Brennendes Problem - DER SPIEGEL
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Medizin Brennendes Problem

Die Lustseuchen, neuerdings auch ohne Alarm-Symptome, breiten sich wieder aus. Die Amerikaner starteten, um die Jugendlichen darüber aufzuklären, eine 450 000 Mark teure Fernseh-Show.
• aus DER SPIEGEL 50/1972
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Das winzige Lebewesen gebärdete sich wie wild: »Platz da! Das ist mein Uterus -- Privatgelände!« »Hör mal«, entgegnete sein Rivale. »ich schwimme schon seit ein paar Stunden in dieser Gebärmutter!«

»Bizarr, aber spaßig und lehrreich« findet das US- Magazin »Time«, wie sich zwei Schauspieler in einer Pappmach& Höhle um die besten Plätze streiten: New Yorks Broadway-Star James Coco, der eine besitzsüchtige Gonokokke mimt, und Robert Drivas, der als Syphilis-Erreger vom Körper einer jungen Frau Besitz ergreifen will.

Den wunderlichen Einakter ersann der Fernseh-Produzent Don Fouser, der im amerikanischen TV-Betrieb als Enfant terrible gilt. Diesmal fertigte Fouser zusammen mit Dick Cavett, einem nationalen Show-Hero vom Schlage Dietmar Schönherrs, eine Sendereihe an, die er als »schmerzlose Belehrung über ein brennendes Problem« verstanden haben will.

Und das meint er buchstäblich so.

Mal kalauernd ("Penicillin ist das ideale Geschenk für den Mann, der schon alles hat"), mal poppig. wenn die Beat-Band »Dr. Hook and the Medicine Show« den Ton angibt, vor allem aber informativ (ein Akteur im weißen Kittel spricht über die möglichen Folgen von Analverkehr) klärt Fousers Team über Geschlechtskrankheiten auf.

Fousers Serie »VD Blues"**, die alles Wissenswerte über »Clap« (US-Jargon für Tripper) und »Syph« enthält, hat alle Aussichten, zum ständigen Repertoire des Fernsehprogramms zwischen Ost- und Westküste zu zählen. Die »Saturday Review": »als eine Art Sesame Street für die sexuell Aktiven«.

Den Gesundheitshütern ist das farbige TV-Spektakulum schon jetzt willkommen -- als Waffe im Kampf gegen die ständig steigende Zahl von Geschlechtskrankheiten in den USA. Vor ein bis zwei Jahrzehnten scheinbar fast ausgerottet, breiten sich Gonorrhöe und Syphilis neuerdings wieder stürmisch aus. Allein in den ersten sechs Monaten dieses Jahres registrierten amerikanische Gesundheitsstellen 700 000 Neuerkrankungen: die Dunkelziffer in den USA schätzen Experten gar auf zwei Millionen.

»Neue Hinweise, daß gynäkologische Komplikationen und Sterilität durch

* Mit Showmaster Dick Cavett

** VD: Abkürzung für venereal disease = Geschlechtskrankheit

die Gonorrhöe häufiger werden«. träfen aus fast allen Industrieländern ein. warnte kürzlich auch die Weitgesundheitsbehörde WHO. Besorgt äußern sich die Genfer Seuchen-Wächter vor allem über die Häufung »maskierter« Fälle von Gonorrhöe -- Erkrankungsfälle, bei denen die jedenfalls für Männer ehedem typischen Symptome (grünlich-gelber Ausfluß, Brennen beim Wasserlassen) nicht auftreten.

Diese verkappte Form des Trippers bei männlichen Patienten hatten US-Mediziner vereinzelt schon Anfang der sechziger Jahre entdeckt. Doch mittlerweile scheint sie weit verbreitet. So hatte sich in einer Gruppe von 314 amerikanischen Vietnam-Soldaten, die unter Gonorrhöe litten, schon jeder fünfte mit der symptomfreien Variante der Krankheit angesteckt. Die vermeintlich Gesunden verbreiteten das Leiden weiter, bis es bei einer Routineuntersuchung zufällig entdeckt wurde.

Grund zur Furcht vor solch schleichender Ansteckung haben auch die Westdeutschen. Zwar blieb das Ausmaß der Gefahr in der Bundesrepublik jahrelang verborgen, denn erst seit Juli vorletzten Jahres ist mit der Meldepflicht und der Erfassung von Geschlechtskrankheiten wieder begonnen worden. Aus der Bilanz des Jahres 1971 jedoch läßt sich bereits ablesen, daß der Trend wie in den USA ansteigend ist.

Insgesamt registrierten die westdeutschen Gesundheitsämter 1971 nahezu 76000 Tripper- und etwa 6000 Syphilis-Neuerkrankungen. Dabei wurden die Krankheiten in Großstädten wie Hamburg, Berlin oder Bremen etwa zwei- bis viermal so häufig verzeichnet wie im Bundesdurchschnitt.

Ähnlich wie in den USA sind es in zunehmendem Maße Teenager und Twens. die an Gonorrhöe erkranken: Nahezu 60 Prozent aller Fälle konzentrieren sich schon in dieser Altersgruppe. Pille. Sorglosigkeit und mangelndes Wissen uni die Gefahr mögen daran beteiligt sein, daß in der Gruppe 15- bis 19jähriger bereits mehr Mädchen als männliche Patienten zu den Erkrankten zählen.

Versuche, die jungen Leute über Gefahren und Symptome von Tripper und Syphilis aufzuklären, blieben in der Bundesrepublik bisher unzureichend -- offenkundig zum Schaden der Betroffenen. Jeder vierte Tripper-Träger, so ermittelte das Statistische Bundesamt. mußte zuvor schon mindestens einmal mit der Penicillin-Spritze kuriert werden.

Dabei findet richtig angelegte Aufklärung anscheinend genügend Interessenten. 19 440 Fragesteller beispielsweise wählten allein im März dieses Jahres in Hamburg die eigens installierte Rufnummer 1 16 02, um sich von einem Drei-Minuten-Tonband für den Fall der Fälle Rat geben zu lassen. Und mehr als 10 000 meist jugendliche Kassenmitglieder meldeten sich bei einer Fragebogenaktion der DAX zum Thema Intimhygiene und Geschlechtskrankheiten. Mittlerweile hat die DAX 300000 Exemplare einer entsprechenden Broschüre an ihre Mitglieder verschickt.

Weit lockerer sprechen die amerikanischen Fernseh-Aufklärer Fouser und Cavett über »Clap« und »Syph« zu ihren jugendlichen Zuschauern, der Hauptzielgruppe ihres »VD Blues«.

Für sie veranstaltete das TV-Team auch noch eine Prozession zotteliger Demonstranten, die vor einer Hautklinik Spruchbänder ("Clap«-Comics) entrollen und Sprüche anstimmen wie; »Don't give a dose to the one you love most.«

»Eine predigende Dokumentation«, so rechtfertigt Moderator Dick Cavett das grillenhafte Treiben, »wäre bei jungen Leuten ein Desaster«

Vor allem aber erhoffen sich Produzent Fouser und Cavett eine Art publizistischer Langzeitwirkung von ihrer Arbeit. Parallel zur »VD Blues«-Sendereihe läuft eine Kampagne auf Plakatwänden ("Clap -- in Minnesota nicht willkommen"), in Zeitungen. im Rundfunk und per Telephon.

Das Echo war ermutigend. Allein in der Nacht nach der ersten Show-Folge riefen beim Sender 15 000 Amerikaner an, die nach weiteren Informationen fragten.

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