Bewußtsein geklaut - DER SPIEGEL
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FERNSEHEN / OBDACHLOSE Bewußtsein geklaut

• aus DER SPIEGEL 9/1970
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Die Frauen müssen putzen gehen; die Männer flüchten in die Kneipe; die Kinder spielen derweil zwischen Mülltonnen.

So vegetieren mehr als 500 000 bundesdeutsche Familien als Obdachlose am Rand der Großstädte dahin, und obdachlos, das heißt in dieser Wohlstandsgesellschaft: fünf Quadratmeter Wohnraum pro Person in Notunterkünften, Übergangshäusern und Stadthelmen, Gang zur Gemeinschaftstoilette und tägliche Überwachung durch strenge Hausmeister, die alle »besonderen Vorkommnisse« den Behörden melden müssen.

Allein in Köln klopfen durchschnittlich 257 Menschen pro Tag bei den Amtsstuben an und bitten um Hilfe. Die Geschichte dieser »Leute, die in eine miese Situation geraten sind«, hat jetzt die Berlinerin Ilona Perl, 27, aufgezeichnet: Am Dienstag sendet das Erste Fernsehprogramm um 21.10 Uhr den im Auftrag des WDR für 150 000 Mark gedrehten Perl-Film »Jeder ist seines Glückes Schmied oder Recht hat, wer stärker ist«.

Für ihren ersten langen Film (75 Minuten) analysierte die einstige Kurzfilm-Regisseurin ("Porträt eines Gebrauchtgrabstein-Händlers") fünf Monate lang den Notstand der Unbehausten vor Ort:

In der »Stelle zur Beseitigung von Wohnungsnotständen« in Kölns Herkulesstraße wertete sie Akten aus; in rheinischen Notunterkünften interviewte sie Bewohner, Verwalter, Seelsorger und Pädagogen. Ihre Beobachtungen und Gespräche protokollierte die Reporterin in einem Drehplan« der eine Montage aus Dokumentation und erdachter Spielhandlung vorsah. Sozialkritisches Leitmotiv: der aus Verwaltungs-Unterlagen rekonstruierte »Repräsentativ-Fall« des fiktiven Ehepaars Mitsche, dessen Lebensbund in den Elendsquartieren vor die Hunde geht.

Als Darsteller der Eheleute engagierte Ilona Perl einen gelernten Dreher (Friedel Pötter) und eine ehemalige Verkäuferin, als Fürsorgerin eine WDR-Sekretärin, die aus dem Manuskript »herrschaftliches Amtsdeutsch« ins Mikrophon sprechen mußte.

Die übrigen Laienspieler reden aus dem Stegreif. Sie stammeln auf Köllsch von Bett, Job, Geld und Kindern und werden oft von jenen -- bruchlos eingefügten -- Interviews und Szenen aus dem Alltag der rheinischen Obdachlosen unterbrochen« die Ilona Perl im Juni letzten Jahres gesammelt hat.

Als Zufalls-Beobachtung aus einem Mansarden-Fenster zeigt sie etwa, wie ein 19jähriger von seinem Hauswirt und drei Nachbarn zusammengeschlagen wird.

Eine Frau L. kommt ins körnige Bild und klagt in ihrer schäbigen »Schlichtwohnung": »Wir sind hier sechs Personen und haben zwei Zimmer. Da schlafen die Kinder, und da schlafen wir. Das ist ja sittliche Gefährdung!«

Nebenan haust Frau W., die von ihrem geschiedenen Gatten für sechs Kinder nur 50 Mark Alimente im Monat bekommt; ihr zweiter Mann bringt den größten Teil seines bescheidenen Wochenlohns (200 Mark) im Wirtshaus durch.

Andere Obdachlose berichten, daß sie ständig die Arbeitsstelle wechseln müssen, weil sie von ihren Kollegen als »asozial« verfemt werden. Und auch Erfahrungen mit der Sozialbehörde geben die Gesprächspartner zu Protokoll. Um eine »richtige Wohnung« zu erbetteln, sagt eine Frau, sei sie dreimal wöchentlich zum Ordnungsamt gefahren: »Da hat der Herr zu mir gesagt, ich müßte aber viel Fahrgeld haben.«

Ilona Perl: »So habe ich erlebt, wie den Menschen ihr Selbstbewußtsein geklaut wird.«

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