THEATER Bastards Heimkehr
Professor Dr. jur. Christoph Nix, 44, designierter Intendant am Staatstheater Kassel, geht einen schweren Gang. Das Drei-Sparten-Haus, das er im August 1999 übernehmen wird, ist in Geldnot wie die Stadt. Am Theater muß um jeden Arbeitsplatz gekämpft werden. Was tut da jetzt ein Mann, der gern erzählt, er habe seine »linken Utopien unbeschadet über die Wende gerettet«? Er gibt Erklärungen ab: »Die Schließung einer Sparte ist mit mir nicht zu machen«, ließ Nix Mitte Februar dieses Jahres verlauten, im März wurde er nochmals deutlich: »Einsparungen in Millionenhöhe sind mit mir nicht zu machen.«
Damals beschwichtigte er die um ihre Arbeit fürchtenden Schauspieler. Nach seinen Plänen für das Kasseler Haus gefragt, verkündete Nix, er wolle sich »erst einmal in der Tugend des Zuhörens und Beobachtens üben«, dem Ensemble versprach er »Sorgfalt, bei allen Entscheidungen, ebenso Achtsamkeit«. Daran sei er zu messen.
Von Nordhausen, dessen Theater er seit vier Jahren leitet, faxte er Mitarbeiterrundbriefe nach Kassel: »Im Schatten jeder Veränderung entwickelt sich hartnäckig ,Fama'', das Gerücht. Manche handeln mit ,Insiderwissen'', als seien sie die Eigentümer der Wahrheit. So entsteht Politik ... In Zeiten der Unachtsamkeit hat bürgerlicher
* Mit Martin Baum und Carlo Ghiradelli.
Anstand bereits Niveau«. Die Mitglieder des Ensembles waren beeindruckt.
Bis zum 5. Oktober. An diesem Tag - kurz vor einer Premiere - erhielten sämtliche im Haus engagierten Tänzer einen Brief mit dem Termin der Nichtverlängerungsanhörung. Ein paar Tage später, wieder kurz vor einer Premiere, fanden 26 von 27 kündbaren Schauspielern, Dramaturgen und Vorständen ihren Namen auf einer Liste beim Pförtner, zugleich mit der Aufforderung, sich bei der Sekretärin des Verwaltungsdirektors ihre Briefe abzuholen. 57 Mitgliedern des Hauses wurden Nichtverlängerungsmitteilungen geschickt.
Ein juristisch abgesicherter Coup. Nur paßt weder die Sache noch ihr Stil zu den sensiblen Worten, mit denen Nix sich in Kassel präsentiert hatte. Von einer Tugend des Zuhörens und Beobachtens offenbar ganz zu schweigen. So erzählt das Ensemble, Nix habe, als eine Schauspielerin bei der Anhörung von ihm wissen wollte, in welcher Rolle er sie gesehen habe, eine Produktion genannt, in der sie gar nicht besetzt war. Einer nichtverlängerten Dramaturgin habe er lapidar erklärt: »Ich kenne Sie gar nicht.« Zwei in Kassel engagierten Opernsängerinnen soll er die Weiterbeschäftigung bei reduzierter Gage angeboten haben. Dem derzeitigen Hausherrn Michael Leinert, 56, wurde es schließlich zuviel. In einem offenen Brief an Nix kritisierte er dessen Übernahmestil. Ein Gesprächsangebot für den 26. Oktober hatte Nix schon vorher abgelehnt, er habe »an diesem Tag Geburtstag und wolle sich nur Schönes antun«.
Leinert war verblüfft. Solche Töne passen nicht ins Bild, das der engagierte Theatermann Nix in der Öffentlichkeit von sich malen läßt. Er sei ein Idealist, betonte der Quereinsteiger bei vielen Gelegenheiten, wolle zu Felde ziehen »gegen die Trägheiten von Kopf und Herz, gegen die um sich greifende Öde, die wir so leicht mit Action verwechseln und die uns innerlich immer leerer werden läßt«.
Auf daß die Köpfe seiner Mitarbeiter nicht träge würden, eröffnete er in Nordhausen Betriebsversammlungen mit gelehrten Vorträgen, etwa über Wolfgang Hildesheimers Mozart-Buch. Da mußte man durch. Spätestens seit Nordhausen macht dem Hessen Nix der Zustand der Welt Sorgen, die er im Verlautbarungsstil verkündet. Er sieht sich als einen, »der am Grundkonflikt arbeitet, wo diese Welt so hintreibt«. Lösungen hat er immer parat: »Wo die Nöte größer werden, Arm und Reich sich neu zu verteilen scheinen, könnten Sozial- und Kulturpolitik stärkere Gemeinsamkeiten entwickeln, auf der Suche nach dem Sinn eines zunehmend entleerten Lebens.« Dem ist schwer zu widersprechen, wie allen Nixschen Weisheiten. Am Kahlschlag in Kassel hinderte die Überzeugung ihn nicht. »Erwachsen werden heißt auf schmerzliche Weise die Dinge ... zu trennen, die wir als Kinder noch in ihrer Gesamtheit sehen«, schrieb er einmal in einem seiner Leserbriefe.
Eines kann man dem Multitalent nicht absprechen. Nix beherrscht mehrere Sprachen perfekt: Als ausgebildeter Strafrechtler eine juristische, als Anwalt eine rhetorische, als »linksphilosophischer Künstler« (er über sich) eine intellektualistische, als »rigoroser Moralist« ("Die Welt") eine salbadernde, als Clown - auch diesen Beruf hat er ausgeübt - eine ironisch untertänige, die Politiker gut aushalten.
Vor allem aber beherrscht er als flotter Manager das Neusprech. Nix hat, um die Kosten zu senken, was ganz Neues im Auge: »Controlling«. Öde dagegen klingt die deutsche Entsprechung »Kontrolle des Haushalts«. Auch »Transparenz« befürwortet er und plant »Theater im urbanen Raum«, das hat es zwar in Kassel schon gegeben, es hieß aber »Theater-Odyssee«.
Am Talent der Selbst-Vermarktung mangelt es ihm nicht. Meist unterfüttert Nix Gesagtes mit Veröffentlichtem, zieht wie zufällig seine Broschüre »Das Theater & das Geld« aus der Tasche, zitiert aus einem dort nachgedruckten Artikel der »Süddeutschen Zeitung«, die ihn als »rührigen wie intelligenten Intendanten« des Theaters Nordhausen lobt, »eine Formulierung, die mir übrigens sehr gefällt«.
Gern plaudert er aus seiner Biographie. Die Clownsschule habe er besucht, als ihm die Atmosphäre im Gerichtssaal aufs Gemüt zu schlagen begann. Der russische Clown Popow, sein Idol, habe ihn bei einem persönlichen Treffen in dieser Ambition bestärkt, er habe »so was in den Augen«.
Hat er. Der 1990 von der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers zum Professor für öffentliches Recht und Strafvollzugsrecht ernannte Nix pflegt kindliches Staunen im Blick, als überrasche ihn überhaupt alles auf dieser Welt. »Vom Herzen her überrascht« ist eine seiner am liebsten gebrauchten Formulierungen. »Meine Columbo-Taktik« nennt er diese ewige Verblüfftheit, nach dem berühmten Fernseh-Detektiv, der sich immer erst einmal so gibt, als käme er aus dem Staunen nicht mehr heraus.
»Eher Typus sentimentaler Herrscher«, beschreibt der durch seinen Rausschmiß vom Herzen her überraschte Schauspieler Felix Römer das Nixsche Auftreten. Nix beginne Gespräche etwa so: Würde es Sie verletzen, wenn ich Sie jetzt fragte, ob Sie auch als Souffleur zu arbeiten bereit sind?
In der Kasseler Kantine kursiert derweil eine Anekdote: Römer spielte Nix an die Wand. Bei seiner Anhörung zog der Österreicher mit tränenerstickter Stimme kurz vorher gestrichelte Zeichnungen von einer Urne mit seinem Vater drin, der kranken Mutter, zwei kleinen Kindern aus der Tasche, verteilte Schnupftücher, verließ den Raum mit dem Ausruf: »Herr Nix, dies ist einer der widerlichsten Tage meines Lebens!« Der Theatermann durchschaute die sarkastische Schmierenkomödie nicht, war vielmehr empört, als er kurze Zeit später Römer bei unbeschwerten Besorgungen im Kasseler Kaufhof traf. Der habe ihn reingelegt, klagt er, aber schon fällt ihm was auf: »Vielleicht wollte der mir ja zeigen, was für ein guter Schauspieler er ist.«
Bei einer Podiumsdiskussion machten vergangene Woche die Schauspieler ihrem Ärger noch auf andere Weise Luft. Der designierte Intendant solle endlich mit seinem Spielplan-Konzept herausrücken, forderten sie heftig, aber Nix schwieg, das werde er im Dezember tun. Warum erst dann? Weil er sich momentan »nicht in einem herrschaftsfreien Diskurs« befinde, erklärt der juristisch Versierte. Recht hat er: Wenn er die Nichtverlängerungen, die formal mit dem Intendantenwechsel legitimiert sind, mit den Leistungen der Schauspieler begründete, könnten die mit Hilfe qualifizierter Gutachten leichter klagen.
Die Eskalation des Konflikts stimmt Nix menschlich traurig. Er habe doch nie jemandem Hoffnungen gemacht. Und übrigens seien solche Entlassungen ganz normal, darauf müsse man auch als Betroffener »professionell reagieren«. Die »Beleidigten« verhielten sich »kindisch und unwürdig«. »Auch Alkohol«, seufzt er, »war da im Spiel.« Er ist enttäuscht.
Das Haus, an dem er arbeiten wird, kommt bei ihm schlecht weg, »total heruntergekommen« sei es, ein »festgefahrener Tanker«, den er jetzt mit »Freibeuterkultur« wieder lösen werde: provokant und frech. Etwa mit einer Spielzeit unter dem Motto »Die Russen kommen«. Und mit dem Slogan »Entgegen der Macht die Subversion«. Den Mann, der ihn zu diesen kühnen Hoffnungen berechtigt, bringt er aus Nordhausen mit, er war dort sein einziger Trumpf: Leiter des Schauspiels am Staatstheater wird Armin Petras, Dekonstruktivist am Regiepult. Will heißen, einer, der in seinen Inszenierungen weder in Text noch Szenenfolge die Autorität des Autors anerkennt. Und weil Nix gern auch da Feinde erspäht, wo keine sind, fühlt sich der gebürtige Hesse jetzt in Kassel als Ostler geschmäht. Nun werde hier der Einzug der Ossis stattfinden, hätten die Schauspieler prophezeit, weil er fünf Leute aus Nordhausen, einen vom Berliner Ensemble mitbringe. Als »Bastard« komme er in seine Heimat zurück. Seine Antwort: Brecht, jetzt erst recht.
Auch sonst Neues im Westen: Der zukünftige Intendant Nix plant, das Rhein-Main-Gebiet ästhetisch anzugreifen. Aus dem »verstaubten Ballett« will er eine Tanz-Compagnie machen. Den etwa 130 000 Mark, die er noch einsparen muß, hat er zur Freude des Kasseler Kulturdezernenten zugestimmt. Mit zusammengebissenen Zähnen sicherlich, denn die Abfindungen, die er den entlassenen Ensemble-Mitgliedern wird zahlen müssen, könnten sich leicht auf eine halbe Million belaufen, die muß er von seinem schmalen Etat noch abknapsen. Viel-
* In dem Brecht-Stück »Im Dickicht der Städte«.
leicht ist dieser selbstgeschaffene Sparzwang der Grund, daß er jetzt schon seinem Vorgänger Leinert, mit dem er sich den Etat des Haushaltsjahrs 1999 zu teilen hat, auf die Finger schaut und gern herumerzählt, der zahle zu hohe Gagen. Leinert hat sich die Schnüffeleien seines Nachfolgers inzwischen verbeten.
Wie bei solchen Kürzungen, Entlassungen und Abfindungen überhaupt noch Aufführungen zustande kommen sollen, fragt sich auch Ingo Harms von der Bühnengenossenschaft in Hamburg. Nichtverlängerungen von Verträgen seien beim Intendantenwechsel selbstverständlich üblich, in diesem Ausmaß aber total unwirtschaftlich. Und auch künstlerisch undurchschaubar: »Andere Intendanten gehen an ein Haus, weil ihnen das Ensemble gefällt.« Nicht so Nix. Die Schauspieler in Kassel »sind an sich selbst müde geworden«, klagt er nicht ohne Mitgefühl. Sie auszutauschen sei ein »völlig normaler Vorgang«.
Das sehen manche anders: Neben den Schauspielern protestiert inzwischen auch das Kasseler Publikum. Die Unterschriftensammlung für das angestammte Ensemble unter der Schauspieldirektorin Adelheid Müther, die kürzlich die deutsche Erstaufführung von Tom Stoppards »Die Erfindung der Liebe« inszenierte, zählt mittlerweile über 300 Namen.
Volker Schäfer, Kulturdezernent der Stadt, der für Nix votiert und ihn mit durchgesetzt hat, schwört auf dessen Fähigkeiten, »den Kulturdialog stärker in Richtung Stadt zu öffnen«. Über die Qualität des Nixschen Theaters möchte er sich nicht auslassen. Eine Produktion, die ihn beeindruckt hat, fällt ihm nicht ein. Er habe von Nordhausen »nur den Spielplan gesehen« und wisse das Meiste aus zweiter Hand. »Ein fähiger Mann«. So nennt ihn Nix.
DOJA HACKER
* Mit Martin Baum und Carlo Ghiradelli.* In dem Brecht-Stück »Im Dickicht der Städte«.