FILM Botschafterin des Zorns
Es hätte nicht sein müssen, doch es schadet ja nie. Die Jungfrau von Orléans ist mysteriös, attraktiv und charismatisch genug, um immer mal wieder als Leinwand-Erscheinung zu überraschen. Was würde Luc Besson, der brillante Kraftmeier und Erfolgsmacher des neueren französischen Kinos, der Erfinder so schöner androgyner Action-Girls wie der Killerin Nikita, aus der kindlichen Träumerin Jeanne machen? Ihr hatten Engelsstimmen vom Himmel herab zugerufen: Zieh in den Krieg! Befreie Frankreich! Kröne den König! Auch der Naturbursche Besson, der, wie man hört, neuerdings einen feudalen Lebensstil als Schlossherr in der Normandie pflegt, scheint himmlische Stimmen vernommen zu haben, und sie riefen ihm zu: Gehe hin und drehe einen Film! Feiere die Botschafterin Gottes! Und ihr Name sei Milla Jovovich!
Dass sich Bessons »Johanna von Orléans«, die der Originaltitel »The Messenger« als Botschafterin Gottes ankündigt, auf Anhieb als schönes androgynes Action-Girl mit Hau-und-Stech-Power erweist, ist kaum überraschend. Was aber diese Kriegs-Heroine ansonsten sein möchte, da als Botschaft des Films schon der Vorspann mahnt: »Du sollst nicht töten!«, ist eher konfus. Sicher ist: Dieses jüngste Bessonsche Abenteuer huldigt mit gewaltigen filmischen Behauptungsgesten und Verklärungsposen vor allem einer Vision: der Idolisierung von Milla Jovovich.
Alles begann, wie die PR-Legende berichtet, vor zwei oder drei Jahren mit ein paar offenbar hinreißend suggestiven Modefotos, die Milla Jovovich, Calvin-Klein-Model und frische Besson-Ehefrau, als amazonenhafte Kriegerin zeigten. Ihrem Anblick, so heißt es, entsprang in Bessons verliebter Begeisterung die Werbebotschaft »Milla=Jeanne«. Vielleicht hatte er überhaupt nie eine andere Idee.
Branaghs »Henry V« oder Chéreaus »Bartholomäusnacht« mögen ihm als Beispiele vorgeschwebt haben. Und da man seit dem Erfolg von »Braveheart« auch in Hollywood an den Appeal mittelalterlichen Schlachtgetümmels glaubt, wurde Sony zum Co-Financier von »The Messenger« neben dem französischen Gaumont-Konzern: So schwoll Bessons Kriegskasse auf gute 60 Millionen Dollar an.
Im östlichen Tschechien, wo Armeen von billigen, willigen Hilfskräften sich ziemlich klaglos strapazieren lassen, hat dann im Sommer und Herbst 1998 Besson mit seiner bekannt berserkerhaften Durchsetzungskraft die Schlammschlacht um Orléans in Szene gesetzt. Allerdings gab (der französischen »Libération« zufolge) schon kurz nach Beginn der Dreharbeit der Tod eines tschechischen Stuntman dem Filmmotto »Du sollst nicht töten!« eine düstere Resonanz, und auch die Ehe Jovovich-Besson ging, wie die Regenbogenpresse weiß, in diesem Getümmel zu Bruch - doch die rein spektakelmäßige Ausbeute der Schinderei ist, in dieser ersten Filmhälfte, von imposanter Expressivität.
Das Besondere an »The Messenger« sei, so sagt Milla Jovovich, Amerikanerin ukrainischer Herkunft, »dass ein Franzose aus einem französischen Stoff einen amerikanischen Film gemacht hat«. Besson hingegen - mit Blick auf sein französisches Stammpublikum - dreht den Spieß ins Patriotische um: Sein Motiv sei »Zorn« gewesen, ein offenbar geradezu heiligmäßiger Zorn auf zwei Jeanne-d'Arc-Projekte à la Hollywood, Zorn auf die Amerikaner: »Die massakrieren die großen europäischen Stoffe meistens. Ich wollte, dass das ein französischer Film wird.« Und dass die vier Hauptdarsteller erwiesenermaßen Amerikaner sind? Ach, papperlapapp.
Die amerikanische Regisseurin Kathryn Bigelow, die vor einem Gericht in Los Angeles gegen Luc Besson klagt, hat in dieser Sache ihren eignen Zorn. Sie hatte vor fünf Jahren für ihr eigenes Jeanne-d'Arc-Projekt »Company of Angels« Besson als Co-Produzenten gewonnen - bis ihr klar wurde, dass dessen einziges Interesse war, anstelle von Claire Danes als Star seine geliebte Milla Jovovich durchzuboxen. Darüber kam es nicht nur zum Streit, sondern, so meint Bigelow, Besson brachte auch die Finanzierung ihres Films zu Fall. »The Messenger« ist in den US-Kinos längst durchgefallen, doch der Prozess um die Hollywood-Vorgeschichte kommt erst im nächsten August zur Entscheidung.
Auch in Frankreich hat der verwöhnte Triumphator Besson mit seiner »Jeanne d'Arc« an den Kinokassen eine schwere Schlappe erlitten, nicht nur gegen »Asterix und Obelix": Er schaffte nicht einmal den Sprung auf die Liste der zehn erfolgreichsten Filme des Jahres 1999. Vielleicht erschien diese Milla=Jeanne (gewiss eine kühl-mondäne Beauty, doch bislang keine begnadete Schauspielerin) sogar den jüngeren Franzosen zu popidolhaft hochgejubelt: Was ans Herz rühren sollte, löst sich in ekstatische Bilder auf.
Richtiger wäre natürlich der Bilderrausch dieses Films ganz anders zu betrachten: als zweieinhalbstündiger Videoclip zu der bombastischen Partitur von Eric Serra. Vor ein paar Wochen erst hat RTL mit einem Zweiteiler made in USA das magere Bauernmädchen Jeanne zur »Frau des Jahrtausends« ausgerufen. Dies ist Milla Jovovichs Woche, als Engelchen prangt sie sogar auf der »Hörzu«. Doch aus Hollywood, Bessons verfluchtem Hollywood, kommt schlimme Botschaft: Schon ist ein neuer »Joan of Arc«-Film in Arbeit, und diesmal schwingt Mira Sorvino, Woody Allens sinnenlustige »Mighty Aphrodite«, das jungfräuliche Schwert des Zorns. URS JENNY