Bißchen Bammel - DER SPIEGEL
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AUTOMOBILE Bißchen Bammel

Der VW-Konzern stellt drei neue Modelle vor: ganz unten auf der Typenpalette die Nachfolger für »Polo« und »Derby«, ganz oben ein neues Flaggschiff namens »Santana«.
• aus DER SPIEGEL 37/1981
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Alle mochten den kleinen Kerl. Wohlwollend nannten die strengen Tester von »auto motor und sport« ihn »das Wiesel«. Und die »FAZ« bescheinigte dem wendigen Wicht nach zweijährigem Gebrauch: »Unter den Kleinen gibt es keinen besseren.«

Bemängelt wurde am Kurzauto Polo, dem kleinsten aller VW-Modelle, eigentlich nur der etwas knapp geratene Kofferraum. Etlichen Automobilisten sah er überdies zu sehr nach »Schrumpf-Golf« aus.

Nun aber kann ihm weder das eine noch das andere länger angelastet werden. VW hat einen Polo-Nachfolger entwickelt. Er wird, zusammen mit seinem Stufenheck-Bruder Derby und dem aus dem Mittelkläßler Passat abgeleiteten Luxusfahrzeug Santana, nächste Woche auf dem Automobil-Festival in Frankfurt präsentiert.

Der neue Polo geriet dem VW-Chefstylisten Herbert Schäfer und seinen 66 Designern mit 3,65 Meter nur um fünf Zentimeter länger als der alte. Dafür aber wirkt er viel größer und, so ein VW-Manager, eindeutig »ein bißchen frecher«. Das war Absicht.

VW hatte sich vorgenommen, den kleinen Schrägheck-Wagen mit seinem S.245 begrenzten Nutzwert zu einem umfassender nutzbaren »Vielzweck-Auto« zu wandeln, verwendbar als »Einkaufs- und Familienwagen«, aber auch als »gewerbliches Transportmittel« (VW-Werbung). Stylist Schäfer nutzte bei der Gestaltung der Heckpartie seinen Spielraum aus.

Aus dem unauffälligen Schrägheck-Auto wurde ein Steilheck-Fahrzeug mit schwungvoll stilisierten Radausschnitten hinten und langgezogenen hinteren Seitenscheiben, wie bei einem Lieferauto der Stadtbäckerei: Sogar einige VW-Manager empfanden beim Anblick des nach ihrer Ansicht etwas riskant geformten Neulings »zuerst ein bißchen Bammel«.

»Aber«, so beschwichtigte VW-Forschungs-Chef Ulrich Seifert, »die große Seitenscheibe ist ja gerade der Pfiff des Stylings, das Auto wirkt dadurch unheimlich funktional, einfach in die Zeit passend.«

Immerhin gewann VW auf diese Weise einen vergrößerten Innenraum und 265 Liter Fassungsvermögen für Gepäck, ein Volumen, das zu den größten dieser Wagenklasse rechnet. Wer die Rücksitze umklappt, hat sogar über 1000 Liter Stauraum, gut zugänglich durch eine bis zur Stoßstange hinunterreichende Heckklappe.

Daß Wolfsburgs Kleiner bei der Styling-Prozedur rund 15 Kilogramm zunahm, machten die VW-Aerodynamiker wett. Sie verringerten den Luftwiderstand des Polo auf den für ein kleines Kompaktauto recht günstigen Wert 0,39. (Auch der berühmte Porsche 911 hat nichts Besseres zu bieten.) Im Windkanal wurde eine Polo-Version, die für die auf optimalen Sparbetrieb ausgelegte Formel-E-Ausrüstung vorgesehen ist, auf noch glattere Formen (Wert 0,37) getrimmt.

Als Triebwerke stehen für die drei Ausstattungsvarianten wie bisher vier Vierzylindermotoren, von 40 PS (135 km/h) bis 60 PS (155 km/h), zur Wahl. Aber die VW-Techniker haben den kleinsten dieser Motoren auf interessante Art »veredelt«.

Sie wendeten technische Kunstgriffe an, so etwa ein verbessertes Brennverfahren; sie vergrößerten den Hubraum (auf 1,05 Liter) und erhöhten die Verdichtung (auf 9,5). Der Motor reagiert mit höherer Durchzugskraft und sparsamerem Verbrauch. VW ist ein bißchen stolz, als erster Motorenhersteller der Welt einen so hoch verdichteten Ottomotor anzubieten, der sich ohne Probleme mit Normalbenzin begnügt.

Mit gleicher Technik und gleichen Ausstattungen läßt VW den Bruder-Typ Derby mit Stufenheck auf den Markt rollen. Auch er wirkt größer und wuchtiger als sein Vorgänger. Aber wird das ausreichen, endlich die Hoffnungen der VW-Marktforscher zu erfüllen?

Enttäuschend war für die Wolfsburger Verkaufsstrategen die Karriere des Derby bisher verlaufen. Die VW-Manager hatten ihn 1977, zwei Jahre nach dem aus dem Audi 50 abgeleiteten Polo, als »echtes Kind der Marktforschung« auf die Straße gebracht. Der neue Kleine sollte Millionen von Käfer-Fahrern bieten, was ein Konzern-Manager eine neue »geistige Heimat« nannte.

Umfragen hatten ergeben, daß »dieses riesige Marktpotential« eindeutig nach einem Fahrzeug mit großem Kofferraum verlangte, zugleich nach einem »Auto, bei dem man sieht, wo vorn und hinten ist«.

Doch die Kunden waren auf das Auto mit dem großen, abgeteilten Kofferraum bei weitem nicht so scharf, wie die Marktforscher vermutet hatten. Sie bevorzugten eindeutig den kürzeren Polo; von ihm wurden 760 244 Stück gebaut, gegenüber nur 303 943 Derby.

Das gleiche Experiment -- einen Stufenheck-Bruder auf den Markt zu schicken -- unternehmen die Wolfsburger nun in der oberen Mittelklasse, wo sie aus dem Schrägheck-Auto Passat den neuen Santana, benannt nach einem Wind in Kalifornien, entwickelt haben.

Mit vier Motoren, vom 54-PS-Diesel bis zum 115 PS starken Fünfzylinder, und mit ungewohnt üppiger Ausstattung (Veloursteppich als Türverkleidung) soll der Santana oberhalb des Passat rangieren. Sein Preis stand Ende letzter Woche noch nicht fest, wohl aber seine Zielgruppe: »Aufsteiger« des laut VW »fließend gewordenen Übergangsbereiches zwischen Mittel- und Oberklasse«.

Der große Audi der Konzerntochter in Ingolstadt, dem der Santana so ähnlich sieht, kann den Aufsteiger-Fang offenbar allein nicht bewältigen.

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