Bebende Nüstern - DER SPIEGEL
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Kunst Bebende Nüstern

Lovis Corinth, das malende Kraftgenie zwischen Tradition und Moderne, wird durch eine Münchner Ausstellung neu aufgewertet.
• aus DER SPIEGEL 18/1996
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Ein Urviech im Salon. »Es gehörte zu den Freuden des Berliner Winters, ihn tanzen zu sehen«, so kommentierte der Essayist Julius Meier-Graefe den Auftritt des Malers, der da, Anfang des Jahrhunderts, mit dem »Rhythmus eines Eisbären« übers Parkett schwebte und, wie die Figuren seiner Bilder, viele Berserkerrollen zu verkörpern schien: Für Meier-Graefe war er »Simson, Armin der Befreier, gezähmter Hunne. Wenn man die Augen halb schloß, regten sich nackte Glieder unter dem zotteligen Fell. Ein Fräulein geriet in Ohnmacht«.

Lovis Corinth (1858 bis 1925) war in seinem Element. Der ostpreußische Hüne hatte in Berlin mit einem routiniert gemalten Skandalbild von sich reden gemacht, das die prüden Münchner nicht ausstellen wollten: Seine »Salome« öffnet dem abgeschlagenen Kopf des Täufers Johannes spitzfingrig die Augen, als ob sie noch den Blick des Toten auf ihre nackten Brüste lenken wollte. Nun sah Corinth sich als »Kapazität« anerkannt - Porträtkunden strömten in sein Atelier, junge Damen in die von ihm eröffnete Malschule.

Das Glück war nur von kurzer Dauer: Ende 1911 erlitt Corinth einen schweren Schlaganfall. Von da an war seine linke Hand gelähmt, und die rechte zitterte. Die Krankheit verstärkte seine ohnehin ausgeprägte Neigung zu Depressionen und zwang ihn, wie er selbst formulierte, »einen anderen Menschen anzuziehen«. Zum Beispiel weniger zu trinken.

Der andere Mensch malte auch andere Bilder. Die alte Mischung aus »Pariser Virtuosentum, Münchner Fasching, sauciger Historienmalerei, wildem Genre«, in der Meier-Graefe dennoch immer wieder »Griffe von erstaunlicher Kraft« entdeckt hatte, wich einem Stil nervös-expressiver Formauflösung. Nach vielen zunehmend flockigen Porträts, Mythenszenen, Blumenstilleben und Landschaften erkannte Corinth: »Die wahre Kunst ist Unwirklichkeit üben.«

Dieses zwiespältige Werk wird jetzt neu gesichtet. Mit annähernd 150 Gemälden, dazu Zeichnungen, Aquarellen und Druckgrafiken, demonstriert eine Ausstellung im Münchner Haus der Kunst von Samstag an Fülle und Widerspruch der Corinthschen Bilderproduktion*.

Auf keinerlei Gruppen-Credo festgelegt, suchte sich der Künstler seinen eigenen, windungsreichen Weg zwischen Tradition und Moderne. Entgegen einem gängigen Schlagwort war er keineswegs ein deutscher Impressionist, noch weniger als der elf Jahre ältere Max Liebermann, den er in der Leitung der Berliner Secession ablöste. Aber auch zum Expressionismus unterhielt Corinth allenfalls eine lockere Beziehung. Eher berief er sich auf Altmeister wie Rembrandt und Frans Hals.

Der junge Mann aus der Provinz, Sohn eines Gerbers, hatte seine Studien überwiegend in München und in Paris betrieben und dabei von so unterschiedlichen Autoritäten wie dem Bauernmaler Franz von Defregger und dem Salon-Star Adolphe William Bougnereau gelernt. Aber oft ging er akademische Themen mit geradezu barbarischem Mal-Temperament an - und mit ausgeprägter Neigung zur Parodie. Er malte ein »Selbstporträt als grölender Bacchant«, und nicht nur seiner »Salome«, nein, selbst der »Pieta« und der »Kreuzabnahme« verlieh er eine Aura nekrophiler Erotik. _(* Bis 21. Juli; später in Berlin, Saint ) _(Louis (USA) und London. Katalog im ) _(Prestel-Verlag; 392 Seiten; 49 ) _((Buchhandelsausgabe 98) Mark. )

Ähnlich frei, nur eben jetzt in düsterem Ernst, verfuhr der spätere Corinth mit biblischen und mythischen Themen. Wie Furien umflattern schwarze Vögel den Brudermörder »Kain« (1917), in fahlem Licht droht das »Trojanische Pferd« (1924) Verrat und Unheil.

Der Wandel ist nicht durch Corinths Krankheit allein motiviert. Schwer traf den Künstler auch das Erlebnis von militärischer Niederlage und Revolution. Politische und ästhetische Gesichtspunkte gerieten ihm durcheinander. Er war ja eigentlich »ein großer Bewunderer französischer Kunst« und entschieden gegen die Tendenz, den »Nationalcharakter« über alles zu stellen. Aber mit vaterländischer Kriegsbegeisterung wollte er dann trotzdem auch in dieser Sparte »auf unsere Vormachtstellung pochen«.

Schließlich war und blieb er preußischer Monarchist: Noch ein später autobiographischer Text beklagt das »Unglück, daß aus dem heiligen Kaiserreich eine Republik wurde«.

Trotzdem avancierte Corinth zum führenden Gesellschaftsporträtisten in der Hauptstadt dieser Republik: Mit psychologischem Scharfblick malte er Kaufleute, Intellektuelle, Ärzte und auch Politiker.

Den Reichspräsidenten Friedrich Ebert stellte er 1924, des hohen Amtes wegen, sogar »mit derselben Pietät« dar »wie vorher die Regenten«.

Bei Sammlern und Museen besonders begehrt waren indessen sommerliche Naturbilder, die sich der Melancholiker auf einem 1919 erworbenen Grundstück am bayerischen Walchensee abrang. Seine 22 Jahre jüngere Frau Charlotte, die er einst von der eigenen Malschule weggeheiratet hatte, mußte ihn ständig zur heilsamen Arbeit drängen. Sie saß ihm auch Modell und erlebte ihn dabei wie erotisch verzückt: »In äußerster Erregung bebten seine Nasenflügel.«

»Das dicke Ende kommt noch nach«, fürchtete Corinth, wenn er an die Zukunft seines Metiers dachte. »Die Kunst, welche mir eine große nationale Sache war, wird international.« Es kam viel schlimmer: Die Nazis sahen in den Werken dieses Malers nur »kranke obskure Schmierereien« und warfen 295 davon als »entartet« aus den Museen. Y

* Bis 21. Juli; später in Berlin, Saint Louis (USA) und London.Katalog im Prestel-Verlag; 392 Seiten; 49 (Buchhandelsausgabe 98)Mark.

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