Begnadeter Mistkerl - DER SPIEGEL
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LITERATUR Begnadeter Mistkerl

Der Brite Tim Parks ist berüchtigt als Porträtist komisch verkommener Hirn-Akrobaten. Sein jüngster Roman »Schicksal« beschert ihm nun auch in Deutschland Erfolg.
• aus DER SPIEGEL 18/2001
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Gemeiner, niederschmetternder kann das Buch eines angeblich unterhaltsam gewitzten Autors kaum anfangen. In der Lobby eines Londoner Luxushotels bewundert ein offenbar zu erotischen Abenteuern aufgelegter Mann in den so genannten besten Jahren gerade das »entzückende Doppelkinn« der jungen Rezeptionistin - da erfährt er aus dem Telefonhörer, den die Frau ihm reicht, dass sich sein einziger Sohn mit Mitte 20 in einer italienischen Klinik auf grausige Art das Leben genommen hat.

»Schicksal«, das jüngste Werk des britischen Schriftstellers Tim Parks, 46, erweist sich, man ahnt es schon, dann doch als höchst vergnüglicher, dabei oft genug grausig-komischer Roman**. Schon die erste Reaktion des Ich-Erzählers namens Christopher Burton auf die Nachricht vom Tod seines Sohns belegt dessen zweifelhaften Charakter: Statt traurig oder verzweifelt zu sein, registriert der Mann ganz kühl, »dass dies für mich und meine Frau das Ende bedeutete«.

Der Roman erzählt im Grunde nichts anderes als das, was in den zwei, drei Tagen nach diesem Auftakt in Burtons Hirn vorgeht: von den quälenden Erfahrungen eines, wie es einmal heißt, »blutleeren« Engländers, der seit mehr als drei Jahrzehnten in Italien lebt und mit einer leidenschaftlichen und leicht verrückten Ita-

lienerin verheiratet ist. Vom Frust eines Journalisten, der seinen Beruf aufgegeben hat und von einem großen Schriftsteller-Coup träumt - er will ein großes Werk über den Nationalcharakter der Italiener schreiben.

Nebenbei lässt Parks die Suada seines Helden in den Tagen nach dem Tod des italienischen Theater-Heiligen Giorgio Strehler im Jahr 1997 spielen und kostet mit schönem Sinn fürs Detail den Klatschstoff aus, den der Künstler hinterließ - inklusive eines peinlich doofen Gedichts, das der greise Regisseur angeblich kurz vorm Infarkt seiner jungen Geliebten schrieb.

Im Zentrum aber berichtet »Schicksal« von der Familienkatastrophe, die es für Burton und seine Frau bedeutet haben muss, einen an Schizophrenie erkrankten jungen Erwachsenen betreuen zu müssen. Und von den Schuldgefühlen, die erwachen, wenn dieser oft unerträgliche, erbarmungswürdige Mensch plötzlich tot ist. Der an entsetzlichen Darm- und Blasenverhaltungen leidende Burton wird von einem wahren Erkenntnisfieber heimgesucht: »Schmerz schärft unsere Selbstwahrnehmung«, stellt er einmal fest.

In Deutschland ist »Schicksal«, in diesem Frühjahr erschienen, der erste große Erfolg für den Schriftsteller Parks. In den Literaturbeilagen vieler Zeitungen wurde der Roman ebenso gelobt wie im »Literarischen Quartett« des ZDF, gut 15 000 Exemplare des Buchs sind bereits verkauft.

Das Erstaunlichste an diesem Erfolg ist, dass er so spät kommt. Denn auch in deutscher Übersetzung sind bereits rund ein Dutzend von der Kritik häufig gepriesene Parks-Werke erschienen. Die besten von ihnen, etwa »Gute Menschen« (im Original 1991, deutsch 1996) und »Alle lieben Raymond« (im Original 1989, deutsch 1997) haben mit »Schicksal« nicht nur den Sinn fürs Tragikomische gemein, sondern auch die Thematik: Fast immer erzählt Parks von den finsteren Gedanken liebenswerter, verräterischer Mistkerle - und von den Schuld- und Gefühlsverwirrungen, die ein behindertes Kind in seinen Erzeugern wachruft.

Der tückische Erzähler Parks schildert etwa in »Gute Menschen« mit leiser Häme die geschniegelte Yuppie-Idylle eines jungen Paares, bis das nur widerwillig erwartete Kind der beiden Helden mit einer schweren Behinderung zur Welt kommt. In »Alle lieben Raymond« ist der Titelheld ein schizophrener Studienabbrecher, der seiner Familie das Leben zur Hölle macht. In beiden Büchern macht Parks die Mord-Phantasien der lieben Nächsten so lebendig, dass sich die Leser bei ähnlichen Gedanken ertappt fühlen müssen.

In »Schicksal« ist die Familie nun wirklich auf schreckliche Weise erlöst - und muss erst allmählich wieder zusammenfinden. Burton besucht seine Adoptivtochter, die sich von den Eltern im Streit entfernt hat. Er lässt seine Frau im Augenblick des schlimmsten Schmerzes einfach allein - und gelangt dann ausgerechnet im »Trauerzimmer« der Klinik, im Angesicht der Leiche seines Sohns, zu dem Schluss: »Wer wäre ich ohne deine Mutter? frage ich unvermittelt meinen toten Sohn. Ich bin ein Niemand.«

Der Autor Parks ist selbst mit einer Italienerin verheiratet und lebt seit rund 20 Jahren in Italien. Über seine Sicht auf Schizophreniekranke (er kennt einen Fall aus der Familie seiner Frau aus eigener Anschauung) hat er vor einem Psychiatrie-Kongress gesprochen, er hat Bücher von Italo Calvino und Antonio Tabucchi ins Englische übersetzt und lange als Sprachlehrer an verschiedenen Universitäten gearbeitet.

Sprachlehrer sind auch mehrere von Parks'' Romanhelden: Mal werden sie zu Mördern, mal legen sie nur Studentinnen flach oder halten sich wie Christopher Burton aus Langeweile und Gewohnheit eine feste Geliebte - immer aber erweisen sie sich in ihren Gedankenspielen als sympathisch verzweifelte, ulkig niederträchtige Gesellen.

Parks sagt, »Schicksal« handle wie viele seiner Bücher »von der Illusion, dass wir alle individuell und nach freiem Willen über unser Leben entscheiden können«. Oder, noch allgemeiner ausgedrückt: »von der Frage nach der Vorhersehbarkeit menschlichen Verhaltens«.

Christopher Burton, der Engländer, der die Italiener verspottet und die Briten verachtet und doch beide mit Inbrunst liebt, ein Mann, der immer wieder neue Entschlüsse und Verfluchungen verkündet und sie im nächsten Augenblick widerruft, drückt es im Buch so aus: »Es ist das Leid, das uns unsere Identität verleiht.« WOLFGANG HÖBEL

* Mit seiner Lebensgefährtin Mara Bugni.** Tim Parks: »Schicksal«. Aus dem Englischen von UlrikeBecker. Antje Kunstmann Verlag, München; 288 Seiten; 39,80 Mark.

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