Bitte gemischt - DER SPIEGEL
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LUXUS Bitte gemischt

Schuhe für ein Leben auf großem Fuß - zu haben bei Lobb in London, das Paar zu 2800 Mark.
• aus DER SPIEGEL 12/1989
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Ein Mann mit afrikanischem Teint und tadellosen Manieren betrat in London die Geschäftsräume von »John Lobb Ltd. Bootmaker«, betastete sammetweiches Leder vom Kalb und von der Antilope und bestellte sich 20 Paar Schuhe nach Maß. Schuhmacher mit Krawatte, weißer Hemdbrust und grünem Schurz erwiesen ihm und seinen großen Füßen jede Ehre. Es wurde nicht über Geld gesprochen.

Das ist so üblich bei John Lobb in der St. James's Street Nr. 9, in einem Haus, wo einst Lord Byron wohnte und heutzutage die blaue Fahne flattert, die Königin Elizabeth an Heroen der englischen Qualitätsarbeit verleiht. Der Besteller sagte, diese Schuhe seien für ihn beruflich wichtig, denn er werde demnächst König. Das genügte den distinguierten Schustern, und sie fragten nicht: König von was?

Könige als Kunden sind die idealen Vorreiter jener anschwellenden Bürgerbewegung hin zum Besten, von der auch die Firma Lobb jetzt profitieren möchte. Die Könige von Thailand und Jordanien werden von ihr ohnehin regelmäßig bedient. Als Hoflieferant für Elizabeth II. und die Ihren sowie für ihre königlichen Vorfahren bis zurück zu Eduard VII. weist sie sich öffentlich aus.

Doch jener dunkle Kunde ist nicht König geworden, sondern verschwunden. Er hat den königlichen Schuhmacher Lobb auf 20 Paar Maßschuhen sitzenlassen, bei den derzeitigen Preisen einem Schaden von gut 70 000 Mark.

Und das ist bei weitem nicht das einzige Lehrgeld, das die Erbfolger der 140jährigen Schuhmacher-Dynastie der Lobbs für ihre feine englische Art im Umgang mit neuen, unberechenbaren Typen und Schichten entrichten mußten. Widerwillig nimmt die Firmen-Familie zur Kenntnis, daß auf ihre Schuhe neuerdings mehr Verlaß zu sein scheint als auf die, für die sie gemacht werden.

Von den Füßen, die mit zarten Forscherhänden abzutasten bisher die wichtigste Orientierung gewesen ist, schweift der Blick der Königs-Schuster nun skeptisch weiter zu Gesichtern und Konten. »Und es war doch«, seufzt der Familiensprecher Eric Lobb, »seit jeher unser Grundsatz: Geld ist zwischen uns und den Kunden kein Thema.«

Schuhe von Lobb sind allerdings nicht gemacht, um sich damit hervorzutun. Eher umgekehrt: Zwei Paar beispielsweise, welche John Lobb Ltd. dem Kunden Philip von Edinburgh zur Silberhochzeit geschenkt hat, sind geadelt worden, indem man ihnen bereits in der Werkstatt durch monatelanges, geduldiges Wichsen, Anspucken und Eintragen ihre unbezahlbare Unauffälligkeit verlieh.

Die unnatürlich schmalen Leisten der Königin Victoria und die Modelle aristokratischer Zwergen- wie Riesenfüße illustrieren in den Vitrinen bei Lobb eine überlieferte Hochachtung vor dem Ungewöhnlichen schlechthin. Eric, der Regierende, meint, es gebe da ein anatomisches Interesse »wie beim Arzt«. Angefangen hat das mit John Lobb, dem Gründer, einem Bauernsohn aus Cornwall, der nach einem Sturz vom Esel selbst gehbehindert gewesen ist.

Mit einer Stimme, so brüchig wie altes Leder, gibt Eric Lobb zu verstehen, er habe es in seinem 82jährigen Dasein selbst erst auf zwei Dutzend Paar Schuhe gebracht. Eines tue noch Dienst. Das ist eine Menge, die ein Verbraucher wie Friedrich Karl Flick auf einen Schlag in Auftrag geben muß, um nur an jedem seiner Wohnsitze hinreichend gehfähig zu sein.

Kunden mit so erweitertem Bedarf wecken in den älteren der 30 Schuster von Lobb eine andächtige Erinnerung an indische Maharadschas, wie sie vor dem Rückzug der britischen Kolonialherren zu beschuhen waren. Befriedigender Ersatz für jene kleinen Potentaten sind sie nicht.

In dem von Schusterbänken umgebenen Lobb-Salon in der St. James's Street Nr. 9 erregen sie allenfalls Aufsehen durch die imposante Anspruchslosigkeit ihrer Order. Immer wieder bestellt so ein Reicher »ein Dutzend Paar, aber bitte gemischt«, und sagt zum Abschied: »Die Mischung überlasse ich euch.«

Orson Welles, Frank Sinatra, Gregory Peck, Peter O'Toole, Enrico Caruso, Earl Mountbatten of Burma, der Diamanten-Mogul Sir Bernard Oppenheimer oder Roald Dahl haben es weniger pauschal und protzig gegeben. Doch so entspricht es einem Leben auf großem Fuß, wie es die Geldmacher Amerikas mögen. Um sie begann sich Eric Lobb erst nach dem Verlust seiner Inder zu kümmern, also aus Not.

Regelmäßig überquert er seit 1946 den Atlantik und nimmt in den Metropolen da drüben Maß. Im Keller unter dem Londoner Laden, wo die Schuhmacher keine Schlipse und sauberen Kragen brauchen, archiviert er die Edelholz-Leisten einer bereits 20 000füßigen amerikanischen Klientel, an der ihn vor allem ihre Zahlungsmoral entzückt.

14 englische Firmen der eigenen Branche hatte John Lobb Ltd. sich im Gefolge derartiger Arbeitsbeschaffung einverleibt. Dessenungeachtet bedient sich in Paris der finanziell überlegene Partner »Hermes« des keineswegs unbezahlbaren englischen Namens fürs eigene Schuhgeschäft. Hermes liefert Lobb-Schuhe nicht nur in Maßarbeit, sondern in viel größeren Mengen auch als etwas, was der greise Mitverdiener in der St. James's Street ablehnt: fertige Ware.

Wer darauf aus ist, kann bei ihm fertige Schnürsenkel kaufen, hausgemachte Schuhwichse oder einen Putzlappen zum Repräsentieren; der ist mit dem Namen Lobb fett bedruckt und dafür so teuer wie zehn gewöhnliche.

Alles andere entsteht von Hand, so altväterlich wie nirgendwo sonst in der Welt, und das dauert oft länger als eine Schwangerschaft. Einem anglophilen Kölner Versicherungschef mit nur drei Paar Schuhen und einem problematischen Standbein konnte soeben nach sieben Bau- und Wartejahren sein erstes Paar Lobbs zugestellt werden. Die nötigen Anproben hatte er immer wieder vertagt. Nun ist er zufrieden und muß bezahlen - einen sieben Jahre alten, längst überholten Preis von 500 Pfund. Freilich ist auch das bereits das Zehnfache dessen, was zehn Jahre früher verlangt worden ist.

Derzeit kostet das Paar Damen- oder Herrenschuhe einheitlich 884 Pfund (über 2800 Mark) einschließlich Mehrwertsteuer. Den unentbehrlichen Spanner dazu liefert Lobb nicht unter 167 Pfund und warnt davor, sich mit billigerem zu behelfen. So was bedeute für die Schuhe »more harm than good«.

Unter den von rundreisenden Schuhmanagern im EG-Raum neu vermessenen Klienten mehren sich aber solche, denen in der Wartezeit die Lust auf Lobbs oder die Zahlungsfähigkeit wieder vergeht. »Viele Dutzende« derartiger Nichtabholer, klagt Eric Lobb, habe es in jüngster Zeit gegeben. Er spricht von »einem sehr schweren dabei erlittenen Verlust« und erlaubt sich deshalb in einem Rundschreiben an sämtliche, auch die tadellosen Kunden, erstmals um 50 Prozent Vorkasse für jede Bestellung sowie ums entsprechende Verständnis zu bitten. Seinen Ur-Kunden, sagt er, behage das sogar der Auslese wegen. #

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