Organhandel Blanke Not
Der bullige Russe genoß bei seinen westdeutschen Kollegen fachliche Sympathien. Professor Walerij Schumakow, Chef des Moskauer »Forschungsinstituts für Transplantologie und künstliche Organe«, war ein gern gesehener Gast bei Mediziner-Kongressen in der Bundesrepublik. Jetzt hat sich der Moskauer bei den westlichen Organverpflanzern in Verruf gebracht.
Vermittelt über eine Bremer Holz- und Metallhandelsfirma, hat Schumakow bundesdeutschen Dialyse-Patienten Ende Januar seine Dienste angeboten. Wöchentlich dreimal müssen diese Kranken an einen Blutwäsche-Apparat angeschlossen werden, bis sie eine passende Spenderniere eingepflanzt bekommen.
Jährlich 120 von ihnen will der Moskauer Transplanteur nun zu einer Spenderniere verhelfen - das zermürbende Warten hätte ein Ende. Doch die Offerte hat Schönheitsfehler: Implantiert wird nicht auf einem deutschen Operationstisch, sondern an einer Moskauer Klinik, und jedes Spenderorgan soll, einschließlich Operation und Unterbringung des Patienten, 120 000 Mark kosten.
Entsetzt waren Mitte letzter Woche Schumakows einstige Weggefährten im Westen. Friedrich Wilhelm Eigler, Vorsitzender der »Arbeitsgemeinschaft deutscher Transplantationszentren«, lehnte das Anerbieten aus Moskau rundweg ab. Der Kontakt zu Schumakow ist gestört. Die »Deutsche Dialysegesellschaft niedergelassener Ärzte« verwarf den Organ-Deal als »in höchstem Maße unethisch«. Es gehe nicht an, so Heinrich Kütemeyer, Vorsitzender des Nierenärzte-Verbandes, daß russische Nieren für »besonders zahlungskräftige Dialysepatienten aus der Bundesrepublik« käuflich würden.
Schumakow und sein Plan zielen auf ein sensibles Gebiet der Medizin. Bisher waren es zwielichtige Zwischenhändler, die Nieren aus Entwicklungsländern gegen Bargeld anboten. Mit der Offerte aus Moskau könnte ein Damm ins Rutschen kommen: Einer aus der Gilde der international anerkannten Organverpflanzer würde selbst beim Organschacher mitmischen; der weltweite Kommerz mit Spenderorganen wäre dann kaum mehr zu stoppen.
Das befürchtet auch die Organvermittlungszentrale »Eurotransplant« im holländischen Leiden, die anhand einer Computerdatei jeweils in kürzester Zeit ein verfügbar werdendes Spenderorgan einem Empfänger zuweist, der auf der Warteliste weit oben steht und dessen Gewebe mit dem des Spenders am meisten übereinstimmt. Alle Brücken zum Schumakow-Institut in Moskau, erklärte Eurotransplant-Verwaltungsdirektor Bernard Cohen letzten Donnerstag, seien »abgebrochen«. Noch bis vor kurzem klappte die Verbindung mit Moskau bestens: Nikolai Tarabarko, ein junger Mitarbeiter Schumakows, durfte auf Kosten der Leidener eine zweimonatige Fortbildung an einem westdeutschen Transplantationszentrum antreten.
Blanke Not hat nach Angaben von Volkmar Albers, Chef der Bremer Vermittlungsfirma ONA Trading GmbH, die Moskauer Transplanteure erfinderisch gemacht. Im Dezember hatte sich Alexander Strojew, Verwaltungsleiter am Schumakow-Institut, hilfesuchend an die Moskauer Bankgesellschaft Menatep Invest AG gewandt. Das Transplantationszentrum benötigt umgerechnet acht bis zehn Millionen Mark, um seine OP-Kapazitäten auszubauen und dringende Erneuerungen zu finanzieren. Läßt sich das Geld nicht lockermachen, gehen in dem Zentrum, wie Albers berichtet, womöglich demnächst die Lichter aus.
Die Moskauer Banker wußten Rat: In demselben Gebäude, in dem Menatep residiert, haben auch die Bremer Kaufleute ihr Büro - so begann die Deklarierung der Nieren als Handelsware.
380 Spendernieren standen Schumakows Chirurgen im letzten Jahr zur Verfügung. 220 davon fanden im Moskauer Zentrum einen Empfänger, 160 blieben übrig und wurden kostenlos an andere Zentren, darunter Eurotransplant, weitergegeben. Aus diesem Rest wollen die Russen in Zukunft harte Devisen schöpfen.
Die russischen Patienten bräuchten die Nieren selbst am dringendsten. Um die Versorgung mit Dialysegeräten steht es in der Sowjetunion weitaus schlechter als in anderen Ostblockländern. Viele der Nierenkranken sterben, so der Essener Eigler entrüstet, »Jahr für Jahr aus nicht-medizinischer Indikation« - wer keine Beziehungen hat, auf den wartet oft das Urämie-Koma. _(* Im Moskauer Forschungsinstitut für ) _(Transplantologie. )
Russische Aspiranten für die Nierenverpflanzung tauchen gelegentlich auch in den Karteien von Eurotransplant auf. Einige der Wartenden, behauptet der Bremer Zwischenhändler Albers, seien auch schon selbst in westdeutschen Transplantationszentren erschienen - mit einer Spenderniere im Gepäck.
Für westdeutsche Selbstzahler wäre das Risiko groß, die 120 000 Mark in den Sand zu setzen. Mit der Gewebetypisierung von Spendernieren, wichtigste Vorkehrung gegen eine Abstoßung des eingepflanzten Organs durch den Empfänger, nehmen es die Russen nicht sehr genau, wie letzte Woche der Bremer Transplantationsexperte Kurt Dreikorn warnte. Bei einem Teil der zu prüfenden Gewebegruppen beträgt die sowjetische Fehlerquote erfahrungsgemäß 50 Prozent, andere für die Verträglichkeit wichtige Gewebegruppen werden überhaupt nicht erfaßt. »Ich würde das Schumakow-Angebot in den Papierkorb werfen«, rät Martin Molzahn, Nephrologe am Berliner Humboldt-Krankenhaus.
Der Professor aus Moskau verfolgt seine Ziele beharrlich weiter. Grollend über den Aufruhr, den seine Nierenofferte in der Bundesrepublik ausgelöst hat, stieg Schumakow am Freitag letzter Woche in Berlin aus dem Flugzeug. Der Organverpflanzer will mit Presseleuten reden und bei den deutschen Kollegen gut Wetter machen.
Nikolai Tarabarko, sein im Westen geschulter Mitarbeiter, ist für den Chef seit Montag letzter Woche wieder frei verfügbar. Aus Unmut über Schumakow haben die Leidener Geldgeber dem jungen Russen das Stipendium entzogen.
* Im Moskauer Forschungsinstitut für Transplantologie.