HUMOR Bayerische Sprachkunst
Was für eine Überraschung: Es gibt ihn noch, den wilden Dichter. 67 Jahre alt ist Horst Tomayer inzwischen; als Satire-Chaot der deutschen Linken war er so etwas wie der Stefan Raab der siebziger Jahre. Nun versammelt eine Live-CD die Höhepunkte seiner Gebrauchslyrik, etwa das »35-Stunden-sind-genug-Lied der deutschen Rüstungsarbeiter«, Tomayers Kommentar zum Arbeitskampf der Gewerkschaften. Der Titel der CD »Interessieren Sie sich für Sexualität?« klingt nach wohlfeilem Kaffeekränzchen-Humor. Doch Tomayer spielt in einer ganz anderen Liga: Seine Gedichte sind so derb-anarchisch wie beim jungen Brecht, seine Liveauftritte so wortgewaltig-empört wie bei Karl Kraus. Warum nur hat der Kulturbetrieb diesen bayerischen Sprachvirtuosen so sehr links liegen gelassen?