Besetzt / Von Telemann - DER SPIEGEL
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FERNSEHEN / FERNSEN-SPIEGEL Besetzt / Von Telemann

• aus DER SPIEGEL 12/1959
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

»Beim Singen«, sagte die Krähe zur Nachtigall, »kommt es vor allem auf die richtige Atemtechnik an.«

»Plauderer und Sprecher im Fernsehen«, sagte Heinz Maegerlein in einem Presse-Interview, »sollen so natürlich reden, wie sie es zu Hause in ihren vier Wänden tun würden.« Goldene Worte.

Was den Sender München bewogen hat, den verdienten Sportfunkreporter als Quizmeister der Langstreckenserie »Hätten Sie's gewußt?« zu bestallen, läßt sich nur erahnen. Seine Fertigkeit in der Kunst des natürlichen Plauderns kann es schwerlich gewesen sein. Dann noch eher die Tatsache, daß er einmal Germanistik und Geschichte studiert hat. Ein Bildungsvorsprung, der hierzulande schon andere folgenschwere Fehlbesetzungen verursachte.

Aber Sportfachmann Maegerleins Zweckentfremdung hatte wohl andere Gründe: Wenn er am Quizabend vor die Kamera tritt und dabei aussieht wie ein Studienrat für Erdkunde, der den Lateinlehrer vertreten muß, dann zieht Wohlwollen ein in die Herzen der Zuschauer. So einer schummelt nicht, wissen sie. Allenfalls irrt er sich mal. Und selbst die Verwirrung, in die er gerät, wirkt noch ungemein vertrauenerweckend.

Daß der biederherzige Maitre de plaisir des funkelnden Witzes ermangelt was ihn in jedem anderen Lande vor den Unbilden der Ratespielleitung bewahrt hätte -, darf als ein weiterer Vorzug gelten, den besonders Fernseh-Intendanten zu schätzen wissen. Quizmeister gehören im allgemeinen zu den Menschen, die lieber Urheber als Gegenstand eines Schabernacks sind. Kulenkampff, Frankenfeld oder der Tick-Tack-Quiz-Maschinist des Münchner Werbefernsehens, Fritz Benscher - sie alle wären ohne weiteres in der Lage, einen Sender in Verlegenheit zu bringen. Nicht so Heinz Maegerlein.

Daß jemals ein unehrerbietiger Scherz über seine Lippen kommen und Fachverbände, Rundfunkräte oder gar Bundesdienststellen auf den Plan rufen könnte, ist völlig ausgeschlossen. Soll man ihm da vorhalten, daß er Maximen aufstellt, denen er selbst nur platonisch zu gehorchen vermag? Man soll nicht. Wurde doch sogar das Pulver von Leuten erfunden, die eigentlich nichts damit anfangen konnten.

Daß sie auf zwei Beinen und nicht auf 17 Rubinen durchs Privatleben laufen, die Damen Angelika, Dagmar, Hilde, Irene oder Ursula, das weiß Telemann erst seit jenem denkwürdigen Kulenkampfftag, an dem Hans-Otto Grünefeldt sie ihm in telegener Gänze präsentierte. Aus leichtathletischen Gründen, versteht sich. Bis dahin hatte er sie immer nur im Ausschnitt, äußerstenfalls als halbtotale Genrebilder erlebt ("In Erwartung«, »Mädchen mit Nelken«, »Das neue Kleid«, »Die ertappte Träumerin"). Sein Zugewinn an anatomischem Wissen ist also beträchtlich. Und doch fällt es ihm nach wie vor schwer, die Ansagerinnen des deutschen Fernsehens für leibhaftige Wesen zu halten. (Von den Ansagern ganz zu schweigen.) Anderen mag es ähnlich ergehen. Woran liegt das?

Liegt es am oft gerügten Paßphoto-Format? Am unzulänglichen Make-up? An der Beleuchtung? Am UKW-Ton, der manchen Stimmen ein Lispeln unterschiebt? Nein. Es liegt einfach daran, daß jemand, der ständig darauf achten muß, sich weder zu versprechen (Todsünde!) noch zu räuspern, daß so jemand überfordert ist, wenn man von ihm auch noch erwartet, sich »wie zu Hause« zu gehaben. Es liegt, jawohl, es liegt an unserem Nationalcharakter.

Rundfunk, so hat man ihm vor Zeiten eingeimpft, ist eine öffentliche Einrichtung, folglich etwas »Amtliches«. Und wenn die amtliche Autorität inzwischen auch entstaatlicht wurde: Was einem Nationalcharakter einmal eingeimpft wurde, das bleibt drin. Wer's nicht glauben will, der gehe in die Lande, höre, mit welchem Gemütsüberschwang auf Funk und Fernsehen geschimpft wird, und bedenke, daß diese Zerstreuungsmittel ja viel billiger sind als, beispielsweise, der weit weniger geschmähte Film. Es ist der Urgroll des Untertanen, der sich hier Luft macht.

Wenn eine deutsche Autorität deutsche Menschen am Abend besucht, dann dürfen die deutschen Menschen alles: In den Zähnen stochern, Zeitung lesen, Suppe schlürfen oder sich überall dort kratzen, wo sie es für zweckmäßig halten. Die Autorität aber darf gar nichts. Sie muß. Und zwar muß sie, vertreten durch korrekt gekleidete und gedächtnisstarke Damen und Herren, dem Gebot der Stunde folgen. Steht Schiller, Shakespeare oder eine Erklärung des Herrn Bundeskanzlers bevor (Damen: kleines Dekollete, Herren: silbergrauer Schlips), dann ist die ehrfürchtige Erwartung angezeigt. Handelt es sich um eine Übertragung aus dem Millowitsch-Theater (Straßenkleidung), muß in der Damenstimme vom Dienst, bei aller gewahrten Würde, ein verhaltenes Glukkern mittönen. Und kommt man uns dokumentarisch (Bluse oder Pullover), schreibt das Protokoll jene maßvolle Gebarung vor, mit der Film-Krankenschwestern Film-Chefärzten schildern, wie der Patient die Nacht verbracht hat.

Daß die Ansagebräuche in anderen Fernsehländern nicht annähernd so streng sind, weiß jeder, der sich schon einmal an Mary Malcolm (BBC) oder, am vergangenen Mittwoch, an »Jacqueline« (RTF) erfreuen konnte. »Charme« sagen wir dann seufzend. Dabei ist es nur Natürlichkeit. Und die haben wir nicht und kriegen wir wohl auch nicht mehr herein. Doch halt, einen haben wir, bei dem sich Anflüge von Ungezwungenheit feststellen lassen: Heinz Piper vorm NWRV-Hamburg. Aber der-hat es leicht, der sagt die »Perry Como-Show« an.

Merke: Jedes Volk hat die Fernseh-Besetzung, die es verdient.

telemann
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