AUTOREN Beißen oder nicht
Ihr ist so einiges nicht geheuer. Noch nie habe sie, sagt sie, einen Film gesehen, der nur für Erwachsene freigegeben war; äußerst selten habe sie ein Buch gelesen, das auch nur im Entferntesten im Verdacht stand, gruselig zu sein; sogar die simple Dunkelheit sei ihr immer wieder unheimlich.
»Ich bin eben ein klassischer Angsthase«, gesteht Stephenie Meyer, 34, vergnügt - ausgerechnet sie, die mit drastischen Büchern über Blutsauger und andere Nachtmonster reihenweise Bestsellererfolge feiert.
Während draußen die Sonne untergeht und die Nacht hereinbricht, sitzt sie vor einem heißen Kakao in der beruhigend hell erleuchteten Lobby eines Hamburger Hotels und genießt den Luxus, hier nicht enttarnt zu werden. Als Schriftstellerin, meint sie, könne man Ruhm sehr entspannt ertragen, weil es ja kaum jemanden interessiere, wie man aussehe - sie
selbst macht auch äußerlich, mit ihren langen Haaren, der markanten Nase, den sinnlichen Lippen, durchaus Eindruck.
»Bis(s) zum Morgengrauen«, »Bis(s) zur
Mittagsstunde«, »Bis(s) zum Abendrot« - so heißen die ersten drei Bände ihrer Vampir-Romanze, die bisher weltweit insgesamt 6,5 Millionen Mal verkauft wurde. Deutschland ist dabei mit dem Absatz von 650 000 »Bis(s)«-Exemplaren, zwei davon stehen seit Monaten auf der SPIEGEL-Bestsellerliste.
Die Hollywood-Verfilmung des ersten Bands soll zu Weihnachten in die amerikanischen Kinos kommen, für den Herbst ist in den USA der vierte Band der Vampir-Serie angekündigt; kürzlich erschien dort ein Science-Fiction-Roman von ihr: »The Host« (deutscher Titel: »Seelen"). Startauflage: 750 000. »The Host« besetzt schon den ersten Platz der »New York Times«-Bestsellerliste, das Werk wird im August auch die deutschen Leser erfreuen.
Kein Wunder, dass die emsige Autorin, die sozusagen Jugendliteratur für Erwachsene schreibt, längst als Nachfolgerin der in den Vorruhestand getretenen Harry-Potter-Schöpferin Joanne K. Rowling betrachtet wird. Das US-Magazin »Time« wählte sie unter die 100 wichtigsten Persönlichkeiten des Jahres 2008.
Es ist noch gar nicht so lange her, da war Stephenie Meyer vor jeder Lesung so aufgeregt, dass sie sich übergeben musste. Heute meistert sie ihre Auftritte, die oft wie Popkonzerte ablaufen, lässiger. Da liest sie in der Regel vor Hunderten ihrer Fans, darunter auffällig viele Mädchen im Teenager-Alter, beantwortet geduldig auch bizarre Fragen - »Wie oft haben Vampire Sex?« - und signiert unermüdlich bergeweise Bücher von Lesern, die oft eine lange Anreise hinter sich haben; manch einer folgt ihr von Lesung zu Lesung.
Selbst jene ihrer Verehrer, die sich als Vampire maskieren, seien, sagt die Autorin, »sehr, sehr lieb«. Verhaltensauffällige Stalker hat sie noch nicht erlebt. In ihren Büchern gebe es doch auch nur »wenige wirklich bedrohliche Charaktere«.
Die Idee zu ihrem märchenhaft erfolgreichen Beißer-Hit sei ihr im Traum zugeflogen, berichtet Meyer. Es war eine lebhafte Vision von einem eher schüchternen Teenager-Mädchen, das auf einer einsamen Waldlichtung mit einem auffällig attraktiven Vampir-Knaben die Probleme ihrer durchaus komplizierten Liebe erörtert.
Meyers Schwester war es, die sie eines Tages ermunterte, die ungewöhnliche Geschichte doch einfach mal aufzuschreiben - damals war die Autorin eine schlichte, auf Bücherkonsum versessene Literaturstudentin, die »mindestens drei Romane pro Woche« verschlang, wie sie sagt. Angeblich tut sie das heute noch.
»Eigentlich wollte ich den Traum nur für meine Kinder bewahren, aber das Schreiben fühlte sich so gut an, dass ich weitermachte.«
So baute sie den Traum zu einer breit angelegten Vampir-Romanze aus. Da zieht die eher unscheinbare Isabella Swan zu ihrem Vater, dem Provinzpolizisten in einem dauerverregneten Kaff namens Forks. Ein Lichtblick in der ländlichen Tristesse ist ihr so smarter wie attraktiver Mitschüler Edward Cullen, ein cooler Außenseiter, der erstaunlicherweise ein Auge auf Isabella, genannt Bella, geworfen hat und obendrein ein Vampir ist.
Von da aus spinnt Meyer eine Liebesgeschichte der absurderen Art, mit edlen und abstinenten Blutsaugern, eifersüchtigen Werwölfen und allerlei Familienfehden und sonstigen Teenager-Dramen. Letztendlich aber läuft alles auf die Frage hinaus, ob der schöne Edward die von ihm berauschte Bella nun beißt oder nicht. Ob das Mädchen also seine Seele für eine Ewigkeit an der Seite des netten Vampirs hergibt. Und überhaupt ist zu klären, wie nah sich Blutsauger und Menschen überhaupt kommen können, ohne dass etwas Bedenkliches passiert.
Die Kunst der Autorin besteht vor allem darin, dass sie Spannung aufbaut und hält, ohne dass allzu viel Handfestes geschieht. Ihre Vampir-Romane sind auffällig blutleer, ihre Edel-Sauger überwiegend abstinent - wenn die mal der Durst plagt, verziehen sie sich in den Wald und reißen ein Kaninchen.
Irgendwie jenseitigen Sex gibt es bei Bella und Edward nicht, es wird allenfalls endlos gekuschelt. »Ich finde das Streicheln von Gesichtern und das Halten von Händen, überhaupt die behutsame Entwicklung von Liebe viel aufregender als den körperlichen Vollzug«, sagt die Mormonin, die Sex vor der Ehe ablehnt.
Vielleicht ist es auch diese unzeitgemäße Enthaltsamkeit, die im Zeitalter der leicht verfügbaren Klick-Erotik Millionen weibliche Teenager so fasziniert. Dass die Romanze recht einfach formuliert und konstruiert ist, stört dabei offensichtlich nicht besonders. Die Autorin selbst räumt ein, dass sie sich nicht als artifiziell ehrgeizige »Schriftstellerin im klassischen Sinne« sieht, sie möchte nur eine »gute Geschichtenerzählerin« sein.
Ihre Romane produziert die Mutter dreier Söhne so rasant, wie sie plaudert. Maximal drei Monate benötige sie für ihre bis zu 900 Seiten starken Manuskripte, die sie zwischen der Hausarbeit, oft einhändig, mit einem Kind auf dem anderen Arm, in den Computer tippe. Sie verliere sich gern in Details, räumt sie ein. »Ich könnte jeden Tag, jede Stunde, jede Minute und Sekunde meiner Figuren haargenau beschreiben.«
Dabei stört sie hartnäckig ihre Lektorin, die Meyers Geschichten immer wieder energisch zusammenstreicht. »Ich bin ihr dankbar, aber auch so dünnhäutig, dass ich immer weinen muss, wenn etwas rausfällt«, sagt sie und nimmt einen langen Schluck Kakao.
Dass sie mit den Traditionen der Vampir-Romane nicht vertraut war, als sie mit dem Schreiben begann, sieht sie nur als Vorteil. »Von den Halloween-Partys meiner Kinder wusste ich nur, dass Vampire Blut trinken, Sonnenlicht und Knoblauch meiden und die Tage in Särgen verschlafen.« Das überwiegend zu ignorieren und eigene Regeln aufzustellen habe das Schreiben sehr viel »entspannter« gemacht, sagt sie.
Meyers Vampire sind als smarte Mittelständler getarnt, als Arztfamilie mit einem Schwung Kinder. Es sind Vampire, die nicht schlafen, das Tageslicht nicht fürchten und Gewalt und Menschenblut eher meiden. Sie wollte jedoch auch »keinesfalls einen Anti-Vampir-Roman« verfassen, betont sie. »Es reizte mich, nur die Regeln zu erweitern.«
»Dracula«, den wohl berühmtesten aller Vampir-Romane, verfasste vor gut hundert Jahren der britische Journalist Bram Stoker. Seitdem beschäftigten die Langzähne viele Autoren, von Stephen King ("Brennen muss Salem") über Anne Rice ("Interview mit einem Vampir") bis zum deutschen Kinderbuch »Der kleine Vampir«.
Von düster grollenden Nosferatu-Einzelgängern entwickelten sich die Vampire zu coolen Hipstern, den Popstars unter den Monstern, die auch gern in Gangs herumspuken, und das nicht nur in viktorianischer Vergangenheit, sondern auch in der Gegenwart: Die Fernsehserie »Buffy« wurde weltweit begeistert konsumiert. Diesen letztlich harmlosen Horrorboom findet Meyer nicht überraschend: »Menschen lieben eben Monster und die Idee, sich mal so richtig zu erschrecken.« Und sie fügt lächelnd hinzu: »Ich auch.«
Und »Seelen«, ihr neues Werk? Der in der deutschen Ausgabe fast 900 Seiten schwere Buchklotz ist zwar als Science-Fiction angelegt, aber im Grunde nur eine weitere Meyer-Liebesgeschichte der umfangreichen Art. Sie spielt in einer nahen Zukunft, in der die gute alte Menschheit, genauer gesagt, ihre Körper, fast vollständig von außerirdischen »Seelen« gekapert wird.
Natürlich sind ein paar aufrechte Widerständler im Untergrund übrig geblieben. Nachdem einer knapp dem Tod entronnenen Frau eine »Seele« implantiert worden ist, streiten sich in ihr alte und neue Seele um den Körper und um Männer. Die absurde Story wird etwas langatmig, aber durchaus unterhaltsam erzählt.
Meyers Welterfolg hat eine wichtige Voraussetzung: Sie ist eine Heldin des Internet. Nicht nur, dass sie seinerzeit mit ihrem fertigen Debütmanuskript im Netz eine Literaturagentin suchte und fand, sie recherchiert auch alle Hintergrundinformationen für ihre Geschichten ausschließlich online.
Die Autorin kommuniziert ebenso eifrig mit ihren Lesern online - über ihre Internet-Seite oder auch MySpace. Sie präsentiert im Netz unveröffentlichte Texte, Vorabkapitel neuer Bücher, sogar Listen mit der Musik, die sie beim Schreiben hört. Sie sagt: »Ich bin jede wache Minute online.«
Aber ihre Bücher ausschließlich im Netz zu veröffentlichen, kann sie sich nicht vorstellen. Und ihren Namen zu googeln ist ihr mittlerweile unheimlich. »Das übernimmt immer mein Mann, der fürchtet sich vor nichts.« Sagt es und bestellt noch ein Stück Kuchen. CHRISTOPH DALLACH
* Szene aus »Bram Stoker's Dracula« mit Keanu Reeves, 1992.