesligaspiele werden jeweils 25 Minuten lang, mehr als die ARD jemals durfte, jene auserwählten Zuschauer erreichen, die entweder verkabelt sind oder das Glück haben, die Privatstation über ihre Hausantenne empfangen zu können.

Mit dem fast perfekten Wechsel würde das Privatfernsehen, das bislang vergeblich Anschluß an die Zuschauerzahlen von ARD und ZDF suchte, den großen Coup landen. Nach der »Schwarzwaldklinik« und dem »Traumschiff« gibt es fast nichts, was die Deutschen so gern auf dem Bildschirm haben wie Fußball.

Folgerichtig setzte RTL plus, im Kampf um die Sehbeteiligung noch hinter dem Privatkonkurrenten Sat 1, alles daran, die Fußballrechte zu kaufen. Der weltgrößte Medienkonzern Bertelsmann, dem RTL plus zu einem Drittel gehört, bemühte all seine Finanzkraft. Die Bertelsmann-Beteiligung Ufa Film und Fernseh GmbH bot für die Erlaubnis, drei Jahre lang die Bundesligaspiele übertragen zu dürfen, 135 Millionen Mark - plus Mehrwertsteuer.

ARD und ZDF, die dem Gestrampel der Privaten nach Sportübertragungen lange Zeit geradezu gelangweilt zugesehen hatten, rafften sich vorletzte Woche zunächst zu 70,5 Millionen Mark auf, inklusive Mehrwertsteuer. Jetzt bot die Ufa den Fußballvereinen einen beträchtlich attraktiveren Dreisprung: im ersten Jahr 40, dann 45, dann 50 Millionen Mark; dazu eine Option für 50 Millionen für ein viertes Jahr.

Vergangenen Donnerstag schien Fritz Klein, der Sport-Koordinator der ARD, den Ernst der Lage immer noch nicht recht begriffen zu haben: Bräsig-pikiert lobte er im hauseigenen Kanal ein weiteres Mal die eigene Offerte, die »den Herren von den Bundesliga-Vereinen nicht hoch genug« sei.

Etwas weniger schlichte Gemüter in der ARD reagierten schließlich, wenn auch spät. Der »Sportschau«-Chef Heribert Faßbender erfand den Vorschlag, das »Ganze auf das nächste Jahr zu verschieben«. Faßbenders Hintergedanke: Im nächsten Jahr werden mehr Bundesbürger verkabelt sein und damit die Privatsender sehen können; die dann entspannteren Kommerzstationen wären weniger dringend auf höhere Zuschauerquoten angewiesen und würden weniger Geld für den Fußball bieten.

Doch an der Vertagung haben vor allem die umworbenen Fußballvereine kein Interesse. Fix hatten die Schatzmeister ausgerechnet, daß der Ufa-Deal für jeden Erstliga-Verein 1,2 Millionen Mark mehr im Jahr bedeuten würde.

Selbst wenn Firmen, die bislang für Werbung auf den Spielerhemden oder an Stadionbanden bezahlen, etwas Geld abziehen, weil RTL plus weniger Zuschauer als die ARD hat, lohnt sich der Part immer noch. Den Zweitliga-Vereinen, von denen viele am Rande der Existenz krebsen, gefiel das Geschäft erst recht. 300 000 Mark, das ergab die rasche Kalkulation, wären pro Verein zusätzlich drin. Zum Vergleich: Aus der Trikotwerbung bezieht eine Zweitliga-Mannschaft im Schnitt etwa 80 000 Mark pro Jahr.

Die Ufa tat alles, um die Begeisterung zu schüren. Für die Rechte an den Rundfunkübertragungen bot sie noch einmal, gewissermaßen als Trinkgeld, 1,5 Millionen Mark. Im Vertrag mit ARD und ZDF werden die Radio-Rechte nicht extra honoriert.

Besonders gefiel den Fußball-Funktionären überdies, daß RTL plus auch ideologischen Nutzen verspricht. Zu oft hatten sich die Hirten der Elf-Freundemüßt-ihr-sein-Gemeinschaft über die Miesmacher von den großen Anstalten geärgert. Wenn »der ZDF-Reporter Ploog sagt, das Spiel ist Käse«, so ein Präsident, »schimpft Lieschen Müller mit«.

Der RTL-plus-Sportchef Potofski hingegen will »mit positivem Trend rangehen«. Und er will vor allem Fußball satt sehen.

Die Planung sieht vor, jeden Donnerstag und Freitag ab 22 Uhr Vorberichte, Interviews und Spiele bei RTL auf den Bildschirm zu bringen. Nach den zwei Stunden am Samstag soll dann am Sonntag um 17.45 Uhr das Zweitliga-Gekicke ausgestrahlt werden.

Verblüfft erfuhren die ARD-Oberen in der vergangenen Woche, wie die Ufa ihre enorme Investition wieder hereinholen will. Für die Erstverwertung zahlt RTL plus, gewissermaßen hausintern, in den nächsten drei Jahren erst 25, dann 30 und schließlich 35 Millionen Mark. Übrig bleiben jährlich 15 Millionen Mark, die von ARD, ZDF, Sat 1 oder von ausländischen Gesellschaften ausgeglichen werden sollen.

Der Plan liegt schon bereit. Jede Woche soll ein Bundesligaspiel, möglichst am Freitag, in voller Länge verkauft werden. 90 Minuten Fußball kosten derzeit rund 300 000 Mark; bald schon, da sind Experten sicher, werden 500 000 Mark drin sein. Bei 30 Spielen im Jahr wären exakt die fehlenden 15 Millionen Mark wieder da.

Staunend vollzogen die öffentlichrechtlichen Rechenschieber die Kalkulation nach. Heraus kam ein neues Angebot: Einen Tag, nachdem Fritz Klein ("Da können wir nicht mehr mithalten") gesprochen hatte, war alles wieder ganz anders. 110 statt 70 Millionen Mark signalisierte die ARD. Die Bedingung: Man wolle, möglichst montags, ein Spiel der Woche haben, das sich verkaufen ließe.

Das Rennen schien wieder offen. Die Freunde von ARD/ZDF unter den Fußballfunktionären, allen voran DFB-Präsident Hermann Neuberger, konnten wieder hoffen. Die Befürworter des Privatkanals um den Stuttgarter Vereinspräsidenten Gerhard Mayer-Vorfelder, der gern Neuberger-Nachfolger wäre, waren in ihrer Begeisterung gebremst.

Erst am Freitag dieser Woche, bei einem letzten Gespräch zwischen ARD/ ZDF und den Fußballvereinen, wird sich klären, ob am 23. Juli das Unaussprechliche passiert.

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