Bizarre Welt - DER SPIEGEL
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Fernsehen Bizarre Welt

Ein Kind unter Mordverdacht: Der Psychothriller »Todesreigen« zeigt die Qualen einer Familie.
• aus DER SPIEGEL 20/1993
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Mit Rebecca stimmt etwas nicht. Warum läßt das Mädchen der Mutter heimtückisch die Umzugskiste von der Treppe herab in die Beine fahren, nur weil die, halb im Spaß, der Tochter Zickigkeit vorgeworfen hat? Was verbergen Rebeccas Augen?

Szene für Szene versucht sich das ARD-Fernsehspiel »Todesreigen« (Regie: Vivian Naefe, Buch: Harald Göckeritz, Sendetermin: Mittwoch, 20.15 Uhr) an das Geheimnis des Mädchens heranzupirschen und gerät doch immer tiefer ins Dickicht aus Lüge, Verdacht und Wahn.

Soviel ist sicher: Rebecca ließ vor Jahren ihren Bruder nach dessen Sturz von einem Abhang verbluten. Aber warum? Ein Schock? Hilflosigkeit? Oder - entsetzliche Vorstellung für die Eltern - geschah es aus Heimtücke? Der Vater hat Mitleid mit seiner Tochter, glaubt an deren Unschuld. Aber nicht die Mutter: Sie entdeckt nach und nach die bizarre Welt, in die sich ihr Kind zurückgezogen hat.

Da gibt es einen Bauwagen im Wald, in dem das Mädchen Stunden verbringt. Dort findet die Mutter Zeichnungen von gräßlichen Tieren und aus Gras geflochtene Halsbänder.

Die Halsbänder wiederum stammen aus dem Grimmschen Märchen von Brüderlein und Schwesterlein: Die flocht das Märchenmädchen seinem in ein Reh verwandelten Bruder. Liest der Vater die Grimm-Geschichte seinem Adoptivsohn vor, den die Familie nach dem Tod des leiblichen Kindes aufgenommen hat, greift sich Rebecca hilflos ins Haar, so wie damals, als der Bruder zu Tode stürzte.

Es ist alles wie verhext in diesem »Todesreigen«. Überall ist man dabei, Zeichen zu enträtseln, sieht, wie die Mauern des Verdachts wachsen, hinter denen die Familienmitglieder einsam vor sich hinvegetieren. Als zwei neue tödliche Kinderunfälle geschehen, glaubt auch der Vater an die Schuld seiner Tochter. Aber das Paar ist zu schwach, sich der Wahrheit zu stellen. Welcher Wahrheit?

In der einfachen und klaren Serienwelt werden Geheimnisse aufgedeckt und Probleme gelöst. Dieses packende Fernsehspiel klärt das Geschehen nicht auf, macht den Zuschauer nicht schlauer als die Akteure. Es gibt dem Schrecken, daß auch Kinder morden können (SPIEGEL 11/1993), seine Unerklärbarkeit zurück.

Den ARD-Gewaltigen, die dem »Todesreigen« einen wenig quotenträchtigen Sendeplatz - König Fußball lockt im Zweiten - verliehen haben, war eine solche Botschaft zu hoch. Vom Trivialfernsehen und seinem Lösungsdenken infiziert, baten sie die zuständige Südwestfunk-Redaktion, ob man in das Spiel nicht einen Sozialtherapeuten einbauen könnte, der - einem Serienhelden ähnlich - doch alles aufklären möge. Solche Hierarchen gehören wirklich in die Schwarzwald-Klinik. Professor Brinkmann, übernehmen Sie!

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