Befleckte Rosa - DER SPIEGEL
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Befleckte Rosa

• aus DER SPIEGEL 10/1996
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Annelies Laschitza »Im Lebensrausch, trotz alledem. Rosa Luxemburg. Eine Biografie« Aufbau-Verlag, Berlin; 688 Seiten; 68 Mark.

Zu Kaisers Zeiten wurde sie als Staatsfeindin Nr. 1 verfolgt und ins Gefängnis gesteckt, in der von den Sozialdemokraten ausgerufenen Republik von der Regierungssoldateska ermordet und in den Landwehrkanal geworfen. Ihr Märtyrertod machte Rosa Luxemburg (1871 bis 1919) zur Legende.

Die westdeutschen Linken der Studentenbewegung von 1968 erhoben die »rote Rosa« zu ihrer Heroine. In der DDR avancierte die streitbare Idealistin zur Säulenheiligen, in erstarrten Ritualen petrifiziert. An ihrem Grab beschworen Honecker und Co. jedes Jahr vor den abkommandierten Massen das »revolutionäre Vermächtnis«. Dazu versprachen die Werktätigen der Berliner Glühlampenfabrik »Rosa Luxemburg« feierlich, für immer mehr Licht zu sorgen.

Als 1988 ein Häuflein Aufrechter es zum erstenmal wagte, bei dieser Gelegenheit demokratische Meinungsfreiheit anzumahnen, reagierte der SED-Staat mit Verhaftung und Abschiebung. Zur wissenschaftlichen Reinwaschung der befleckten Rosa wurde Annelies Laschitza aufgeboten, damals Professorin am »Institut für Marxismus-Leninismus beim Zentralkomitee der SED«. Sie wies alle »skrupellosen Versuche« zurück, die gefeierte Heldin zu »mißbrauchen«. Diese habe immer fest zu den »Leninschen Prinzipien« gestanden.

Jetzt kommt die Historikerin, befreit von ideologischen Scheuklappen, in einer umfangreichen Biographie zu einer anderen Einschätzung. Der berühmte Luxemburg-Satz »Freiheit ist immer die Freiheit der Andersdenkenden« sei doch als Kritik an der Lenin-Diktatur und Plädoyer für demokratische Grundsätze zu verstehen.

Etwas spröde und farblos geschrieben, konzentriert sich das Buch ganz auf die historische Person der an der Universität Zürich promovierten jüdischen Polin, die eine so ungewöhnliche Karriere in der deutschen Sozialdemokratie machte. »Das giftige Luder« nannte Victor Adler, Chef der österreichischen Sozialdemokraten, die gefürchtete Polemikerin. SPD-Gründungsvater August Bebel nahm sie in Schutz: »Trotz aller Giftmischerei möchte ich das Frauenzimmer in der Partei nicht missen.«

Laschitzas Studie legt auf dem letzten Stand der Forschung krasse Widersprüche offen im Leben und Denken der charismatischen Powerfrau, die ihren romantischen Glauben an die Revolution und die Mobilisierung der Massen nie verlor. Noch wichtiger als die Umsetzung politischer Theorien schien ihr, die volle Intensität des Lebens zu spüren. Die Intellektuelle mit dem empfindsamen Gemüt war vernarrt in ihre Katze und leidenschaftlich verliebt in meist jüngere Männer.

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