ZEITGESCHICHTE »Bis gleich, Kinder«
Hamann, 61, ist Historikerin, lebt in Wien und veröffentlichte zuletzt die große Studie »Winifred Wagner oder Hitlers Bayreuth« (Piper Verlag). -------------------------------------------------------------------
Gerhard Jahn, der vor vier Jahren verstorbene ehemalige Justizminister unter Willy Brandt, war stets sehr schweigsam, wenn es um seine elterliche Familie ging. Aber er verwahrte sorgfältig längst verschollen geglaubte Familiendokumente, die erst aus seinem Nachlass seinen vier jüngeren Schwestern übergeben wurden. Es handelte sich um jene rund 250 Briefe, die die Geschwister 1943 und 1944 an die Mutter geschrieben hatten. Lilli Jahn befand sich in dieser Zeit als »Volljüdin« im »Arbeitserziehungslager« Breitenau bei Kassel und wurde von dort nach Auschwitz deportiert, wo ihr Leben endete. Unmittelbar vor ihrer Deportation hatte sie es ge-
schafft, die Briefe aus dem Arbeitslager hinauszuschmuggeln, ein überaus seltener Fall.
Lillis Töchter sahen sich unerwartet mit den bittersten Jahren ihres Lebens konfrontiert, der Zeit, als sie 14, 13, 10 und 2 Jahre alt waren, auf sich allein gestellt, und hilflos den Leidensweg ihrer Mutter miterleben mussten. Auch sie scheuten sich, über diese Zeit zu sprechen - wie sehr viele ihrer Generation, ob Kinder von Opfern oder von Tätern. Da gibt es zu viel Schmerz, Trauer, Selbstanklagen, auch Schutzbedürfnis gegenüber geliebten Personen - und Angst vor einem ungerechten, leichtfertigen Urteil der Historiker. Es gibt Dinge, über die man zeitlebens nicht sprechen kann und will. Und: Wer gibt schon - auch um den Preis, die Mutter zu ehren - gern den Vater der moralischen Empörung der Enkel oder gar der Journalisten preis?
Lillis 13 Enkel wuchsen mit einem Familientrauma auf, einem unausgesprochenen, aber eindeutigen Frageverbot. Sie wussten nur zwei Dinge: Der »arische« Großvater Ernst hatte sich 1942 von seiner jüdischen Ehefrau Lilli scheiden lassen. Die dadurch Schutzlose wurde in Auschwitz umgebracht. Zehn Briefe von ihr aus der Haftzeit sind seit 1988 bekannt.
Jetzt aber lagen die vielen Kinderbriefe auf dem Tisch, und die Enkel begannen, die Mütter auszufragen. Einer von ihnen, der Journalist und Historiker Martin Doerry, 47, besorgte die Durchsicht der Papiere, erkannte ihren außerordentlichen Wert als historische Quelle und machte ein Buch daraus*. Er brachte Mutter und Tanten zum Sprechen, was einem fremden Historiker schwerlich gelungen wäre. Der stellvertretende Chefredakteur des SPIEGEL forschte auch nach den Anfängen: Lilli Schlüchterer, 1900 in Köln als Tochter eines jüdischen Kaufmanns geboren, verliebt sich 1923 als fröhliche Medizinstudentin in den gleichaltrigen Ernst Jahn. Jahn ist früh verwaist, ein schwieriger, schwermütiger, unsicherer Mensch, auch was die Partnerwahl betrifft. Sein geerbtes Vermögen hat er in der Inflation verloren. Nun sucht er eine erste Stelle als Arzt.
1925, als es bereits um Heirat geht, schreibt Lilli ihrem »Amadé": »Und dann
habe ich Sorge, ob nicht Dir die Ehe mit einer Jüdin in Deinem Beruf und Deinem Vorwärtskommen Schwierigkeiten bereiten wird.« Trotz Einwänden von Lillis Eltern gegen den nichtjüdischen Schwiegersohn wird 1926 geheiratet. Das Paar wohnt in Immenhausen bei Kassel, wo Ernst inzwischen eine Landpraxis hat. Lilli hängt ein zweites Praxisschild mit ihrem Namen neben die Haustür. 1927 wird Gerhard geboren, 1929 Ilse, 1930 Johanna.
Das Glück ist groß - bis Hitler an die Macht kommt. Lilli berichtet Freunden über den 1. April 1933, den Tag des »Judenboykotts": »Denkt Euch doch, auch über meinen Amadé hat man gestern den Boykott verhängt, weil er mich - eine Jüdin - zur Frau hat!!... Und dazu kommt nun die große bange Sorge: Wird es noch weitere Folgen für uns haben? Wir wagen gar nicht weiter zu denken.« Die eingeschüchterte Lilli schraubt ihr Praxisschild neben der Haustür wieder ab. Am 10. April 1933 kommt das vierte Kind, Eva, zur Welt. Ernst Jahn wird wegen seiner jüdischen Frau nicht in die NS-Ärzteschaft aufgenommen und ist dadurch ein Arzt zweiter Klasse. Die Freunde bleiben aus. Lilli traut sich nicht mehr auf die Straße. Aber die Kinder wachsen in die »neue Zeit« hinein, haben, so Lilli, »für nichts anderes mehr Interesse - vor allem der Junge - als für SA und SS, sie marschieren und exerzieren und beglücken uns unentwegt, von früh bis spät, mit dem Horst-Wessel-Lied«. Umso schlimmer trifft es die Kinder bald, dass sie als »Halbjuden« nicht in die HJ und zu den Jungmädeln aufgenommen werden und ohne Uniform schon früh als Außenseiter gebrandmarkt sind.
Lillis Schwester und Mutter gelingt die Emigration nach England. Ernst will wegen der Praxis nicht ins Ausland.
In vielen Einzelheiten entrollt sich das Lebensbild einer deutschen Jüdin bis zum Untergang, stellvertretend für zigtausend andere. Nur besteht in diesem Fall immer noch Hoffnung. Denn Lilli, im Jahr 1937 bereits die letzte Jüdin in Immenhausen, ist durch ihre »privilegierte Ehe« mit einem »Arier« geschützt. Glücklich preist sie »unsere gegenseitige Verbundenheit und Liebe, die wir immer wieder als Wall aufrichten müssen gegen das ''Draußen''«.
1940 kommt als fünftes und letztes Kind »Dorle« zur Welt. Doch Ernst Jahn hält dem Druck nicht stand. Er wird missmutig, noch unzufriedener mit seinem Leben, das ihn sichtlich überfordert. Er ist kein Nazi und kein Antisemit. Aber er verliebt sich in eine junge Ärztin, die ihm in der Praxis hilft. Mit ihr geht er ins Theater, was seine Frau nicht mehr darf, verreist auch mit ihr. Bald erwartet die Geliebte ein Kind, das im Arzthaus geboren wird. Lilli ist zu Kompromissen bereit und assistiert sogar bei der Entbindung.
Ernst Jahn hört nicht auf warnende Stimmen, die auf Lillis Gefährdung hinweisen. Er verlässt sich auf die Rechtslage, wonach eine geschiedene jüdische Mutter geschützt sei, solange sie für minderjährige halbarische Kinder sorge, und reicht die Scheidung ein. Lilli muss mit ihren Kindern nach Kassel umziehen. Der Immenhäuser Bürgermeister kann endlich die Erfolgsmeldung herausgeben, sein Ort sei nun »judenfrei«.
In Kassel wird Lilli wegen einer Lappalie zur Gestapo geladen und geht am 30. August 1943 mit dem Ruf »Bis gleich, Kinder« fort. Sie wird verhaftet, muss Zwangsarbeit verrichten und kehrt nie mehr zurück.
Der nun beginnende Briefwechsel zwischen Mutter und Kindern ist zwar wegen der Zensur von Vorsicht geprägt, aber umso zärtlicher, sehnsüchtiger und in seiner Schlichtheit und Echtheit herzzerreißend. Fast täglich schreibt einer der vier »Großen« an die Mutter. Lilli hat nur einmal monatlich Schreiberlaubnis, wagt aber hin und wieder einen illegalen Brief. Fast alle Briefe und auch Päckchen mit Essen kommen an.
Die 14-jährige Ilse, die sich neben der Schule als Ersatzmutter abrackert, wagt sich zweimal zur Kasseler Gestapo und fragt an, wann denn die Mutter entlassen werde. Sie bekommt schließlich die Antwort: »Wenn du noch mal kommst, behalten wir dich auch hier.«
Dann brennt bei einem Fliegerangriff das Haus ab. Die Kinder retten sich nur mit Mühe aus dem Feuer. Sie haben alles verloren, sind obdachlos und ohne Kleider. Aber Ilse benützt ihren Bonus als Ausgebombte, um einen Besuch bei der Mutter durchzusetzen.
Diese zehnminütige Szene in Anwesenheit einer Wärterin hätte breit ausgemalt werden können. Aber die Augenzeugin Ilse erzählt nach fast 60 Jahren nur sehr kurz und scheu: »Wie verändert sah meine gepflegte Mutter aus. Sie trug ein Sackkleid aus grobem Stoff, Holzpantinen ohne Strümpfe, ein Schneidezahn fehlte.«
Lilli Jahn wird im März 1944 nach Auschwitz deportiert und schreibt im Dresdner Bahnhof, wo die Häftlinge sieben Stunden auf den Zug warten müssen, noch einen Brief: »Morgen abend werden wir dann in Auschwitz sein. Die Mitteilungen darüber, wie es dort sein soll, sind sehr widersprechend.« Und: »In den letzten Tagen habe ich die Familien beneidet, die alle zusammen damals fortgebracht wurden. Aber wenn ich''s recht bedenke, ist es mir trotz aller tiefen Sehnsucht und allem Trennungs-Schmerz leichter ... Euch verschont zu sehen von all dem Widerwärtigen und Häßlichen.«
Wieder schont sie ihre Kinder, die sich unter einem Konzentrationslager oder gar Auschwitz nichts vorstellen können. Aber die Worte, die sie wählt, zeigen: Sie weiß, was sie erwartet. Am 17. oder 19. Juni 1944 stirbt sie in Auschwitz. Todesursache unbekannt.
Kein historischer Roman, keine Erinnerungen, keine noch so wissenschaftlich fundierte Schrift eines Historikers kann es mit Originalquellen dieser Qualität, dieser Lebendigkeit und Ursprünglichkeit aufnehmen. Es handelt sich ja hier um »primäre« Quellen: unmittelbar aus der Zeit stammend und von den handelnden Personen selbst geschrieben.
Das Charakteristische dieser Quellen ist, dass sie ungeordnet alle Bereiche ansprechen, wie das Leben so spielt, hier auch das Leben der Kinder: Schulaufgaben stehen neben Ehegeschichten und dem Kummer, dass die Nachbarn nicht mehr grüßen. Als das Haus in Asche fällt, sorgt sich das Kind um den Wellensittich, den es nicht retten konnte. Die Tochter berichtet der Mutter von der ersten Zigarette. Ein Mann verliebt sich in eine andere Frau, will sein Leben ändern und verlässt sich ausgerechnet in Hitlers Reich auf bestehende Gesetze. Und der gesamte Alltag dieser »Mischfamilie« wird von Hitlers Rassengesetzen geprägt. So steht dieses neue Buch, was seinen Quellenwert angeht, ebenbürtig neben den Tagebüchern von Anne Frank und Victor Klemperer.
Dankbar nimmt man zur Kenntnis, dass der Herausgeber nur sehr zurückhaltend kommentiert und sich nie in den Vordergrund spielt. Er macht keinen Versuch, die Aussage der Quellen durch Wertungen und lange Belehrungen zu verstärken oder zu korrigieren. Da werden nicht, wie in wissenschaftlichen Schriften oft üblich, in großen Worten rasche Urteile gefällt, auch nicht, wenn es um die problematische Gestalt des Vaters geht. Dem Leser, der in dieses fremde Leben einer vergangenen Generation hereingezogen wird, wird nichts vorgeschrieben. Jeder kann sich selbst eine Meinung bilden.
Erstaunlich ist, dass das Buch trotz all der schlimmen Einzelheiten eine große Stimmigkeit vermittelt. Das mag daran liegen, dass es sich hier um das Ergebnis einer offenbar harmonischen und behutsamen Zusammenarbeit einer Großfamilie handelt. Der letzte, bleibende Eindruck ist jedenfalls der einer großen Zärtlichkeit.
* Martin Doerry: »Mein verwundetes Herz«. Das Leben der LilliJahn 1900-1944. Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart/München; 352Seiten; 24,90 Euro.