Bräutigam springt durchs Fenster
Die deutschen, wenigstens die Berliner Kenntnisse des dramatischen Werkes Gogols, bislang nur auf den »Revisor« beschränkt, wurden erweitert: Das Steglitzer Schloßpark-Theater zeigt im Berliner Haus der Sowjetkultur, Nikolai Wassiljewitsch Gogols Komödie »Die Heirat«. Der Hofrat Podkoljessin liegt im Schlafrock auf dem Sofa- und spielt mit dem Gedanken, sein etwas unordentliches und trotzdem langweiliges Junggesellendasein durch eine Heirat zu beleben. Eine Heiratsvermittlerin hat ihm die wohlhabende Kaufmannstochter Agafia ausgesucht. Er rafft sich, von seinem Freunde Kotschkarew gedrängt, zu einem Antrittsbesuch auf.
Außer dem Hofrat, den der Freund ständig ermuntern muß, finden sich vier Freier bei Agafia ein. Das Mädchen kann sie nicht entschließen.
Nachdem Kotschkarew mit einer Intrige die drei anderen Freier dahin gebracht hat, über die Heiratsvermittlerin wegen ihrer übertriebenen Angaben von des Mädchens Talenten herzufallen, führt er eine Aussprache zwischen Agafia und Podkoljessin herbei. Die Sache wird perfekt. Nur verliert der Bräutigam im letzten Augenblick den Mut und entwischt durchs Fenster.
Das wird mit ganz primitiven Mitteln durchgeführt, aber mit Gogols unvergleichlicher Charakterisierungskunst. Das Stück ist breit angelegt und mit vielen Monologen belastet. Die Fähigkeit, einen menschlichen Charakter wirklich vollrund mit all seinen Fassetten auszuarbeiten, nimmt für sich ein.
Allerdings, es ist für deutsche Schauspieler offenbar nicht einfach, solche russischen Figuren wirklich überzeugend darzustellen. Diesmal konnte es als einziger Franz Stein. Sein leicht vertrottelter Marineleutnant war, ohne Jede Spur von Uebertreibung, aufs feinste ausgearbeitet.