BÜCHER Brevier der Lüste
Zu den »Verhaltensmustern des unterdrückten Menschen«, so schreibt die »Projektgruppe Kooperativer Familienverband«, gehöre unter anderem dies: »starre Zeiteinteilung«, »forcierte Partyheiterkeit«, auch »Impotenz und, logisch, »Ehekrisen. Muß das sein?
Der Soziologe Frank Böckelmann, 29, hat, um dem abzuhelfen, »Modelle eines Zusammenlebens ohne Leistungsdruck, Frustration und Angst« zusammengetragen und kritisch kommentiert -- Modelle, die von Kommunen, Kooperativen, Architekten und Soziologen entworfen wurden und eins gebären wollen; den neuen Menschen.
Das bietet sich an: ein Leben in Kommunen und Großfamilien Regulierung des Konsums durch »Bedürfnisräte; oder auch »kostenlose Verteilung von Nahrungsmitteln an Minderheiten, Randgruppen, Individuen, die es vorziehen, nicht zu arbeiten«.
Freilich, Arbeit kann, falls kollektiv, auch sinnreich sein, wie Jan Myrdals Bericht vom rotchinesischen Dorf Liu Ling belegt. Doch der Mensch der Zukunft, so weissagt der holländische Architekt Constant, wird »befreit (sein) von der Bürde der Arbeit und deshalb Künstler werden.
Er wird, in einer vollklimatisierten Superstadt, am Ambiente modem, seine »kreative Potenz freilegen« und sich »Spieltrieben hingeben«. Das drängendste Bedürfnis, die Liebe, kann er künftighin, traut er dem Gegenkultur-Philosophen Rolf Schwendter, »womöglich mit Nulltarif« befriedigen. Denn um das heutige »vorindustrielle Chaos anarchischer Konkurrenz« der sexuellen Praxis zu lichten, entwarf Schwendter ein öffentliches »Kontakt-Zentrum«, wo Partner sich per Video-Recorder finden und »Sadisten Tischtennis spielen.
So mengt sich Spleeniges, Spekulatives und Sozialistisches zu einem brauchbaren Brevier utopischen Lustlebens. Herausgeber Böckelmann sieht im Verheißen von Genüssen sogar eine Unterwanderungsstrategie: »Nur wenn wir ..., anspruchsvolle öffentliche Sehnsüchte entfachen, stellen wir das Normensystem des organisierten Kapitalismus in Frage.«