Blanke Gattung
»Jedesmal, wenn der alte gallische und gaullistische Hahn sich in die Brust wirft ... um der ganzen Welt die Leviten zu lesen«, so weist der Pariser Essayist und Romancier Nourissier, 42, seine Landsleute zurecht, »zittert etwas in ihnen vor Lust.« Nach seiner Diagnose sind die Franzosen »seit geraumer Zeit der Illusion, der Großtuerei, dem falschen Schein« verfallen, und das bereitet dem kritischen Patrioten »Qual«.
Nourissiers ethnographisches Feuilleton mustert Frankreichs Politik und Geschichte, Küche und Kultur, Verkehr, Architektur, Mode und Liebe -- und findet fast alles ziemlich miserabel: Der Französin fehle es an Eleganz, dem Franzosen an Galanterie; Paris ersticke in einer »Rußglocke«. auf jeden Kubikmeter der großen Kaufhäuser kämen vier Millionen Mikroben. Trotzdem, so spottet der Verfasser, seien die »schönen Legenden« von der Weltgültigkeit der französischen Kultur anscheinend unverwüstlich.
Doch der französische Frankreich-Kritiker findet auch einige gute Worte für die Heimat: »Geht ins Gebirge«, so rät er, ein passionierter Skiläufer. seinen Mitbürgern; denn dort gebe es außer dem Schnee auch gute Hotels und Staudämme, »die unserer berühmten Kathedralen würdig sind«. Und der Anblick französischer Mädchen, »vor allem der jüngsten«, tröstet ihn etwas über Frankreichs »ästhetische Dekadenz« hinweg: »Die Gattung, lang, schlank, blank und gebräunt, hat Fortschritte gemacht.«
Die amüsante Polemik ist in Frankreich durchaus nicht als Nestbeschmutzung empfunden worden. Einigen Ärger bekam der Autor nur wegen seiner Bemerkungen über die »dicken siebzigjährigen Hausmeisterinnen« und deren »von gebratenen Zwiebeln verpestete Einsamkeit«.
Nourissier, so vermutete »Paris-Presse«, habe »wohl mit dem Leben abgeschlossen«.