Beklemmender Verfall - DER SPIEGEL
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LITERATUR Beklemmender Verfall

• aus DER SPIEGEL 49/2003
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Tomasina und ihre Freundinnen wollen es wissen: Sie wollen ein richtiges Fest feiern, ein Fest der Empfängnis. Alles ist bestens vorbereitet. Freunde sind eingeladen, der Termin stimmt exakt - und Tomasina hat sich die Sache gründlich überlegt. Sie ist 40, im Job als TV-Produzentin erfolgreich, Single. Nun möchte sie endlich ein Kind. Sie will keinen Sex, sondern eine Samenspende. Aber ganz anonym soll es auch wieder nicht sein, also wird ein Mann aus dem Bekanntenkreis auserwählt. So weit klingt die Geschichte beinahe wie eine Folge aus der TV-Soap »Sex and the City«. Doch der Amerikaner Jeffrey Eugenides, 43, der mit seinem Roman »Middlesex« in diesem Jahr auch in Deutschland Furore machte, gibt seiner Erzählung einen Dreh, indem er sie von einem früheren Freund Tomasinas berichten lässt: Wally Mars ist nicht nur enttäuscht darüber, als Erzeuger von Tomasinas Baby nicht in Frage zu kommen, sondern erinnert sich (und die Mutter in spe) auch daran, dass die beiden während ihrer gemeinsamen Zeit ein Kind gezeugt haben, das die junge Frau abtreiben ließ.

So färbt sich, was so munter anhebt, langsam melancholisch ein - um dann am Ende noch einmal eine hübsche, Wallys heimliche Wünsche erfüllende Wende zu nehmen. Alle drei Erzählungen aus dem Band »Air Mail« spiegeln triste Verhältnisse in den USA: zwischen Mann und Frau, zwischen Eltern und Kindern. In der Titelgeschichte versucht ein Sohn aus gutem Haus, sich in exotische Ferne und im »Energiefluss des Universums« vor den Ansprüchen daheim in Sicherheit zu bringen, doch er entkommt ihnen nur scheinbar. »Timesharing«, die letzte Geschichte, zeigt die »Wurzellosigkeit«, unter der besonders die Mutter des Ich-Erzählers leidet: Der Familienvater stürzt sich von einem riskanten Unternehmen ins andere, nun will er ein verkommenes Hotel in Florida zu einer Residenz umbauen, doch es fehlt selbst am Geld für den Arztbesuch: Den Verfall der Anlage wie des menschlichen Körpers macht der Autor beklemmend erfahrbar. Der Epiker Eugenides ist auch ein Artist der Kurzstrecke.

Jeffrey Eugenides: »Air Mail«. Aus dem Amerikanischen vonCornelia C. Walter und Eike Schönfeldt. Rowohlt Taschenbuch Verlag,Reinbek bei Hamburg; 120 Seiten; 10 Euro.

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