PSYCHOLOGIE / SELBSTMORD-VERSUCHE Blutige Geste
Der Staatsanwalt im Münchner »Enzian »-Prozeß beantragte die Höchststrafe. Am Mittwoch letzter Woche forderte er für Christel Müller, 25, und Wilhelm Leinauer, 27, wegen versuchten Mordes und fahrlässiger Tötung lebenslange Zuchthausstrafen.
Wenig später schien es, als wollte sich Christel Müller dem Richterspruch entziehen. In der Sitzungspause nach dem Plädoyer des Anklägers stieß sich die Beschuldigte mit einem scharfkantigen Löffel ins linke Handgelenk -- sie versuchte, die Pulsader aufzuschlitzen. Müller-Anwalt Franz Rietzler konnte seiner Mandantin das Selbstmord-Instrument entwinden.
Ob freilich die Schutzbefohlene des Anwalts wirklich zum Selbstmord entschlossen war, erscheint zumindest fraglich. Denn die Verzweiflungstat der Christel Müller trägt alle Züge eines Verhaltens, das nach Ansicht vieler Psychiater die ernste Absicht zur Selbsttötung ausschließt.
Für die Selbstmordforscher ist seit langem durch Statistiken erwiesen, daß keine Art des Angriffs auf den eigenen Körper so häufig praktiziert wird wie das Pulsaufschneiden -- daß aber durchschnittlich nur eine von 100 vollendeten Selbsttötungen auf diese Art bewerkstelligt wird.
Zwischen 30 und 50 Prozent aller Selbstmörder scheiden durch Erhängen aus dem Leben, jeweils weitere fünf bis zehn Prozent inhalieren Giftgase, schlucken Schlafmittel in tödlichen Mengen, erschießen oder ertränken sich.
Auch Pillenschlucker und Todesspringer richten es häufig so ein, daß ihr Vorhaben rechtzeitig bekannt wird und noch Rettung möglich bleibt. Bei »Puls-Aufschneidern« ("wrist slashers") indes haben amerikanische Seelenärzte -- wie das Wissenschaftsblatt »Science News« in seiner jüngsten Ausgabe berichtet -- derlei Arrangements so häufig beobachtet, daß sie diesen Typ von Lebensüberdrüssigen nicht länger zur Kategorie der wirklichen Selbstmordkandidaten rechnen wollen. Die meisten Puls-Aufschneider, so meinen die Psychiater, suchen nicht den Tod, sondern entladen in einem blutigen Ritual psychische Spannungen oder den Widerwillen gegen die eigenen Lebensumstände.
Speziell bei einer Gruppe jugendlicher Patienten -- vor allem Mädchen bis zum Alter von 25 Jahren -- fanden die Nervenärzte eine ausgeprägte Neigung zur Selbstverstümmelung. Mit Klingen und Scherben schneiden sich die verstörten Kranken in die Handgelenke, die Oberschenkel oder in die Bauchdecke. Etwa jede zehnte Patientin in amerikanischen Nervenkliniken, so ermittelte der Psychiater Dr. Harold Graff aus Philadelphia, verletzt sich vorsätzlich mit einem Messer oder einem spitzen Gegenstand.
»Unter den Puls-Aufschneidern«, berichtete der Harvard-Professor Henry Grunebaum, »bilden sich rasch kleine Gruppen.« Die scheinbar Daseinsmüden wetteifern mit Selbstmordversuchen. »Die Patientin mit den meisten Einschnitten ist die »Haupt-Aufschneiderin« ... Sie verletzen sich, um sich jeweils selbst zu beweisen, daß sie am unglücklichsten sind.«
Mitunter wächst der Hang zur Selbstverstümmelung zur Massenhysterie. So kam es vor einigen Jahren in einem Krankenhaus in Chicago zu einer Epidemie von Schein-Selbstmorden: Innerhalb eines Wochenendes schnitten sich zwölf Mädchen insgesamt 90mal ins eigene Fleisch. Sie überlebten alle.
Nach Meinung der Psychiater wollen die Puls-Aufschneider, die fast immer unter der Kälte und Lieblosigkeit ihrer Umwelt leiden, mit ihrer dramatischen Selbstmord-Geste zumindest für einen Moment das Mitleid und die Zuneigung ihrer Nächsten erwecken. Um sie von ihrer Selbstmordneigung abzulenken, genügt es nach der Erfahrung des Psychiaters Dr. Graff mitunter schon, wenn der Arzt den Arm um die Patientin legt, »als wäre sie seine kleine Tochter«.
Von einem Gefühl der Erleichterung und lustvoller Entspannung berichteten die Puls-Aufschneider jedoch auch, wenn sie die Selbstverletzung vollzogen hatten. Wenn sie auf dem Höhepunkt einer qualvollen seelischen Spannung das Messer ins Handgelenk drücken, verspüren sie kaum Schmerz, aber bisweilen ein seliges Empfinden von Läuterung. »Ich merkte«, so berichtete ein Mädchen, »wie das Böse aus mir wich.«
Gewandelt erschien auch die des Mordversuchs verdächtigte Christel Müller, als sie nach ihrem Selbstmordversuch in den Gerichtssaal zurückgeführt wurde. Zum erstenmal im Verlauf des Prozesses gab sie ein gewisses Schuldbewußtsein zu erkennen. Dann bat sie die Richter um ein mildes Urteil. _
Das Gericht freilich fällte einen strengen Spruch: Es verurteilte am Freitag letzter Woche Christel Müller und ihren früheren Geliebten Wilhelm Leinauer zu je 15 Jahren Zuchthaus.