Bibbernde Backen - DER SPIEGEL
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Gesellschaft Bibbernde Backen

Blitzen, anfangs ein amerikanischer Studenten-Ulk, wurde zum globalen Phänomen.
• aus DER SPIEGEL 12/1974
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Zuerst, nach dem Entschluß, so berichten die Aktiven der neuen Volksbewegung, spüren sie rauschhaft Mut. Doch beim Entkleiden beginnt der Magen zu flattern, steigt das Lampenfieber bis zum Start.

Dann engen sich die Empfindungen ein – auf das Stampfen der Füße beim Slalom durch die Menge, das Herzpochen vom ungewohnten Renntempo, den kühlen Luftzug auf der bloßen Haut. Und durch das Blickfeld huschen die überrascht grimassierenden Gesichter der Umstehenden nur als helle Flecken.

Wohlige Wärme schließlich stellt sich ein, wenn der Körper wieder in die Kleidung fährt, Erleichterung und ein Hochgefühl wie nach jedem bestandenen Abenteuer.

Danach war letzte Woche, zumindest in den USA, schon Tausenden zumute. Und mit der Rotationsgeschwindigkeit der Boulevardpresse tauchten Pioniere des »Blitzens« (oder »Flitzens«) – des Nacktsprints im Umfeld bürgerlich gewandeter Öffentlichkeit auch in Europa und Ostasien auf.

»Es ist natürlich eine Art von Kunst«, befand sogleich Kommunikationsforscher Marshall McLuhan: absurdes Laien- und Straßentheater also? Was aber ist die Botschaft – der Mensch au naturel?

Moralische Überlegungen erwiesen sich als vorschnell. Denn während noch vielerorts die Sex- und Pornowelle träge nachschwappt, scheint es beim Blitzen auf sonst wichtige kleine Unterschiede kaum anzukommen; statt wippender Brust oder schlenkerndem Glied sind das augenfälligste Merkmal der flüchtigen Erscheinungen meist Gänsehaut und im Laufrhythmus bibbernde Hinterbacken.

»Die präzise soziale Bedeutung des Streaking«, kommentierte die »New York Times«, als das Phänomen bereits weltweit beobachtet wurde, »ist bislang unklar.«

Zwar entsprang der exhibitionistische Coup unzweifelhaft studentischem Übermut. In seiner klassischen Form, eine paradiesische Dr.-Kimble-Vorstellung solo und anonym, wurde das Blitzen Anfang des Monats an der provinzamerikanischen Memphis State University populär.

Akademischem Ulk huldigten auch noch die Anschlußtäter. An der Harvard University suchten die ersten Streaker, angetan nur mit Chirurgenmasken, eine Anatomie-Prüfung heim. An der University of South Carolina begehrte ein Streaker in der Bibliothek das Buch mit dem Titel »Der nackte Affe«.

Doch alsbald erfuhren die Blitz-Aktionen eine sportliche Steigerung. Nicht nur, daß sich dabei disqualifiziert, wer sich schnappen läßt (in Großbritannien, registrierte die »limes«, ahndeten die Gerichte solches Versagen mit Geldstrafen zwischen 15 und 40 Pfund): Den vorerst längsten Streak hielten Studenten in Lubbock (Texas) fünf Stunden durch. Den einstweilen größten Streak reklamierte die University of Georgia

für 1543 Teilnehmer. Einen Frost-Streak veranstalteten kanadische Jugendliche in Calgary (Alberta) bei minus 20 Grad Celsius. Und den jüngsten Streaker meldete eine Radiostation von Cape Cod (US-Staat Massachusetts) – ein dreimonatiges nacktes Mädchen auf dem Arm der ebenfalls blitzenden Mutter.

Schlichter Rekordfimmel allein aber kann nicht jene beseelt haben, die das Blitzen global und in alle Lebensbereiche einführten. Ein bärtiger Türke erfand den Jumbo-Streak auf einem Flug von New York nach London. Der Brite Robert Graham kreierte den Strato-Streak in einem Aufklärungsjet 39.100 Fuß über Jacksonville (Florida). Studenten in Georgia schwebten als Para-Blitzer am Fallschirm aus einer Cessna 182 auf den Campus nieder.

An der US-Militärakademie West Point legten Kadetten zu Dutzenden die Uniform ab. In der Wall Street stieg ein Broker der First National City Bank aus dem Geschäftsanzug.

Kosmopoliten der Barhaut-Bewegung unterliefen in Paris den Eiffelturm. Japans erster Streaker, seltsamerweise mit Hammer und Helm gerüstet, kam in Hiroshima 300 Meter weit; immerhin 200 Meter schaffte ein Südkoreaner in Seoul.

Bundesdeutsche Blitzer allerdings hatten Schwierigkeiten. In Hamburg blieb ein Duo, Fernfahrer und Schlachter in Schuhen und Socken, brav bei Rot an der Ampel stehen. Auf dem Münchner Viktualienmarkt hetzten aufgebrachte Standlfrauen und ihre Kunden einen Nacktsprinter mit dem Schmähruf »Saubär, dreckata«.

Auch anderwärts wurde das Ritual des hurtig vorgeführten Naturzustands nicht recht begriffen. In Lima (US-Bundesstaat Ohio) propagierte ein 67jähriger das Streaking im Schneckengang für Senioren.

In Wiesbaden mißbrauchten zwei junge Damen das aktuelle Interesse des Publikums am Blitzen für die Imagepflege der Deutschen Sex-Partei. Und bei Devil's Punchbowl (US-Staat Oregon) rannte – schiere Perversion der Blitzer-Etikette ein Bekleideter durch das Nudistencamp »Fun in the Sun«.

Für die meisten hüllenlos Hastenden gilt wohl, daß sie außer dem Strip-Trip nichts weiter beabsichtigen. »Ohne Hemd, ohne Hose, ohne Bombe, ohne Fahne, ohne Ideologie und ohne Werbevertrag für eine Seifenfirma«, meinte die »Süddeutsche Zeitung« – »matte Sache«.

Die Kommentatoren vom Dienst taten sich denn auch schwer, die globale Lust am Blitzen einzuordnen. »Es ist«, befürchtet der Stanford-Psychologe Professor Philip Zimbargo, »ein Angriff auf die dominierenden gesellschaftlichen Werte.«

Folgen der Energiekrise sah der auf Manhattan praktizierende norwegische Psychoanalytiker Dr. David Abrahamsen. Benzinmangel, erklärte er, hätte die Jugendlichen vom Auto-Petting abgehalten, und »nun suchen sie sich, nach einem langen Winter ohne sexuelle Entlastung, zu befreien«.

Der These vom libidinösen Überdruck hingegen widersprach mit weiblichem Einfühlungsvermögen Dr. Joyce Brothers. »Wenn eine hübsche Frau einen Streaker stoppte und ihm sagte, ›Du kannst mich haben‹«, so erläuterte sie in der »New York Daily News«, »würde er verlegen davonspurten.«

Ganz simpel aber faßte Arthur Yehle den Jux »ein Psychologie-Professor an der Memphis State University« wo das Blitzen und alle Aufregung darum begannen: »Es ist Frühling.«

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