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MÖBEL Bewußt jung

Westdeutsche Möbelhersteller entdecken wieder die Farbe. Ihre neue Zielgruppe: »Ikea-Aufsteiger«.
• aus DER SPIEGEL 3/1983
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Lachen, leben, lieben«, lautet der Slogan im Hamburger Schaufenster der französischen Möbelfirma Roche-Bobois. Ein hellrot glimmender Neon-Schriftzug lockt »Entrez«, und über der Eingangstür wird nochmals das Genre klargestellt: »Leben wie ein Teufel in Frankreich.«

Drinnen ist viel Gestepptes ausgestellt, »wie die Daunenwesten, die junge Leute heute tragen": Sofas mit Namen wie »informel« und »Non-Conformist«, dazu bunte »Lichtobjekte« und Kastenmöbel in den Grundfarben Blau und Rot, entworfen von dem hauseigenen, in Paris lebenden Designer Hans Hopfer, der seinen Schnauzbart dazu hinhält.

Der frisch-fröhliche Einrichtungsstil, seit Herbst letzten Jahres am Neuen Wall, der traditionellen Möbelmeile von Hamburg, heimisch, markiert den Beginn eines neuen Trends bei Gebrauchsmöbeln: Vor allem durch die Wiederentdeckung der Farbe und durch jugendnahe Aufweichung von Polsterflächen sollen bei neuen Käuferschichten neue Wünsche geweckt werden.

So bringt, rechtzeitig zu der in dieser Woche beginnenden Internationalen Kölner Möbelmesse, Deutschlands größter Schrankwandhersteller interlübke ein neues Programm von Anbaumöbeln ("interlübke-duo") auf den Markt, entworfen von dem Hamburger Designer Peter Maly und dem Wahl-Pariser Hopfer: Kastenmöbel, Regalsysteme und ein Kuschelbett ("modifizierter Schlafsack") werden in »frischen Farbkombinationen« geliefert: in den Primärfarben Blau, Rot und Gelb, den Farben des Bauhauses. »Ein bewußt sehr junges Farbkonzept«, so Designer Maly, habe ihm dabei vorgeschwebt.

Ganz ähnlich lautet die Trendmeldung von einer Gruppenschau baden-württembergischer Hersteller auf der Kölner Messe: »Alles hell und transparent, knallige Farben als Akzente« (so die Sprecherin Ulla Rogalski).

Mit dem neuen Frische-Trend hofft die westdeutsche Möbelbranche, im letzten Jahr mit einem Umsatzrückgang von real 10,5 Prozent geschlagen, neue Zielgruppen zu erschließen. »Ikea-Aufsteiger« nennt sie interlübke-Chef Horst Lübke: Jüngere, noch nicht etablierte Singels oder Familiengründer, die sich die nordischen Kiefernholzregale aus Selbstabholer-Zentren übergesehen haben, sollen das »Duo«-Programm kaufen, gleichsam »als kleinen Mercedes« (Lübke) nach dem Ikea-Volkswagen. Wie das Kaninchen auf die Schlange starren Westdeutschlands Möbelfirmen schon seit Jahren gebannt auf den Erfolg der Ikea Kette.

Die richtige Erkenntnis, daß die klassischen, zimmerfüllenden Schrankwände, in denen auch noch der Stereo-Receiver aufwendig zwischen Spanplatten verpackt wird, die Kaufkraft der neuen Zielgruppe übersteigen könnte, gab für Maly und Hopfer die Richtung an: »Weg von der Schrankwand«, statt dessen wieder »individuelle, aber anbaubare« Einzelmöbel. Bei dem System aus Regalbrettern und Container-Türmen kann zwischen starkfarbigen Kontrasten oder Weiß und Grau mit farbigen Schmuck-Kanten ("Akzentfasen") gewählt werden.

Ohne die knallbunten Kostümierungen, die grünen und roten Haarbüschel der Punk-Jugend wäre die neue Möbelmode mit ihren Farbakzenten wohl kaum in Gang gekommen, so meint auch der Möbeldesigner Reiner Moll aus Schwäbisch Gmünd, der zum neuen Trend ein dreisitziges Sofa namens »Triade« ("wie die Parkbank, offen nach allen Seiten") beisteuert.

Erstaunlich schnell wurden offenbar auch Tendenzen aufgenommen, die in den Clownerien der Mailänder Designergruppe »Memphis« und in den Schockfarben junger europäischer »Anti-Designer« (SPIEGEL 51/1982) schon anklangen. Der eben noch verschriene Mailänder Designer und »Memphis«-Begründer Ettore Sottsass beispielsweise gelangte bereits zu neuen Würden: In ihrem neuen Frankfurter Showroom zeigt die ehrwürdige Möbelfirma Knoll International eine Sitzgruppe ("Westside Collection"), die mit ihren »kühnen Farbkombinationen« geradezu »eine Explosion neuen Designs« darstellen soll (Presse-Verlautbarung).

Als Designer für die neuen Sitzmöbel gewann Knoll International den Mailänder Revoluzzer Sottsass.

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