Bei den Vampiren - DER SPIEGEL
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THEATER / MROZEK Bei den Vampiren

• aus DER SPIEGEL 16/1970
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Am Anfang steht das Wort: »Durch unfreiwilligen Schiffbruch aus der Unfreiheit ausgebrochen, bin ich jetzt frei, weil ich schiffbrüchig bin, aber zu gebrochen, um mich ganz frei zu fühlen.«

So redet Watzlaff im neuen Schauspiel gleichen Namens des polnischen Satirikers Slawomir Mrozek, 39. Und was Watzlaff im Exil so redet, mag sich Mrozek denken: Polens bekanntester Stückeschreiber lebt auch im Exil.

Schon seit 1963 war Mrozek mehr in Italien und Frankreich zu Hause als in Polen. Als er sich, nach der CSSR-Invasion, mit den tschechischen Schriftstellern solidarisierte, war Polen für ihn ganz verloren; er wurde ausgebürgert und legitimiert sich nun mit einer französischen Carte d'identité.

In einer kleinen Wohnung am Montmartre hat der scheue Mann Quartier genommen. An einem Zeichentisch, wie sie die Architekten benutzen, setzt er sich frühmorgens schon zur Arbeit nieder; seit seine Frau, eine polnische Malerin, im Herbst letzten Jahres starb, lebt Mrozek noch zurückgezogener.

Am »Watzlaff«, der diese Woche im Hamburger »Thalia Theater« deutsche Premiere hat, schrieb er gerade, als die sozialistischen Brüder in die CSSR marschierten; der böhmische Heilige Wenzel (Václav), durch den Prager Wenzelsplatz bekannt, ist Namens-Vorbild des Mrozek-Helden.

Mrozeks Watzlaff, freilich, ist eher ein sonderbarer Heiliger. Er hat als einziger den Untergang eines Gefangenen-Schiffes überlebt, und nun steht er, »ein blonder Mann um die Vierzig«, an der Küste eines »freien Landes«.

»Was tun freie Menschen?« fragt er sich: »Sie machen Geld, erringen Ruhm und Ehre.« Watzlaffs Kapitalisten-Karriere jedoch hebt kläglich an: Bei einem Gutsbesitzer namens Fledermaus, in dessen Wäldern es an Wild fehlt, muß er sich als Bär verdingen. Aber es kommt noch märchenhafter.

Denn Fledermaus, der Name deutet es leicht an, ist ein Vampir, der dem »Volk das Blut aussaugt«. Ein rauschebärtiger Mann im Gehrock jedoch kommt den Armen zu Hilfe; er wird »Genius« genannt und könnte, der Name deutet es leicht an, Karl Marx sein.

Genius hat, »mit dem Kopf«. eine Tochter gezeugt, die Justina oder auch »Gerechtigkeit« heißt. Die wirbt für Papas Sache, indem sie sich entkleidet, wovon Ödipus, der auch auftritt, nichts hat; er ist schon blind.

Ein schwerbewaffneter »Barbar«, der seine Feinde teils »vögeln«, teils kastrieren läßt, tritt auch noch auf, dazu Bauern, ein Stoff-Pudel, ein Lakai mit Sekt -- Mrozeks Polit-Allegone, ein grotesker Sommernachtstraum, hat 77 Szenen, und nicht alle leuchten ein.

Mrozek war mit kafkaesken, kabarettistischen Einaktern berühmt geworden, die -- wie »Striptease«, »Auf hoher See« -- die Zwänge eines bürokratisierten Sozialismus bloßstellen; die kapitalistische Gesellschaft, unübersichtlicher und vielfältiger, bringt der polnische Emigrant nicht ähnlich scharf ins Bild.

»Viel Mühe«, sagt er, habe ihn der »Watzlaff« gekostet; dialektische Glanz-Nummern wechseln mit Szenen deren doppelter Boden hohl klingt. Watzlaff, jedenfalls, klagt bald-. »Ach wäre ich doch in der Unfreiheit geblieben, statt in der Freiheit meine Haut zu Markte zu tragen,«

Zum Schluß steigt er, Justinens Säugling im Arm, wieder ins Meer und will zu neuen Ufern. »Wenn ich nicht wiederkehre«, sagt der ewige Emigrant, »hab ich Glück gehabt, und ihr könnt's auch probieren.«

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