Blaukäppchen - DER SPIEGEL
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FILM Blaukäppchen

»Pauline am Strand«. Spielfilm von Eric Rohmer. Frankreich 1983. 94 Minuten; Farbe. *
Von Urs Jenny
• aus DER SPIEGEL 39/1983
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Jaja, da ist die Welt drauf und dran, einfach unterzugehen, wenn wir nicht alle luchsmäßig aufpassen - aber einer setzt sich einfach an den Strand der Normandie ab, im schönen September, und dreht einen Film, in dem sich kein Mensch um die Menschheit sorgt, sondern alle rund um die Uhr nur mit den Kunststückchen der gegenseitigen Beschwindelung beschäftigt sind, die man Liebe nennt.

Jetzt, einen September später, ist Eric Rohmers jüngste Komödie, seine jüngste Scharade der Gefühlsverwirrungen, in den deutschen Kinos zu sehen. »Böser Wolf, bist du da?« sollte sie ursprünglich heißen, heißt aber nun einladend harmlos »Pauline am Strand« - es geht ja »nur« um den ersten Liebeskummer, die

Enttäuschungstränen eines kleinen Mädchens, das bei den verlogenen Ferienspielchen der Großen versehentlich überfahren wird: kein Weltuntergang.

Das Sprichwort-Motto heißt diesmal: »Wer zuviel redet, schadet sich« - und außer der fünfzehnjährigen Pauline reden da alle zuviel, viel zuviel, und nie übers Essen, immer über die Liebe, die »große« natürlich, als könnte man die herbeireden.

Für Marion, die schöne, vor lauter Schönheit schon zickige Blonde aus der Modebranche, die ihre kleine Cousine mit in den Urlaub genommen hat, muß Liebe eine Sache von Feuer und Flamme sein, brennend, verzehrend et cetera - wie eine überspannte Heroine des letzten Jahrhunderts schwärmt sie von der Feuersbrunst und sinkt dann rasch in die Arme eines schon ziemlich ausgebrannten Pyrotechnikers der Verführung.

Dieser Henri redet so schön von Ungebundenheit, Leichtigkeit, davon, daß man physisch wie moralisch ganz ohne Gepäck, ohne Besitz leben solle, daß sie nicht sehen will, wie bequem er das eigene Ferienhaus (Familienerbstück) als erotisches Sommerrevier nutzt.

Die großen Worte zum einen, zum andern die Zeichensprache der Körper - ein Blick, ein Achselzucken, eine Hand, die sich auf ein Knie legt -, wie das gegeneinanderläuft, sich widerruft, widerlegt: Das ist seit je Thema von Rohmers Experimentierlektionen in Sachen Gefühle, die so minuziös wie Farcen durchkonstruiert sind, aber wie sommerlich leichtfüßige Improvisationen daherkommen. Da wird nicht geschwitzt.

Im ersten Bild öffnet sich wie ein Theatervorhang ein Gartentor, und wie in Theaterszenen ist das Spiel gegliedert, das Rohmer anzettelt, in Dialogen, die so fein gefügt sind, daß Truffaut einmal gesagt hat, man höre sogar die Kommas. Nur ein Stück Garten, ein Stück Haus, ein Stück Strand, ein paar Straßenecken braucht er für seine immer kompliziertere Choreographie der Täuschungen; und nur drei weitere Figuren - einen tranigen Eifersüchtling, der Marion nervt, eine freche Dorfschöne, die Henri lockt, einen scheuen Strandfreund für Pauline.

Rohmers Kunst ist minimal art, Bestrickung durch nichts als Klugheit und Charme, eine helle, ganz unverlogene Kunst: Keine aufdringliche Großaufnahme (und erst recht keine dramatisierende Kinomusik), die Bilder sind ruhig und klar (das ist sein Blau-Weiß-Rot-Film, sagt Rohmer: Blau für die Verlierer, Rot für die Gewinner, Weiß für den Sommer) - an die Bilder soll man sich halten können.

Nur, wie klar ist ein Bild? Die ganze Komödie kreist um ein einziges Bild, um den zufälligen »Bildausschnitt«, den ein offenes Schlafzimmerfenster einem Zufallspassanten zeigt: ein Stück Frauenkörper, ein Stück Männerarm. Wer aber da was und mit wem und warum - die bodenlose banale Suche nach dieser »Wahrheit«, mit immer neuen Mutmaßungen, Ausreden, Umdeutungen fortbewegt, ist Rohmers Dreh, um in dem ganzen Tanz der Eifersucht, Eigenliebe und Eitelkeit andere Wahrheiten, eben diese, hervorscheinen zu lassen. Ihr redet dauernd von Liebe, sagt Pauline, dabei wollt ihr alle bloß geliebt werden.

Noch am Schluß - das Ganze dauert nur sechs Tage -, wenn der Gartentor-Vorhang wieder geschlossen wird, bleiben zwei »Wahrheiten« nach Wunsch übrig, was den Blick durchs Schlafzimmerfenster angeht, und Pauline hält den Mund. Sollen sich doch die Alten, wenn es mit Feuersbrunst und gegenseitiger Beschwindelung Asche ist, damit retten, daß sie sich selbst beschwindeln.

Urs Jenny _(Feodor Atkine (Henri), Amanda Langlet ) _((Pauline) und Arielle Dombasle (Marion). )

Feodor Atkine (Henri), Amanda Langlet (Pauline) und Arielle Dombasle(Marion).

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