ROBOTER Blecherner Butler
Die Zuschauer in einem Kaufhaus Philadelphias waren verblüfft. Vor ihnen fuhrwerkte ein Maschinen-Mensch umher -- »Sam Strugglegear«, der erste Haushalt-Roboter, wie ein Firmensprecher verkündete.
Mechanisch lenkte der 1,50 Meter große Blechriese einen Staubsauger über den Teppichboden. Dann stellte er sich in die Ecke, verbeugte sich und hob unvermutet an zu sprechen: »Ich bin der Vetter von R2 -D2.«
Jeder der Umstehenden wußte, wer gemeint war: »Erzwo-Dezwo« rollt durch den Science-fiction-Film »Star Wars« als mülltonnenähnlicher Roboter, der eine Raumprinzessin aus den Fängen galaktischer Eroberer rettet.
Was aber verbindet das Mechanik-Männchen aus dem erfolgreichen Hollywood-Film mit dem staubsaugenden Sam Strugglegear?
In beiden, so sieht es der Stanford-Wissenschaftler Paul Martin, komme eine verloren geglaubte, ur-amerikanisehe Idee zum Ausdruck. »Das Thema Technik fasziniert die Leute wieder«, findet Martin. »Sie wird wieder als gutartig empfunden -- dank der Taschenrechner beispielsweise und der »Viking'-Labors auf dem Mars.«
Auf dem Buchmarkt sollen nun gleich zwei Standardwerke eine Art Roboter-Kult fördern: ein Bildband ("Robots, Robots, Robots") und ein zum Frühjahr gleichfalls in den USA erscheinendes »Roboter-Buch«, dessen Autor Robert Malone Wiedergutmachung für die angeblich schlechte Meinung über elektronische Helfer leisten will.
Auf dem Feld der Industrie-Roboter, die in Autowerken schon seit Jahren als Lackierer oder Schweißer tätig sind, wollen US-Robotologen gar eine »neue Generation« hervorbringen -- mit elektronischem Tastsinn, Laserblick und Mikroprozessoren-Hirn, also der »Rückkopplung« fähig.
Dabei sind schon die derzeit eingesetzten Metall-Hiwis überraschend vielseitig. Der panzerturmartige Fließband-Arbeiter »Versatran F« etwa, vom Maschinenkonzern »American Machine and Foundry« als »der Welt stärkster Roboter« gepriesen, erfüllt wahlweise 32 Funktionen; er kann Autokarosserien hochheben, aber auch Eier in Kartons packen.
»Amerikas Roboter-Völkchen«, so deutet die »Washington Post« den Trend, »vermehrt sich ständig.« Ernie Sallot, Sprecher des Robot Institute of America, beziffert den Automaten-Zuwachs mit »125 bis 150 monatlich -- bei einem Gesamtumsatz von 50 Millionen Dollar.« Umsatzziel der Branche für 1990: drei Milliarden Dollar.
Einen Angriff auf die Haushalte der Amerikaner planen nun die Erbauer von Sam Strugglegear. Es sind acht Techniker, die vor zehn Jahren in Rutherford (New Jersey) eine Firma namens Quasar Industries gegründet haben -- mit dem erklärten Ziel, einen automatischen Butler zu entwickeln.
Im März, so verkündete Quasar-Präsident Anthony Reichelt, soll ein verbesserter Prototyp von »Sam« vorgestellt werden. Mitte nächsten Jahres soll mit der Massenproduktion -- 125 Roboter pro Tag, Stückpreis 4000 Dollar -- begonnen werden.
Zwölf Aufgaben soll der elektronische Hausfreund erledigen können -- neben Staubsaugen zum Beispiel Essen auftragen und Babysitting. Doch auch »Türdienst« und das »Absehrecken von Einbrechern« sei mit dem Elektronik-Domestiken möglich, so versichert jedenfalls »Sam«-Erfinder Reichelt.
Fachleute freilich äußern sich einstweilen skeptisch. »Was immer da versprochen wird -- es kann bestimmt nicht eingehalten werden«, grollt etwa John McCarthy' Direktor der Abteilung für Künstliche Intelligenz an der Stanford University in Kalifornien.
Robotologe McCarthy ("ausgemachter Schwindel") sieht sich bestätigt, seit vier Spezialisten der Carnegie-Mellon University (CMU) in Pittsburgh den Verdacht geäußert haben, der Kaufhaus-Prototyp sei ferngesteuert.
Immer dann nämlich, wenn Strugglegear anfing zu werkeln, habe -- vier Meter entfernt -- ein Herr im blauen Anzug in einer Tragetasche hantiert. Vor allem aber bezweifeln Skeptiker, daß »Sam« tatsächlich sprechen könne.
Laut Reichelt verfügt der Butler ohne Frack und Schürze über einen Sprachschatz von 4800 Wörtern; 250 soll er angeblich verstehen können. Doch bislang arbeiten die meisten Forscher, so auch bei der CMU, vergebens an einem Roboter-»Ohr«, das menschliche Kommandos unterscheiden könnte.
So meint denn auch Roboter-Kritiker McCarthy, Sam Strugglegear sei »eine getürkte Puppe« -- verwandt jenem schachspielenden Orientalen. den ein Baron von Kempelen 1769 vorführ. te. Im Inneren der Schachmaschine, gegen die sogar Napoleon und Edgar Allan Poe antraten, war damals ein äußerst schachbegabter Zwerg verborgen, der ungesehen die Figuren bewegte.
Die Hersteller der elektronischen Heinzelmännchen jedoch weisen jeden Verdacht zurück. »Was hätten wir davon, wenn wir ein paar tausend Stück verkaufen, und sie funktionieren nicht?« fragt Firmenchef Reichelt. »Ich würde im Gefängnis landen.«
Der Roboter-Hersteller denkt unterdessen schon daran, »Mode-Robotessen«, metallene Mannequins, und Roboter im weißen Kittel loszulassen -- »als therapeutische Gefährten Nervenkranker« (so Reichelt).
Doch schon bevor solche Erfinderträume reifen, wird »Sam« Gegenstand eines Gerichtsverfahrens sein.
Nach der Kaufhaus-Premiere in Philadelphia verklagte eine Kundin den Hersteller auf 100 000 Dollar: Der Roboter Sam Strugglegear habe ihr Kind durch unvermutetes Ansprechen und Anfassen »terrorisiert«.