Beethoven oder Wodka - DER SPIEGEL
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FILM Beethoven oder Wodka

Mit der Sozial-Ballade »My Name Is Joe« glückte dem englischen Regisseur Ken Loach ein sensibles Kino-Stück voller Humor.
Von Joachim Kronsbein
• aus DER SPIEGEL 1/1999
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Trister kann das Dasein in der Industriegesellschaft kaum noch werden. Die Autos sehen aus, als kämen sie direkt vom Schrottplatz, in den feuchten Wohnungen hängen die Tapeten als Fetzen von den Wänden, und das Leben kreist um Drogen, Gewalt und den nächsten Scheck von der Sozialbehörde. Glasgows Ausgestoßene leben in dieser aufgegebenen Gegend, die postalisch ganz harmlos G15 heißt.

Hier haust auch Joe Kavanagh. Der Ex-Alkoholiker, ein rauher und aufrechter Bursche, trainiert einen Fußballclub, dessen jugendliche Mitglieder jede Menge aktenkundige Vergangenheit und nur eine minimale Zukunft haben.

Sie nennen sich nach ihren Kicker-Idolen Müller, Beckenbauer oder Sepp Maier. Eine Mannschaft geborener Verlierer. Am schlimmsten von ihnen hat es Liam (David McKay) erwischt. Er hat mit Sabine (Annemarie Kennedy) einen kleinen, aufgeweckten Sohn, aber keine Arbeit und jede Menge Ärger.

Um Sabines Sucht zu bezahlen, haben sich die beiden als Dealer für McGowan, den Drogenboß von Glasgow, verdingt. Leider hat Sabine sich den teuren Stoff in die eigenen Venen gespritzt. McGowan will Geld sehen: 2000 Pfund.

Joe, der Fußballtrainer, fühlt sich für die kleine, kaputte Familie verantwortlich. Er läßt sich auf einen gefährlichen Deal mit dem brutalen Gläubiger ein und übernimmt einen Job als Drogenkurier. Als Gegenleistung sollen Liam die Schulden erlassen werden.

Vielleicht hätte das gutgemeinte Geschäft sogar funktioniert, wäre nicht die Liebe in Joes Leben getreten. Er, der Alk und Parade-Macho, schwärmt herzinniglich für Sarah (Louise Goodall), eine leicht verhuschte Sozialarbeiterin. Zart und zögernd haben die beiden nicht mehr knackjungen Leute einander gefunden und tasten sich nun vorsichtig voran. Jeder zu schnelle Schritt von Joe läßt Sarah verschreckt zurückzucken.

Ganz behutsam und auf eine wundersam unsentimentale, dennoch poetische Weise erzählt Ken Loach in seinem Film »My Name Is Joe« von dieser schüchternen Liebe. Der erste Kuß - nachts in Joes halbdunkler, armseliger Wohnung - kommt ohne Geigenschmus und Nahaufnahme aus. Diese entscheidende Intimität, den Wendepunkt der Beziehung, zeigt Loach, 62, distanziert und fast kühl. So wie er auch scheinbar gelassen und ohne Zeigestock die Elenden aus G15 beschreibt.

Sein bewegender, nahezu heiterer Film bekam beim Festival von Locarno den Publikumspreis, und Peter Mullan, Darsteller des Joe, wurde im letzten Frühjahr in Cannes mit dem Darstellerpreis geehrt - zu Recht.

Loach, der sich schon in den sechziger und siebziger Jahren mit ambitionierten Dokudramen einen Ruf als Chronist sozialer Verwerfungen gemacht hat, erreicht in diesem Spielfilm mehr als bloße Anklage. Er erzählt eine packende Geschichte von Menschen, die in all ihrer Not um das kämpfen, was ihnen noch als letztes geblieben bist: ein Fitzelchen Menschenwürde. Sabine macht auf dem Sozialamt keifend eine Szene, weil sie gebeten wird, ihre Zigarette auszudrücken. Und Joe versucht, seiner Sarah gegenüber ehrlich zu sein - bis zur Selbsterniedrigung.

Das Thema des Films ist denn auch das unerbittliche Wechselspiel von Wahrheit und Lüge, von Ehre und Verrat. Loach beschreibt die Verklammerung lebensbestimmender Mächte - Schuld und Schicksal. Aber düster ist die Ballade über die armseligen Helden von G15 dennoch nicht.

Wohldosiert würzt Loach seine Parabel mit trockenem Humor, so daß Kitsch oder Kunstgewerbe gar nicht erst gedeihen können. Als Sarah in Joes Behausung einen Ghettoblaster entdeckt und eine Kassette laufen läßt, erhebt sich tröstlich und stolz, wie aus einer Welt voller Frieden und Harmonie, das Larghetto aus Beethovens Violinkonzert. Das sei die Musik gewesen, die ihn letztlich von der Schnapsflasche zu den Anonymen Alkoholikern getrieben hätte, bekennt Joe lakonisch.

Auf die Zauberklänge sei er allerdings eher unfreiwillig gestoßen, als er mal wieder Musikkassetten geklaut habe. Natürlich nur gut Verkäufliches wie Rock und Rap und Country. Leider sei diese Aufnahme bei einem Raubzug dazwischengerutscht. Ein Fehlgriff eben. Keiner seiner Abnehmer habe das klassische Zeug haben wollen, nicht einmal für 25 Penny. So habe er sich das Band notgedrungen selber eingelegt.

Aber irgendwann ist auch in G15 Schluß mit lustig und Violin-Romanze. Dann werden auch hier die Lügen abgerechnet und die Schulden beglichen - auch die des Herzens. Es wird todernst. Der Drogenboß jagt Liam und Sabine, und Sarah verzeiht ihrem tapsigen Joe nicht, daß er sie - um ihrer Liebe willen - doch belogen hat. Sie schickt ihn zum Teufel, und er kauft sich nach fast einem Jahr Trockenheit eine Flasche Wodka.

Happy-End? Nicht in G15. Oder vielleicht doch. Am Ende, auf einem trostlosen Friedhof, gehen sich die beiden - gealterte, tragische Wiedergänger von Romeo und Julia - zumindest nicht mehr aus dem Wege. JOACHIM KRONSBEIN

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