Blinder Eifer - DER SPIEGEL
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MEDIZIN Blinder Eifer

Der Aufwand für Vorsorge-Untersuchungen von Herz- und Kreislaufleiden ist »hinausgeworfenes Geld«. Zu diesem Ergebnis gelangt der hannoversche Sozialmediziner Pflanz in einem Gutachten für Bonn.
• aus DER SPIEGEL 37/1978
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Unter den Glückwünschen, die der Wolfsburger Autoschlosser zum 45. Geburtstag bekam, war auch ein Brief von der Betriebskrankenkasse. Im eigenen Interesse, so las der VW-Mann, solle er doch die Untersuchungen zur Früherkennung von Herz- und Kreislaufkrankheiten mitmachen.

Am Schwarzen Brett oder in der Werkszeitung fanden die Mitarbeiter anderer Großunternehmen ähnliche Hinweise. In Cochem an der Mosel wurden per Postwurfsendung gleich alle Bürger über 15 Jahren zum großen Check-up aufgefordert: Mit Hilfe solcher Untersuchungen, so hieß es allerorten in der Bundesrepublik, lasse sich die moderne Seuche der Herz- und Kreislaufleiden eindämmen, das größte Gesundheitsproblem der Industrienationen.

Doch solchem Optimismus setzte nun der hannoversche Sozialmediziner und Epidemiologe Professor Manfred Pflanz einen Dämpfer auf -- in einem Gutachten über verschiedene Früherkennungs-Modelle, angefertigt im Auftrag der Bonner Ministerien für Gesundheit und Arbeit.

Fazit der Pflanz-Analyse: Das Geld für die aufwendigen Vorsorge-Programme gegen Herz- und Kreislaufleiden sei »aus dem Fenster geworfen«. Fast ausnahmslos werde außer dem Anhäufen von bloßen Daten und Befunden kaum etwas gewonnen. Insbesondere fehle die Nachbetreuung der einmal als gefährdet ermittelten Personen.

Bei den Experten weicht die allgemeine Vorsorge-Euphorie der frühen siebziger Jahre bereits seit einiger Zeit zunehmender Ernüchterung. »Skepsis, ja Resignation« sei weithin den großen Erwartungen gefolgt, gestand der Bielefelder Medizinsoziologe Christian von Ferber im Juli dieses Jahres auf einem Vorsorge-Symposium in Davos. »Der alte Schwung ist hin«, resümierte die »Neue Zürcher Zeitung« zum Abschluß der Tagung.

Den Schweizer Internistenpapst Walter Siegenthaler ärgert besonders der »Unsinn der jährlichen Checkups«, der medizinischen Rundum-Kontrolle, wie sie etwa manche Großfirmen für ihre Spitzenmanager eingeführt haben. Diese Art Gesundheits-Tüv hatten auch amerikanische Mediziner schon kritisiert.

Daß bei vorsorglichen Herz- und Kreislauftests die Erwartungen zu hoch gespannt waren, hatte Pflanz bereits 1975 konstatiert. Ab Mitglied einer Arbeitsgruppe des Europarats, die den Wert dieser Früherkennung-Programme prüfte, kam der Wissenschaftler zu dem Schluß, daß die die Sterblichkeit an Herz-Kreislaufleiden nicht nachweislich verringern.

Der öffentlich erteilte Tadel konnte aber den Früherkennungs-Eifer vor allem der westdeutschen Krankenkassen nicht bremsen Sie ermunterten ihre Mitglieder weiterhin dazu, in Screening-Untersuchungen Blutdruck und Lungenkraft messen zu lassen, aufs Fahrradergometer zu steigen, Urin- und Blutproben ins Labor zu geben und ihre Zipperlein auf Fragebögen zu vermelden.

In Warenhäusern und Banksehalterhallen tauchten die Testmannschaften der Krankenkassen auf -- sogar beim Deutschen Turntest in Hannover Anfang letzten Monats. Pflanz-Kommentar: »Was für ein Quatsch, sollte so schnell wie möglich gestoppt werden.«

Der Stolz der Organisatoren über hohe Teilnehmerzahlen geht meist einher mit dem Hinweis auf tu erwartende Kosteneinsparungen im Gesundheitswesen. Offenbar eine Fehlrechnung: Pflanz analysierte 14 verschiedene Screening-Modelle und fand für alle. daß sie medizinisch kaum von Nutzen und »wirtschaftlich nicht vertretbar« seien.

Schuld daran sind vor allem zwei Kardinalfehler.

* Die Tests sind zu uneinheitlich -- »alle haben maulwurfartig nebeneinander hergearbeitet« (Pflanz).

* Das eigentliche Ziel -- dem vorzeitigen Herztod durch geändertes Verhalten des Patienten vorzubeugen -- wird meist vernachlässigt. Der Wirrwarr beginnt schon mit der Auswahl der Personengruppen. So fand Pflanz eine eindeutige »Bevorzugung des männlichen Geschlechts": In keinem der Programme wurden Männer, in mehreren aber Frauen von der Untersuchung ausgeschlossen. In einigen sind beide Geschlechter anspruchsberechtigt. jedoch die Altersgrenzen nicht gleich.

In fast allen Programmen wird nach Übergewichtigen und nach Personen mit zu hohem Blutdruck gefahndet. »Was Übergewicht jedoch ist, definiert jeder anders«, bemängelt Pflanz. Zum Hochdruckler wurde auch gestempelt, wer nut wegen der Aufregung hohe Werte zeigte -- die Nachuntersuchung fehlte.

Manchmal wurden auch Methoden eingesetzt, die zur Früherkennung von Herz-Kreislaufleiden gar nicht taugen. zum Beispiel Blutsenkung Lind Brustdurchleuchtung. Wichtigere Kriterien -- etwa der Persönlichkeitstyp ("Streßtyp« oder »Gemütsmensch") -- fehlten dagegen oft.

Unterschiedlich waren die jeweils benutzten Geräte. die (meist zu umfangreichen) Fragebögen und die Methoden der statistischen Auswertung. So bleibt die Frage, welches der 14 getesteten Modelle sich am besten eignet, einstweilen ungeklärt.

In den wenigsten Fällen, so Pflanz, gingen die Vorsorge-Tester der Frage nach, wie denn die Risiko-Patienten auf die Warnung reagieren. Ob der vorn Herztod Bedrohte tatsächlich zum Hausarzt geht, oh er fortan weniger raucht oder magerer ißt. blieb unkontrolliert.

Doch gerade solche Nachbetreuung, und nicht die bloße Befunderhebung könnte nach Überzeugung von Pflanz die Infarktrate senken. Eine Früherkennung, die »lediglich Apparate, nicht Personen in Bewegung setzt«, so folgert der Sozialmediziner, »ist unbrauchbar«.

»Eine generelle Einführung der Programme zur Herz-Kreislauf-Früherkennung als Kassenleistung«, so faßte Pflanz seine Ergebnisse für die Bonner Ministerien zusammen, »ist nach dem gegenwärtigen Stand der Dinge nicht zu empfehlen.« Gelänge es statt dessen, die Gefährdeten durch ärztliche oder auch klinische Beratung vom übermäßigen Rauchen und Essen abzubringen und sie zur regelmäßigen Blutdruckmessung zu animieren, so wäre für weniger Geld womöglich mehr erreicht.

Ob solches Umpolen auf Gesundheitserziehung Anklang findet, ist allerdings zweifelhaft. Welcher Politiker, so fragt das Medizinerblatt »Medical Tribune«, »möchte nicht lieber Placebos wie EKG und Röntgen-Thorax austeilen als das Wahlvolk zu herzschonender, aber unpopulärer Askese ermahnen«?

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