Märchen »Blinde Ratte«
SPIEGEL: Herr Brednich, Sie haben Anekdoten von der »Spinne in der Yucca-Palme« und der »Maus im Jumbo-Jet« gesammelt. Jetzt arbeiten Sie an einer neuen Kollektion. Was wird da geflunkert?
Brednich: Schauermärchen aus dem neuen Deutschland - etwa über Ausländer und die multikulturelle Gesellschaft.
SPIEGEL: Eine Fallstudie, bitte.
Brednich: Im Bus will ein Kontrolleur einen Schwarzen überprüfen. Der nestelt scheinbar nervös an seiner Kleidung, der Beamte knarzt: »Na, hat El Bimbo keine Fahrkarte?« Der Fahrgast zückt sein Ticket, verlangt die Dienstnummer und höhnt: »El Bimbo ist Rechtsanwalt.«
SPIEGEL: Ihr jüngster Band heißt »Das Huhn mit dem Gipsbein«. Und der nächste?
Brednich: Ich liebäugele mit »Die Ratte am Strohhalm«.
SPIEGEL: Was passiert mit dem Nager?
Brednich: Ein Bauer erschlägt eine Ratte, die über seinen Hof läuft, und wundert sich, daß eine zweite, die hinter ihr herlief, plötzlich wie erstarrt sitzen bleibt. Ein Biologe wird geholt, und der stellt fest, daß die Ratte blind und von der ersten am Strohhalm geführt worden war.
SPIEGEL: Fabelhaft gesponnen.
Brednich: Der Fall ist in zwei Lehrbüchern über Ratten-Tierhaltung verewigt, als Beleg für gutes Sozialverhalten der Ratte. Fehlt noch, daß jemand behauptet, die Viecher schließen eine Lebensversicherung ab.
SPIEGEL: Woran erkennen Sie eine erfundene Geschichte?
Brednich: Man muß hart recherchieren, dreimal bin ich zur Freude der Leser der Wahrheit aufgesessen.
SPIEGEL: Wer hat Sie genasführt?
Brednich: Ein Mann, der 18 Tage lang in einem österreichischen Knast vergessen worden war und dabei 24 Kilo abgenommen hat. Das war keine Ente.
SPIEGEL: Hat Sie der Irrtum geärgert?
Brednich: Nein, mir geht es weniger um die Wahrheit als um die kollektiven Ängste in den Storys.
SPIEGEL: Sind Sie ein moderner Bruder Grimm?
Brednich: Nein, nur ein bescheidener Feldforscher. Grimms Märchen sind verstaubt, aber die Menschen erzählen sich immer noch gern Gruselmärchen. Kulturkritiker behaupten, die Medien seien Totengräber der Gesprächskultur. Ganz falsch.