Bester Gang - DER SPIEGEL
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Mode Bester Gang

Auf den Laufstegen von US-Couturiers taucht ein neuer Mannequin-Typ auf: Männer führen Damenmoden vor.
• aus DER SPIEGEL 20/1993
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Die Mannequins, die mit wiegenden Hüften und schaukelnden Schultern die Herbst-Kollektion des New Yorker Designers Todd Oldham präsentierten, waren langbeinig, langhaarig, schlank und schön wie üblich, das Publikum blieb unbeeindruckt. Als aber das Model mit der zerzausten Blondhaar-Perücke und dem schwarzen Anzug aus falschem Leder erschien und sehr feminin darin aussah, da pfiffen und klatschten die Zuschauer.

Der Applaus galt nicht der Grunge-Version einer Motorradkluft, sondern Oldhams Lieblingsmodel, das auf dem Laufsteg zur unbestrittenen Nummer eins der Show aufgestiegen ist: Am Ende der Vorführung darf der Star den Designer an der Hand auf den Laufsteg führen. Und ausgerechnet dieses Mannequin ist ein Mann: Billy Beyond.

Nicht wegen des Gags, sondern »weil er so gut ist«, buche er Billy, beteuert Oldham, der 1991 den begehrten Perry Ellis Award für junge Designer gewann und als »leuchtende Hoffnung« New Yorks gilt (Women's Wear Daily). Beyond habe »definitiv den besten Gang in der Branche«, und die Kleider sähen hervorragend an ihm aus.

Beyond, den auch die französische Vogue im Haute-Couture-Rock fotografieren ließ, ist einer von vielen Transvestiten, die zur Zeit die Modeszene bevölkern: Lypsinka (bürgerlicher Name: John Epperson), 1,86 Meter großer Mittelpunkt seiner eigenen Off-Broadway-Show, stand für das Magazin Esquire in Valentino-Robe Modell, trat bei Thierry Mugler auf und wurde für eine Anzeige der eher konventionellen amerikanischen Modekette »Gap« mit Abendkleid und Jeansjacke fotografiert.

Auch die New Yorker Avantgarde-Designerin Kalinka schickte bei ihrer Disco-Show einen Cross-Dresser über den Laufsteg, und der Londoner Transvestit Winston Austin führte nicht nur Modelle von Pam Hogg vor, sondern imitierte für einen Werbespot sogar das Topmodel Naomi Campbell.

Die Musikbranche liefert indessen den passenden Hit: Der schwarze New Yorker Cross-Dresser RuPaul, der gleichfalls bei Modenschauen auftritt, erreichte jetzt mit seinem Song »Supermodel« die Top ten der amerikanischen Charts. Sein Album mit dem noch ehrgeizigeren Titel »Supermodel of the World« kommt im Juni heraus.

Während RuPaul singt, geht er powackelnd und armschwenkend durchs Publikum, erinnert in seinem Text an Claudia Schiffer und sieht in Pumps, Silbershorts und blonder Perücke selbst aus wie eine überdimensionale Barbie-Puppe.

»Es ist eine Reflexion eines neuen Gefühls von Freiheit«, erklärt Billy Beyond die Transvestitenmode. »Die vom Feminismus inspirierte Demontage traditioneller Geschlechterrollen mit all der Spannung und Verwirrung, die sie gebracht hat«, so die intellektuelle Begründung der Washington Post, habe dazu geführt, daß Männer in Frauenkleidern modern geworden seien.

Seit der Oscar-Nominierung des »Crying Game«-Darstellers Jaye Davidson, die sofort die Frage aufwarf, was er zu der Veranstaltung wohl anziehen werde, dürfen sich Transvestiten auch in konservativen Kreisen sehen lassen. Die Schauspielerin Diane Keaton warf die Frage auf, ob der Begriff »normal« nicht neuen Nachdenkens bedürfe. Und es ist wohl nur eine Frage der Zeit, wann Chanel und Yves Saint Laurent ihre Haute Couture von Männern vorführen lassen.

Die Cross-Dresser sehen ohnehin keinen Unterschied zwischen männlichen und weiblichen Mannequins. »Wir werden alle nackt geboren«, sagt RuPaul, »der Rest ist Verkleidung.«

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