Am Rande Berliner Projekte
Der Krieg auf dem Balkan rückt näher. Letzte Woche hat es die ersten Opfer in Berlin gegeben. Christoph Schlingensief gab bekannt, er könne es »angesichts der Tatsache, daß Deutschland sich an einem Angriffskrieg gegen Jugoslawien beteiligt, künstlerisch und politisch vorerst nicht mehr vertreten«, seine Boulevardkomödie »Die Berliner Republik« weiterzuspielen. Worauf Frank Castorf sich mit seinem Hausregisseur solidarisch erklärte und das Stück umgehend absetzte. Zugleich bestätigte er, »im Gegensatz zur Bundesrepublik Deutschland« wäre die Volksbühne »weiterhin bereit, Flüchtlinge aus dem Kosovo bei sich aufzunehmen«.
Die Nachricht erschütterte die Feuilletons, aber weder die Bundesregierung noch die Nato sahen sich veranlaßt, ihre Politik zu ändern. Doch Schlingensief sah wieder eine »Chance 2000« am Horizont auftauchen, diesmal »das Flüchtlingsprojekt als logische Folge meines Theaterprojekts an der Volksbühne zu akzeptieren«. Hieß es früher, nach Auschwitz könnte man keine Gedichte mehr schreiben, so werden heute Deportierte zu »Projekten« umgeschrieben: Castorf und Schlingensief wollen gleich 50 Kosovo-Albanern ein Obdach geben. Als hätten die im Krieg noch nicht genug gelitten, müßten sie sich dann jeden Abend eine Vorstellung ansehen oder, noch anstrengender, beim nächsten Schlingensief-»Projekt« mitmachen. Bis es soweit ist, plant die Volksbühne aktuelle Pausenfüller, etwa eine Diskussion mit Gregor Gysi und Peter Handke zum Thema »Feindbild Serbien«. Wer echte Kontroversen liebt, sollte sich diese Inszenierung nicht entgehen lassen.